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Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingstwunder

In Frankfurt sitzt der Romanist Gottlieb Elsheimer, gerade von einem internationalen Kongress in Rom zurückgekehrt. Dort tagte man auf dem Aventin und sprach über Dantes „Divina Commedia“. Für eine Runde Wissenschaftler war die Veranstaltung erstaunlich locker, aber man kennt und schätzt sich. Gottlieb Elsheimer sitzt in seiner Wohnung, mal beim Italiener und schwätzt. Bereits zu Beginn des Romans erfährt der Leser, irgendetwas ist vorgefallen. Drei der 34 Forscher sind auf rätselhafte Weise verschwunden, in den Himmel oder die Hölle gefahren.

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Auf steinigem Berggelände vertreten drei wilde Tiere dem herumirrenden Dante den Weg – Luchs, Löwe und Wölfin. Und es sind wiederum drei himmlische Frauen, die sich zu einem Rettungsmanöver verbünden, um den zaudernden Florentiner mittels des ausgesandten Vergil zur Jenseitsreise zu bewegen – Maria, die heilige Lucia und die von Dante angebetete Beatrice, die früh verstorbene, hell lodernde Flamme seiner verliebten Jünglingsjahre, die als verklärte Gestalt im Himmelt weilt. Ob nun im Himmel oder nicht, jetzt, 2014, vor dreizehn Tagen, sind dreiundreißig Dantisti verschwunden, obendrein drei Hausangstellte.

Was ein Suspense: schon zu Beginn weiß man irgendwie Bescheid, wird aber derart im Dunkeln gelassen, dass sich tatsächlich etwas wie Spannung einstellen könnte. Aber die gesamte Handlung versickert in Nebensächlich- und Langweiligkeiten. Toll, lustig, verschrobene Wissenschaftler sind sie alle da in Rom, ein lustiges Hündchen ist dabei, das die Stimmung auflockert. Kicher kicher. Aber eher ein Altherrenwitz, der im Raum verpufft und beschämende Stille verursacht. Während Gottlieb (noch so eine Anspielung) Elsheimer seine Gedanken und Erinnerungen sortiert, um dem Pfingstwunder, dem Verschwinden der Kollegen, auf den Grund zu gehen und herauszufinden, warum er als 34. nicht mitgenommen wurde (die Commedia hat je 33 Kapitel plus Prolog, was der Leser auf Seite 33 lernte), flicht Lewitscharoff sämtliches Dante-Wissen der Neuzeit in einen Roman, das Neugier auf die Commedia macht, aber nicht nach „Das Pfingstwunder“, sondern an seiner Stelle. Es scheint fast als suchte sie nur einen Rahmen, um dorthinein dieses Wissen zu stopfen.

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„Das Pfingstwunder“ ist sicher kein Kandidat für die Shortlist, ein Pfingstwunder, dass Lewitscharoff es überhaupt auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Vielleicht war es der Büchner-Preis, der sie hierauf hob, ihr Schreiben war es nicht. Gottlob sitzt Gottlieb in seinem Studierzimmer, nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Lewitscharoff ihn auf die Spuren Dantes ins Jenseits geschickt hätte.

Von soviel Blödsinn wird mir schwindlig. Ich muß pausieren. Vielleicht ein Tee? Vielleicht was Labberiges, das mich bei Stimmung hält und mich nicht weiter angreift?

(Schreibt Gottlieb, könnte aber auch vom Rezensenten sein.)

Besprechung von: Tilman Winterling, Betreiber des Blogs 54books


Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder. Suhrkamp Verlag, 2016. 350 Seiten, 24€.

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Erinnerungen an den Deutschen Buchpreis

Während wir uns an den letzten schönen Sommertagen schon fleißig an die Lektüre der nominierten Bücher gemacht haben und die nächsten Rezensionen bereits in Vorbereitung sind, wagen drei von uns auch noch einmal einen Blick zurück: Constanze, Sarah und Claudia denken darüber nach, was sie eigentlich mit dem Deutschen Buchpreis verbinden und welche nominierten Bücher ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind.


13879449_10210213672248851_5898182272446217021_nSarah Reul: Eines hat der Deutsche Buchpreis in den letzten zehn Jahren ganz sicher geschafft – er hat mir einige schöne, literarische Entdeckungen verschafft und es hat mich immer wieder gefreut, Autoren, die ich schon länger lese und schätze, auf der Longlist wiederzufinden. 2012 war für mich einer der stärksten Jahrgänge, denn hier dürfte ich drei sehr unterschiedliche Bücher lesen, die mich, jedes für sich, lange beschäftigt haben. Eine meiner liebsten Entdeckungen war sicherlich das Einlassen auf das Werk von Clemens J. Setz als er für „Indigo“ nominiert wurde und auf der Shortlist landete. Die Kurzbeschreibung sowie das erste Presseecho, was ich las, hatten mich nicht gerade ermuntert. Die Leseprobe hingegen sehr. Ich ließ mich darauf ein und habe es nicht bereut: Setz bricht ein wenig die „Literatur, die wir kennen“ auf – er arbeitet mit unterschiedlichen Textarten/Schriften/Zetteln/Notizen – (was mich zuvor abschreckte, spann im Roman den roten Faden) und man lässt sich auf eine wilde Geschichte ein, die einen Sog entwickelte, dem ich mich nicht entziehen konnte. Spannendes Spiel um Wahrheit, Erleben und geheimnisvoll – ob zum Schluss alle Fäden zusammenlaufen, vermag ich nicht zu sagen, aber das Buch hat es in sich! Er hatte mich durch seine neue Art, Literatur zu interpretieren überzeugt. Das Buch wagte etwas und trotzdem las es sich nicht anstrengend, sondern sehr fesselnd. Noch dazu ist es wunderbar gestaltet, innen und aussen. Zudem beeindruckte mich Michael Roes mit „die laute“. Die Geschichte einer gehörlosen Komponisten klang für mich schon so abstrakt, dass ich allein deswegen das Buch lesen wollte – und es hatte sich gelohnt. Die Leseprobe führte mich in eine der beiden Erzählstränge, die Gegenwart des Protagonisten, der versucht, sein Leben zu führen, seiner Begabung nachzugehen, seiner Musik und der damit mehr als einmal aneckt. Diese Episoden haben mir recht gut gefallen – was das Buch für mich aber wirklich sehr lesenswert machte, waren die Kindheitserinnerungen des Komponisten, die mich stark (und damit lehne ich mich sicher aus dem Fenster, aber gut) an Khaled Hosseinis „Drachenläufer“ erinnerten. Was für eine Sprache, was für eine Geschichte, ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mitgeträumt und eine mir fremde Welt fast berühren können, während ich lesend in ihr versank. Wirklich außergewöhnlich und ganz unbedingt eine Leseempfehlung von mir! Und nicht zuletzt barg die Longlist 2012 einen außergewöhnlichen Roman und letztendlich auch eine meiner liebsten Gewinnerinnen des Deutschen Buchpreises – Ursula Krechel mit „Landgericht“. Damals schrieb ich: Momentan stecke ich in diesem Buch fest. Und das ist nicht negativ gemeint. Es ist nur so, dass man Zeit und Ruhe zum Lesen braucht. Nach manchen Abschnitten muss ich das Buch einfach weglegen und verschnaufen, wirken lassen, drüber nachdenken. So liest es sich recht langsam, aber es brennt sich ein. Das Buch spielt in der Nachkriegszeit und die Atmosphäre belastet einen fast körperlich. Es verschafft mir sehr viel Stoff zum Nachdenken und ein ständiges innerliches „Gut, dass jemand sich damit auseinandersetzt – ein wichtiges Buch“-Nicken. Auch nachdem ich das Buch beendet hatte, hallte es lange nach. Seine reduzierte, sachliche Sprache, die dem Buch öfter angekrittelt wurde, war für mich das Besondere, das Wichtige: die schrecklichen Geschehnisse wirken, so völlig unverkleidet, um vielfaches stärker, bleiben beim Leser, nehmen einen gefangen. Auch das Erlebnis, Ursula Krechel selbst über das Buch sprechen zu hören, hat es für mich zu einem preiswürdigen Buch gemacht – als der Deutsche Buchpreis dann wirklich an sie vergeben wurde, habe ich gejubelt – die Auszeichnung ist sehr verdient!

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Claudia Pütz: Wenn ich noch einmal auf die Buchpreisträger der letzten Jahre blicke, dann erinnere ich einige sehr intensive und spannende Lektüren: Uwe Tellkamp hat mich in seinem Roman „Der Turm“ in die völlig bizarre Welt der DDR-Bürokratie eingeführt, Melinda Nadj Abonji hat in „Tauben fliegen auf“ erzählt, wie wichtig ein prestigeträchtiges Auto ist, wenn die Familie aus der Schweiz im Urlaub zurückkehrt in ihr Dorf in der Vojvodina, und wenn ich an Lutz Seilers „Kruso“ denke, dann habe ich unmittelbar den Blick aufs Meer vor Augen, den Leuchtturm, den Klausner – und steh gleich darauf in der Küche beim stundenlangen und auf höchste Effizienz getrimmten Abwasch, denn es gilt, das Fehlen von Geschirr durch Schnelligkeit beim Spülen auszugleichen.

Der Deutsche Buchpreisroman, der mich aber am meisten beeindruckt hat, ist Kathrin Schmidts Roman „Du stirbst nicht“. Dabei hängt Geschichten um bedrohliche Krankheiten und Tod, noch dazu, wenn sie deutliche Bezüge zum Leben der Autoren haben, der Verdacht an, es gehe auch um den Voyeurismus und das Mitleid des Lesers, der Autor trage quasi das eigene Leid zu Markte, versilbere es in besonders marktgängiger Form. Wenn aber diese Geschichte um Krankheit und Tod so gut erzählt ist, so literarisch eben, wenn im Lesen der Geschichte durch ihre Konstruktion und durch die Sprache weitere Ebenen identifizierbar werden, die weit über Diagnose und Behandlung und Bewältigung dieses Schocks hinausgehen, dann haben die Autoren doch einen Text erschaffen, der viel mehr kann als nur die traurige Story zu einer niederschmetternden Diagnose. Und so ist es in Kathrin Schmidts Roman. Da hat die Protagonistin Helene eine Gehirnblutung erlitten und wacht im Krankenhaus auf. Aber sie kann sich nicht erinnern, wo sie ist, was vor dem Schlafen war. Irgendwo klappert jemand mit Besteck und ihr fällt ein, wie die Mutter vor einer Hochzeit das Silberbesteck poliert hat. Ob hier gerade die Vorbereitungen zu einer Hochzeit stattfinden, fragt sie sich. Jemand spricht und nennt einen Namen. Helene weiß nicht, wie sie heißt, aber sie weiß, dass sie den genannten Namen nicht trägt, auch ein ganz anderes Geburtsdatum hat. In ihre Gedanken rutschen immer wieder englische Sprachfetzen, ihre Tochter wollte nach England reisen, erinnert sie sich. Offensichtlich versucht sie zu sprechen, denn ein Arzt meint, aus ihrem unverständlichen Gemurmel englische Wörter hören zu können. Helene ringt um ihre Erinnerungen, sie ringt um die Worte, sie ringt auch um das Sprechen. Und diesen Kampf erzählt Kathrin Schmidt anhand der Überlegungen, Reflexionen, Wahrnehmungen Helenes. Und zeigt beim Erinnern der eigenen Biographie, wie nebenbei fast, das Leben eines nicht ganz so angepassten Paares in der DDR, zeigt die Wendezeit, das Einrichten in den neuen Lebensumständen in dem neuen Land. Kathrin Schmidt zeigt in diesem Roman aber auch, wie sich da ihre Protagonistin ins Leben zurückkämpft, in die Sprache vor allem, die ihr als Schriftstellerin so wichtig ist, und ins Schreiben natürlich, das ihr so schwerfällt, und wie sie sich ohne jedes platte Selbstmitleid, sondern der üblen Behinderungen zum Trotz mit großer Würde, und manchmal auch gegen die durchaus unwürdige Behandlung im Krankenhaus, Schritt für Schritt ihr Leben zurückerobert. Und das erzählt sie so, dass die Sprache selbst diesen Prozess so anschaulich und lebendig begleitet. Kathrin Schmidts Roman ist zurecht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Es ist ein Roman, der nicht nur 2009 überzeugt, sondern auch heute noch, auch in zehn oder zwanzig Jahren. Für mich ist er einer der Buchpreiseromane, die mich am meisten überzeugt und beeindruckt haben.

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Constanze Matthes über einen stillen Begleiter und ein Schildchen auf dem Buchrücken:

Zugegeben, der Deutsche Buchpreis ist für mich bisher ein eher stiller Begleiter.; obwohl er in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit verlangt und erhält: zum Erscheinen der Long- und der Shortlist und  der späteren Bekanntgabe des Sieger. Ein Großteil des Literaturbetriebs verfolgt das Geschehen konzentriert und mit Spannung. Ich selbst habe in den vergangenen Jahren die Bücher der Nominierten nie bewusst gelesen, eher instinktiv – und mit Hilfe der Stadtbibliothek meines Wohnortes.  Titel, die nominiert waren und auch zum Bestand zählen, tragen eine besondere Markierung – auf dem Buchrücken ist ein  schlichtes „dbp“ aufgeklebt. Dank dieses eher schlichten Zeichens habe ich in den vergangenen Jahren Autoren und Werke entdeckt und kennengelernt, die ich wohl nicht gelesen hätte, aber zu bereichernden Leseerfahrungen geworden sind. Dazu zählen Bücher, die ich besonders mag wegen ihrer besonderen Geschichten, ihrer Sprache – so „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji, die 2010 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde, oder Thomas Hettche mit „Woraus wir gemacht sind“ (Shortlist 2006). Einige der Autoren, die auf den Listen der vergangenen Jahre auftauchen, habe ich sehr zu schätzen gelernt, allerdings ohne Bindung an den Buchpreis. Wenn ein neuer Titel erscheint, wird er meistens gelesen. Das sind unter anderem Antje Ravic Strubel, Stephan Thome, Michael Köhlmeier und Uwe Timm.  Die Namen der Autoren bleiben eingeprägt in meinem literarischen Gedächtnis. Wie ein Lieblingssong, den man jeden Tag hört, oder ein Gericht, das man sehr oft isst; um es mit alltäglichen Beispielen zu erklären. Blicke ich auf die Liste, sehe ich auch alte Bekannte, die ich gelesen, die mir aber nicht als Nominierte oder gar Preisträger bewusst waren. Zu Romanen, die ich damals empfohlen habe und weiterhin empfehle, zählen der Preisträger von 2011, Eugen Ruge mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ von Saša Stanišić (Shortlist 2006), „Pazifik Exil“ von Michael Lentz (Longlist 2007) und „Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert (Shortlist 2008) – neben einigen weiteren.  Zuletzt habe ich sehr gern gelesen und auch auf meinem Blog beschrieben: „Sieben Sprünge von Rand der Welt“ von Ulrike Draesner (Longlist 2014), „Berlin liegt im Osten“ von Nellja Veremej“ (Longlist 2013) und „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder (Longlist 2014).

Mit dem Buchpreisblog werde ich in diesem Jahr erstmals den Deutschen Buchpreis ganz bewusst begleiten. Nicht vergessen sind indes all jene Nominierten und Sieger der vergangenen Jahre. Sie weiterhin in Erinnerung zu behalten, auch Jahre nach dem Erscheinen, könnte bewusste Aufgabe der Blogger sein und ist sicherlich auch das eher stille Anliegen des Buchpreises über seine Wahrnehmung als Auszeichnung hinaus.


1473086742904Jetzt würde uns natürlich sehr interessieren, wer euer liebster Buchpreistitel ist? Welchen nominierten Titel habt ihr besonders gerne gelesen? An welchen habt ihr besonders gute Erinnerungen? Unter allen, die hier bis zum 23.09.2016 einen Kommentar hinterlassen, verlosen wir ein Longlist-Leseheft – damit könnt ihr  dann schon mal einen Blick auf die gegenwärtig nominierten Autoren werfen!

 

Dagmar Leupold: Die Witwen

Mit ihrem Roman »Die Witwen« hat es die Schriftstellerin und Übersetzerin Dagmar Leupold auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist der Roman einer Reise, welche vier Frauen die Mosel entlang, in die Vergangenheit und näher zu sich selbst führt. 

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»Die Witwen« sind eigentlich gar keine Witwen. Beatrice, Dodo, Laura und Penelope, die sich Penny nennen lässt, sind seit ihren gemeinsamen Kindertagen in Westberlin beste Freundinnen. Als Penny den aus einer Winzerfamilie stammenden Otto heiratet, zieht sie von Berlin nach Steinbronn, einer Kleinstadt an der Mosel, die Ottos Heimat ist. Es dauert nur wenige Jahre, bis die anderen Frauen Penny folgen, denn »ohne einander konnten die vier nicht. Miteinander durchaus, aber nicht ohne kleinere oder größere Konflikte.«

Dreißig Jahre sind im erzählten Jetzt vergangen, seit die Frauen der Großstadt den Rücken gekehrt haben, die Berliner Freundinnen sind mittlerweile in ihren Fünfzigern. Alle sind in Steinbronn sesshaft geworden – Penny ist Teil des schwiegerelterlichen Familienbetriebs, Dodo betreibt eine Gärtnerei, Beatrice ist Yogalehrerin und Feldenkraistherapeutin und Laura führt eine Logopädiepraxis. Trotzdem sind alle rastlos, nicht zufrieden: »Das halbe Leben haben wir nun schon an diesem Ort der schönen Verheißungen verbracht, aber wir haben kaum etwas erlebt, einfach immer nur gelebt. Lasst uns etwas erleben!« Kurzerhand beschließen sie, über eine Annonce in einer Lokalzeitschrift nach einem Fahrer zu suchen und für ein paar Wochen zu verschwinden, denn das müsse schließlich jeder einmal im Leben tun.

»Wohin genau, war nicht wichtig, wichtig allein war die Fahrt.«

Zusammen mit Bendix, der eigentlich Benedikt heißt und ein aus Steinbronn stammender Nachbar ist, der in Köln Philosophie und Geschichte studierte, ein gebrochenes Herz und eine Schwäche für Zierfische hat, machen sie sich auf, um der Mosel, die ihr Dorf umschließt, bis zur Quelle zu folgen. Halt machen sie in Trier und in Schengen, bis sie in Bussang den Ursprung des Flusses erreichen. Doch die Reise ist noch nicht vorbei, sie fahren weiter zum Hartmannswillerkopf, der Freiluftgedenkstätte des Ersten Weltkriegs in den Vogesen.

Bendix ist es auch, der die Freundinnen heimlich als ‚Witwen‘ bezeichnet, weil ihnen allen »eine zarte Schleppe aus Trauer und Abgelebten« anhängt. Die Gründe dafür sind nur bei Penny von Anfang an bekannt, ihr Vorname ist Programm: Genau wie ihre mythologische Namenspatin, der Ehefrau von Homer, trauert sie um ihren Ehemann, der zwar nicht tot, aber vor acht Jahren von einer Dienstreise in Asien nicht wiedergekommen ist. Der Verlust ihres Mannes und das Nichtwahrhabenwollen seines Verschwindens zeigt sich auch in ihrem Erscheinungsbild: seit er verschwand, hat sie sich nicht mehr die Haare schneiden lassen. Auch darüber hinaus lässt sich eine stark körperliche Bildlichkeit in »Die Witwen« erkennen, immer wieder werden beispielsweise die Füße der Frauen Analysen unterzogen,

Nicht nur als Witwen, auch als Amazonen und Grazien werden die Freundinnen bezeichnet – in gewisser Weise sind die vier Frauenfiguren, die Leupold in ihrem Roman entwirft, ein Konglomerat aus weiblichen Ikonen und Symbolen verschiedener Epochen, wie das Cover des Romans, eine Arbeit von Alexey Kondanov, illustriert.

Im zweiten Teil des Romans erzählen auch die anderen Frauen, was ihnen fehlt, was sie zu ‚Witwen‘ macht. Als ihr Auto auf dem Parkplatz am Hartmannswillerkopf nicht anspringen will, beginnen sie sich zu öffnen und über Erlebnisse zu berichten, die sie geprägt haben und von denen die anderen Frauen auch in den langen Jahren der Freundschaft nichts ahnten. Sie alle betrauern gescheiterte Beziehungen, ein nie geborenes Kind oder den zu früh verstorbenen Vater. »Wir alle sind hier ganz richtig. Hängen geblieben an diesem verrückten Ort, ein Massengrab von Lebensgeschichten.«

Als Friedhof von Lebensgeschichten ist nicht nur die Freiluftgedenkstätte des ersten Weltkriegs, sondern auch das beschauliche Städtchen Steinbronn zu sehen. ‚Erlebt‘ haben die Frauen in ihren Jahren dort wenig bis gar nichts, sie alle erzählen in ihren Geständnissen am Hartmannswillerkopf von der Zeit vor ihrem Umzug in die Provinz, von der Zeit in Berlin. Das Dorf wird zum Ort des Stillstandes, den die Frauen mit ihrem Umzug vor drei Jahrzehnten vielleicht bewusst suchten, um einen Neuanfang zu wagen, der in ihnen in der Mitte ihres Lebens eine Leerstelle lässt und den sie mit Moselwein zu füllen versuchen. Ihre frühen Versuche, die Gemeinschaft und das Leben in Steinbronn aktiv zu gestalten – sie versuchen eine Umbenennung für die zentrale, nach Hitler genannte Adolfstraße durchzusetzen – scheitern.
»Die Witwen« folgt hinsichtlich seiner Abwendung von der Metropole zugunsten des idyllischen Landlebens einem Trend, der sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beobachten lässt (man denke beispielsweise an Juli Zehs »Unterleuten«), bricht aber gleichzeitig mit ihm, da die Großstadtjahre der eigentliche Kern der Grundproblematik des Romans bleiben.

»Ihre Formulierungen wickeln noch das sperrigste ein wie in Geschenkpapier.«

Aus narratologischer Sicht  ist »Die Witwen« recht konventionell erzählt. Ein klassischer, überwiegend allwissender Erzähler berichtet von der Geschichte der Frauen. Die Sprache des Romans ist alles andere als konventionell, sie ist hoch poetisch, jeder Satz, ja, jedes Wort sitzt. Dies führt an einigen Stellen dazu, dass die Rede der Figuren oder ihre Gedanken aus der Zeit gefallen wirken könnten – trotzdem wirkt der Text nicht gestelzt. Der hohe Ton reflektiert in gewisser Weise vielmehr die Tradition der mythologischen und motivischen Verweise, die der Roman aufgreift.

Das Abenteuer, das der selbsternannte Abenteuerroman »Die Witwen« erzählt, ist keine Aneinanderreihung von außergewöhnlichen Ereignissen, auch die eigentliche Autoreise steht nicht im Fokus. Das eigentliche Abenteuer, so Dagmar Leupold im Interview in der SWR2-Sendung Lesezeichen, besteht darin, »dass die Figuren sich selbst erzählen und zu sich selbst finden, eine eigene Stimme entwickeln, anwesend sind.« Am Ende sind die Geschichten der Frauen, die programmatisch mit »Abschaffung«, »Verkennung«, »Dressur« und »Warten« überschrieben sind, leider nicht außergewöhnlich.
»Die Witwen« ist ein poetisch erzählter Roman, der seinen Platz auf der diesjährigen Longlist verdient hat. Ob es zum Sprung auf die Shortlist reicht, bleibt abzuwarten.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Betreiberin des Blogs Zeilensprünge


Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteuerroman. Jung und Jung, September 2016, 236 Seiten, 22 €.

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Deutscher Buchpreis: Ein Blick auf die Zahlen

10 Fakten über den Deutschen BuchpreisNachdem Constanze vergangene Woche bereits einen Blick auf die wichtigsten Fakten rund um den Deutschen Buchpreis geworfen hat, schaue ich mir heute nochmal die Zahlen und Statistiken an – bevor es dann bald mit den ersten Besprechungen losgehen wird! In diesem Jahr wird der zwölfte Buchpreisgewinner bekannt gegeben, damit jährt sich ein Preis zum zwölften Mal, der von Anfang an nicht nur begrüßt wurde, sondern auch immer umstritten gewesen ist. Ins Leben gerufen wurde er, um einen hochrangigen deutschsprachigen Literaturpreis zu schaffen – vergleichbar mit dem Man Booker Prize. Doch über den Sinn des Preises und die Auswahl der Bücher wurde von Beginn an diskutiert und auch in diesem Jahr reißen diese Diskussionen nicht ab. Der Journalist Wolfram Schütte sprach dem Deutschen Buchpreis sogar ab, ein Buchpreis zu sein – im Endeffekt sei er lediglich ein Marketingpreis. Es wird auch immer wieder darüber diskutiert, ob genug Frauen auf der Longlist vertreten sind. Ich habe mir aus diesem Grund mal ein paar Zahlen und Daten rund um den Deutschen Buchpreis angeschaut und bin dabei zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

#1. Alte Bekannte auf der neuen Liste: In diesem Jahr stehen insgesamt 10 Wiederholungstäter auf der Longlist. Bodo Kirchhoff, Ernst-Wilhelm Händler, Katja Lange-Müller, Dagmar Leupold, Sibylle Lewitscharoff, Thomas Melle, Joachim Meyerhoff, Arnold Stadler, Peter Stamm und Thomas von Steinaecker standen bereits schon einmal oder sogar mehrmals auf der Longlist.

#2. Verkürzte und verlängerte Longlist: 2006 war das einzige Jahr, in dem 21 Romane nominiert gewesen sind, während 2008 das einzige Jahr war, in dem nicht 20 Titel auf der Longlist standen, sondern lediglich 19. Peter Handke war mit seinem Roman Die morawische Nacht nominiert worden, verzichtete aber auf die Nominierung, um seinen jüngeren Kollegen und Kolleginnen das Feld zu überlassen.

Ich freue mich für ‘Die morawische Nacht’ auf der Buchpreisliste. Aber ich möchte zugunsten der anderen Gelisteten, vor allem der jüngeren, zurücktreten, samt Respekt vor der ehrenwerten Jury.

#3. Frauenfrage: Auch wenn man das Gefühl haben könnte, dass die Frauen immer zu kurz kommen – auch in diesem Jahr wurden nur fünf Frauen nominiert – haben mehr Frauen den Buchpreis gewonnen als Männer. Was für eine Leistung! Das auffällige Fehlen der Frauen muss übrigens kein Versäumnis der jeweiligen Jury sein, sondern ein Problem, das bereits viel früher beginnt: in einigen Verlagshäusern scheinen einfach weniger deutschsprachige Frauen publiziert zu werden, als Männer.

Männer und Frauen

Geschlechter

#4. Erscheinungstermin: Ebenso spannend wie die Frage nach Männern und Frauen ist auch immer die Diskussion, ob Frühjahrsbücher vernachlässigt werden bei der Nominierung, weil die Herbstbücher bessere Chancen haben. Wenn wir mal einen Blick auf die Statistik werfen, dann wird deutlich, dass es vor allen Dingen der August zu sein scheint, der gute Nominierungschancen verspricht. Das Phänomen, dass ein Buch aus dem Vorjahr nominiert wurde, ist übrigens bisher eine Seltenheit und nur vereinzelt vorgekommen.

Monat

#5. Wie dick sollte es sein: Und wie schaut es eigentlich mit der Seitenzahl aus? Haben die dicken Wälzer bessere Chancen oder vielleicht doch eher die schmalen Bücher? Die Eindeutigkeit der Ergebnisse hat mich dann doch überrascht: die dicksten Bücher haben auch die besten Chancen – bisher hat zumindest noch kein Buch den Deutschen Buchpreis gewonnen, das weniger als 225 Seiten hat.

Dicke oder dünne Bücher

Seitenzahl

#6. Die Jungen und die Alten: Auch der Blick auf das Alter der teilnehmenden Autoren ist interessant – es sind zwar deutlich mehr ältere Autoren nominiert, doch dafür gehören die jüngeren Autoren auch immer wieder zu den Preisträgern.

Die Jungen und die Alten

Alter

#7. Fazit: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ – ihr kennt sicherlich alle diesen berühmten Satz, dennoch glaube ich, dass einem der Blick auf Zahlen und Daten auch manchmal spannende Dinge verraten kann. Vieles mag nur Zufall sein, bei anderen Punkten kann man zumindest klare Tendenzen erkennen. Was schließen wir daraus? Sollten nun nur noch Bücher im August und mit mehr als 313 Seiten veröffentlicht werden? Klar ist, dass Verlage sich keinen Buchpreisträger schnitzen können – dennoch wünsche ich viel Freude bei weiteren Gedankenspielen!

Deutscher Buchpreis 2016: Endlich steht die Longlist fest …

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Heute um genau 10 Uhr wurde sie endlich bekannt gegeben, die heiß herbei gesehnte Longlist und diese zwanzig Titel haben es auf die lange Liste geschafft:

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Von unserer gemeinsamen Favoritenliste haben es tatsächlich nur zwei Titel auf die Longlist geschafft – es darf also mit Fug und Recht behauptet werden, dass wir doch überrascht worden sind! Viele der Titel, die im Vorfeld ausgiebig diskutiert worden sind, finden sich dann doch nicht auf der Liste wieder. Das ist einerseits überraschend, andererseits ist es natürlich auch wunderbar, dass auf der Longlist nicht nur Bücher stehen, die wir eh alle schon gelesen und für gut befunden haben, sondern auch Bücher, die noch darauf warten entdeckt und diskutiert zu werden. Eine erste interessante Einschätzung aus dem Feuilleton gibt es von Andreas Platthaus, der auf das Fehlen bekannter Namen und Verlage verweist.

Der Deutsche Buchpreis wird in diesem Jahr zum zwölften Mal verliehen. Über Longlist, Shortlist und den Gewinner entscheiden in diesem Jahr folgende Jurymitglieder: Thomas Andre, Lena Bopp, Berthold Franke, Susanne Jäggi, Christoph Schröder, Sabine Vogel, Najem Wali. Ab nächster Woche liegen die Leseheftchen zum Deutschen Buchpreis, mit Ausschnitten aus den nominierten Titeln, in den Buchhandlungen aus!

Wie gefällt euch denn die Longlist? Seid ihr zufrieden? Welche Titel fehlen euch? Und welche davon wollt ihr gerne entdecken?

Zehn interessante Fakten zum Buchpreis

Seit 2005 gibt es den Deutschen Buchpreis. 2014 beging er sein zehnjähriges Bestehen. Diese Zeit ist nicht nur geprägt von zahlreichen Büchern und Autoren. Interessante Informationen und Ereignisse begleiten ihn. Nach einem Blick ins weltweite Netz gibt es an dieser Stelle zehn Fakten.

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1)  „Wiederholungstäter“

In der Reihe der Autoren, die alljährlich mit der Bekanntgabe der Longlist, der späteren Shortlist und des glücklichen Gewinners ins Rampenlicht treten, tauchen regelmäßig „alte Bekannte“ auf. Zu den Schriftstellern, die dreimal nominiert wurden, zählen: Michael Köhlmeier („Abendland“, 2007, Shortlist; „Madaly“, 2010, Longlist; „Zwei Herren am Strand“, 2014, Longlist),  Thomas Glavinic („Das bin doch ich“, 2007, Shortlist; „Das Leben der Wünsche“, 2009, Longlist; „Das größere Wunder“, 2013, Longlist) und Thomas Hettche („Woraus wir gemacht sind“, 2006, Shortlist; „Die Liebe der Väter“, 2010, Longlist; „Pfaueninsel“, 2014, Shortlist). Zweimal nominiert waren unter anderem: Martin Mosebach, Thomas Lehr, Reinhard Jirgl, Rolf Lappert und Jenny Erpenbeck.

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2) Geliebt und gemieden

Es gibt Autoren, die genießen es, den Deutschen Buchpreis zu erhalten. Andere wiederum scheuen ihn sogar. Für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr Ralf Rothmann, als er bekanntgab, dass sein Roman „Im Frühling sterben“ nicht in das Rennen um den Preis gehen soll. 2008 hatte bereits Peter Handke auf eine Nominierung für sein Werk „Die morawische Nacht“ verzichtet. Laut einem Bericht von FAZ-Literaturredakteur Andreas Platthaus entzieht sich Christoph Ransmayr in diesem Jahr dem Wettbewerb: Sein neuer Roman „Cox“ soll erst nach der Preisvergabe in den Buchhandel kommen, so sein Wunsch; voraussichtlicher Erscheinungstermin: 27. September (S. Fischer).

3) Frauenquote mehr als erfüllt

PicMonkey CollageMehr Frauen als Männer haben in der Vergangenheit den Deutschen Buchpreis erhalten. Sechs ausgezeichnete Autorinnen stehen fünf geehrten Autoren gegenüber. Das sind Katharina Hacker („Die Habenichtse“ 2006), Julia Franck („Die Mittagsfrau“ 2007), Kathrin Schmidt („Du stirbst nicht“ 2009), Melinda Nadj Abonji („Tauben fliegen auf“ 2010), Ursula Krechel („Landgericht“ 2012) und Terézia Mora („Das Ungeheuer“ 2014).

4) Money, Money, Money

Der Sieger des Deutschen Buchpreises kann sich über 25.000 Euro freuen. Den anderen Finalisten werden jeweils 2.500 Euro ausgereicht. Im Vergleich mit anderen Literaturpreisen läuft der Deutsche Buchpreis allerdings etwas hinterher. So bekommt der Gewinner des Österreichischen Staatspreises 30.000 Euro, der Sieger des Man Booker International Prize 62.000 Pfund und damit rund 78.000 Euro, wobei sich Autor und Übersetzer das Geld teilen. Wer mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates geehrt wird, bekommt 350.000 Dänische Kronen, das sind rund 47.000 Euro. Nur der renommierte Prix Goncourt in Frankreich erscheint da sehr bescheiden: Der Sieger erhält zehn Euro, symbolisch versteht sich. Spitzenreiter ist wie erwartet der Nobelpreis für Literatur. Wer diesen erhält, wird fast Euro-Millionär: acht Millionen schwedische Kronen und damit rund 928.000 Euro werden gezahlt. Und selbst im nationalen Vergleich steht der Deutsche Buchpreis nicht an erster Stelle: Sowohl der Goethepreis als auch der Siegfried-Lenz-Preis sind jeweils mit 50.000 Euro dotiert, beide haben allerdings auch internationalen Charakter. Gleichrangig ist da der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels mit ebenfalls 25.000 Euro als Preis für den Gewinner.

5) Wetten, dass …

Im Gegensatz zum Nobelpreis für Literatur kann auf den Sieger des Deutschen Buchpreises (noch) keine Wette abgeschlossen werden.

6) Rund um

Den Deutschen Buchpreis begleiteten in den vergangenen Jahren Publikationen und Projekte. So erschien anlässlich des zehnjährigen Bestehens 2014 das Sachbuch „Spiel, Satz und Sieg“ – mit Texten zur Preisverleihung und zur Diskussion um den Preis sowie Interviews mit Autoren. Zudem wurde gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Stiftung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels eine Wanderausstellung konzipiert. Jährlich werden zudem die Bücher der Shortlist in der englischsprachigen Literatur-Zeitschrift „New Books In German“ auszugsweise veröffentlicht. Des Weiteren werden alljährlich in einer Broschüre Leseproben aus den Titeln der Longlist zusammengestellt.

7) Top-Secret

Sehr bekannt sind die Regularien zum Deutschen Buchpreis:  Verlage können bis zu zwei Romane aus dem aktuellen Programm oder auch künftige Titel ins Rennen schicken. Eigenbewerbungen von Autoren sind indes nicht gestattet. Jene Titel, die eingereicht wurden, es aber nicht auf die Longlist schaffen, werden nicht veröffentlicht und bleiben geheim.

8) Die Entscheider 

Apropos Regularien: Dazu zählt auch die Anzahl der Jury-Mitglieder und die Zusammensetzung des Gremiums. Insgesamt sieben Männer und Frauen entscheiden über die Vergabe. Die Jury wechselt jährlich und setzt sich aus Buchhändlern, Kritikern und Autoren zusammen. Wer in die Jury berufen wird, entscheidet die Akademie Deutscher Buchpreis unter Vorsitz des Buchhändlers Heinrich Riethmüller. Der Akademie gehören ebenfalls an: Juergen Boos (Direktor der Frankfurter Buchmesse), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien), Prof. Dr.  Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts), Michael Münch (Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Stiftung), Manfred Papst (Preisträger des Alfred-Kerr-Preises), Claudia Reitter (stellvertretende Vorsteherin im Börsenverein), René Strien (Vorsitzender der AG Publikumsverlag), Dr. Dirk Vaihinger (Vorstand des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands), Wilfried Weber (Geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Bücherstube Felix Jud)

9) Auf und Ab

Der Deutsche Buchpreis ist immer wieder von Schwankungen gezeichnet bei der Anzahl der eingereichten Bücher und der teilnehmenden Verlage. Top-Jahr bei der Anzahl der Titel ist 2013 mit 173, Flaute herrschte indes 2006 mit gerade mal 95 Titel. Mit Blick auf die Verlage stellt sich das Jahr 2011 mit 106 Verlagen heraus. Im dürftigen Jahr 2006 waren es hingegen nur 62.

10) Einer von vielen

Um noch einmal zu den Gewinnern der vergangenen Jahre zurückzukommen. Schaut man in deren Biografien ist der Deutsche Buchpreis meist nur einer vielen weiteren Literaturpreisen, mit denen sie im Laufe ihrer schriftstellerischen Karriere ausgezeichnet werden. Einer macht da indes eine Ausnahme: Frank Witzel, der Preisträger des vergangenen Jahres und Autor des Romans „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Zum Deutschen Buchpreis gesellt sich in seiner Laufbahn nur der Robert-Gernhardt-Preis 2012 – eben für jenes Romanprojekt. Auf seiner Homepage verweist Witzel allerdings noch auf eine weitere Auszeichnung, die es wert war, in der Vita genannt zu werden: der 2. Preis im Lesewettbewerb der Wiesbadener Volksschulen im Jahr 1964.

Deutscher Buchpreis 2016: Unser Favoriten-Check

Bis zur Bekanntgabe der Longlist sind es nur noch vier Tage, und die Spannung steigt so langsam. Wir freuen uns sehr über die vielen positiven Reaktionen auf unser gemeinsames Projekt. Leider gab es aber auch vereinzelt Irritationen und Verwirrung, deshalb würden wir hier gerne nochmal eines klarstellen: wir bloggen unabhängig vom Börsenverein und stehen in keinerlei Verbindung zu den offiziellen Bloggern des Deutschen Buchpreis. Wir wollen ausschließlich mit literarischen Diskussionen Buchpreise digital auf unserem Blog begleiteten und der Deutsche Buchpreis ist unser erstes gemeinsames Projekt.

Jetzt – finden wir – sollte es aber endlich an der Zeit sein, mal einen Blick auf eine mögliche Longlist des Deutschen Buchpreis zu werfen. Das Spekulieren macht doch am meisten Spaß, oder? Aus diesem Grund haben wir alle mal einen Blick in unsere Bücherregale geworfen und überlegt, was wir in diesem Jahr eigentlich an buchpreiswürdigen Büchern gelesen haben. Und das ist sie, unsere Favoritenliste:

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Die Favoriten von Tilman:

Thomas von Steinaecker – Die Verteidigung des Paradieses
Werden Zukunftsromane mit dem wichtigsten deutschen Preis für Literatur ausgezeichnet? Wahrscheinlich nicht, aber für einen Longlistplatz reicht es allemal, denn auch wenn Mutanten und verseuchtes Deutschland nicht klassische Themen für „anspruchsvolle Buchpreisliteratur“ sind, wenn jemand aus solchen Szenerien Literatur schaffen kann, dann Thomas von Steinaecker.

Christoph Poschenrieder – Mauersegler
Vor zwei Jahren stand Poschenrieder bereits mit „Das Sandkorn“ auf der Longlist und wurde allerhöchstens als Geheimtipp empfohlen, dabei haben seine Bücher alles was der Bildungsbücher sich von einem ausgezeichneten Buch auf dem Aktionstisch wünscht: unterhaltsame Literatur, die nicht platt ist; aber ein Buch über Alten-WGs wird zu unsexy sein, egal wie gut Poschenrieder ist. Schade!

Anna Katharina Hahn – Das Kleid meiner Mutter
Noch so ein Bildungsbürgerding: inzwischen ist man ja auch sehr selbstironisch, deswegen konnte man über Anna Katharina Hahns „Am Schwarzen Berg“ auch so herrlich schmunzeln und doch gab es ausreichend gesellschaftliche Probleme zu diskutieren. Solche gibt es in „Das Kleider meiner Mutter“ ebenfalls genug: Finanzkrise, Jugendarbeitslosigkeit, Generationenkonflikte. Hier schlummert sicher schon Potential für die Shortlist.

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Die Favoriten von Gerrit:

Thomas Glavinic – Der Jonas-Komplex
Mit „Der Jonas-Komplex“ setzt Glavinic seine Arbeit am literarischen „Ich“ fort und beweist, dass er in Sachen theoretischer Reflexion über das eigene Schaffen vielen seiner Kollegen weit voraus ist. Der Text ist eine kluge, unfassbar witzige Thematisierung der eigenen Person ohne jemals die Diskretion zu verlieren oder voyeuristisch zu werden. Und so steht am Ende fest: In jedem guten Schriftsteller sitzt ein Jonas-Komplex, denn nur wer Angst vor der eigenen Größe hat, ist in der Lage, über sich hinauszudenken.

Anja Kümmel – V oder die vierte Wand
Anja Kümmels „V oder die vierte Wand“ zeigt dem Leser eine Gesellschaft, die der Gegenwartssucht erlegen ist und das Gespür für die ständig präsente Vergangenheit verloren hat, selbst dann, wenn sie sich plötzlich in ihr verirrt hat. Vielleicht war selten in einer Zukunftsvision so viel Vergangenheit und so wenig Zukunft vorhanden wie in diesem Roman. Anja Kümmels Roman ist klug, unterhaltsam, rasant und sehr gegenwärtig mit bleibender Wirkung.

Jörg Magenau – Princeton 66
Jörg Magenaus „Princeton 66“ hat die analytische Schärfe einer wissenschaftlichen Arbeit, den lockeren Ton eines Essays und den Unterhaltungswert eines Romans. Der Autor hat deutlich Spaß daran, die Kauzigkeit des Personals herauszustellen, ohne dabei ihre literarische Bedeutung zu negieren. Denn so ist sich Magenau sicher: Ohne die Gruppe 47 wäre die BRD deutlich miefiger, unaufgeklärter und undemokratischer verfasst gewesen. Selten waren rund 200 Seiten Text so wichtig wie hier.

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Die Favoriten von Constanze:

Anna Katharina Hahn – Das Kleid meiner Mutter
„Das Kleid meiner Mutter“ ist ein facettenreicher Roman, der zugleich mit verschiedenen Textsorten spielt. Die Kombination aus Gesellschaftskritik an einer Zeit, in der die junge Generation ohne Perspektive ist, in ihrem Tatendrang ausgebremst wird, sowie einer geheimnisvollen Familiengeschichte erscheint eigenwillig und kontrastreich.

Joshua Groß – Faunenschnitt
Schon gestalterisch ist dieses Buch ein Ereignis. Der Roman vereint eine ungewöhnliche und teils rasante Geschichte mit großen Gedanken, in denen man innehalten kann. Groß’ Sprache liebt das Spiel mit den Grenzen und die Verweigerung jeglicher Schablonen ebenso; ein Buch, das andere Autoren Mut machen kann, die Grenzen im Schreiben zu überwinden und neue Formen zu finden.

Christoph Hein – Glückskind mit Vater
Das Buch ist sowohl Entwicklungsroman als auch eine facettenreiche deutsch-deutsche Chronik. Hein vereint in einem atmosphärisch-dichten Erzählstrom Ernst und Melancholie mit einem leisen Humor, Die Lebensgeschichte um Konstantin kann mehrere Generationen begeistern, egal ob mit ost- oder westdeutscher Biografie, und lohnt sich, eifrig diskutiert zu werden, um so auch gesellschaftlichen wie geschichtlichen Fragen nachzugehen.

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Die Favoriten von Claudia:

Katharina Winkler – Blauschmuck
Günter Grass sah die große Leistung der Literatur darin, dass sie nicht wegschaue, nicht vergesse, sondern das Schweigen breche. Genau das ist auch die große Leistung Katharina Winklers und ihres Debütromans „Blauschmuck“, dem sie die Anmerkung „Nach einer wahren Begebenheit“ voranstellt. Hier erzählt Winkler die Geschichte von Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst, heiratet, später mit ihren Kindern nach Österreich ausreist. Und sie erzählt vor allem von dem Ehe-Martyrium Filiz´, das erst nach Jahren endet, weil die Nachbarn in der neuen Heimat dafür sorgen, dass sie in ein Krankenhaus kommt und dann in einem Frauenhaus leben kann, als Yunus, der Ehemann, sie nicht nur, wie sonst üblich, geschlagen und vergewaltigt, sondern regelrecht zusammengeknüppelt hat.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran
Der Debütroman Shida Bazyars erzählt die Geschichte Behsads und Nahids, die als Kommunisten aus dem Iran des Ayatollah Khomeini fliehen müssen. Die vor einer angeblichen Urlaubsreise noch einmal durch die blaue Tür gehen, mit der Familie zusammen essen und sich nicht verabschieden können, weil niemand von der geplanten Flucht wissen darf. Bazyars Roman hat einen ganz aktuellen Bezug, auch wenn ihre Geschichte schon vor Jahrzehnten ihren Anfang gefunden hat. Der Roman zeigt uns Menschen, die fliehen und ein Leben in einem unbekannten Land mit einer fremden Kultur und einer ganz anderen Sprache beginnen mussten. Und dabei ist diese Geschichte auch zeitlos, kann sicherlich auf die Situation der gerade Flüchtenden übertragen werden und gilt so auch noch in dreißig Jahren.

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Die Favoriten von Tabitha:

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran
Ein unglaublich vielschichtiges, poetisches Debüt mit ausgeklügelter Erzählperspektive, das gleichzeitig tagesaktuell und zeitlos ist und deshalb das Potenzial hat, auf längere Sicht relevant zu bleiben.

Philip Krömer – ymir oder aus der hirnschale der himmel
Philip Krömer ist schon beim open mike 2016 positiv aufgefallen, sein Debütroman ist so eindrucksvoll, weil er bereits jetzt eine eigene literarische Stimme gefunden hat und gekonnt mit intertextuellen Verweisen arbeitet, ohne den eigenen Stil aus den Augen zu verlieren.

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Die Favoriten von Sarah:


Juli Zeh – Unterleuten

„Unterleuten“ wurde vielfach als Gesellschaftsroman bezeichnet. Auch ich möchte mich dieser Bezeichnung anschließen, denn Juli Zeh porträtiert anhand eines kleinen Dorfes die Mechanismen einer ganzen Gesellschaft. Ihre Figuren sind fein herausgearbeitet und das Wechselspiel zwischen Schwarz und Weiß und den vielen Grautönen dazwischen beherrscht Zeh meisterhaft. Ich fände es sehr erfrischend, sie unter den Nominierten zu sehen, weil sie ein Werk geschaffen hat,welches eine vielschichtige Gesellschaft abbildet und welches sich noch dazu ausgesprochen kurzweilig lesen lässt.

Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben
Bei Sylvie Schenk ist es die Knappheit, das Reduzierte, was den/die Leser*in fasziniert. Ein einzelnes Schicksal, über ein ganzes Leben verfolgt und nur die Quintessenz verbleibt. Auch der geschichtliche Hintergrund des Romanes bietet eine weitere, spannende Facette.

Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis
Das ist mein persönlicher „Schuss ins Blaue“ – mittlerweile habe ich aus so einigen Ecken Gutes über den Roman vernommen und Kirchhoff ist ja auch für den Deutschen Buchpreis kein Unbekannter. Leider liegt der Roman aus Zeitgründen noch ungelesen hier – vielleicht ändert sich das ja bald…

13094222_784922108319124_973737065519971274_nDie Favoriten von Mara:

Katharina Winkler – Blauschmuck
„Blauschmuck“ ist ein nur schwer zu ertragender wenn gleich auch sehr lesenswerter Roman, der von Liebe und Gewalt erzählt, von den Schrecken einer Ehe und einer viel zu frühen Heirat. Es ist ein Roman, der auf wahren Geschehnissen beruht und ein Text, der einen Platz auf der Longlist verdient hätte.
Nis-Momme Stockmann – Der Fuchs
„Der Fuchs“ ist eine beeindruckende Geschichte: ungewöhnlich, verspielt, vielschichtig und nebenbei auch noch hochspannend erzählt. Leider war es bereits für den Leipziger Buchpreis nominiert, aber wer weiß: vielleicht folgt noch eine weitere.
Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz
Strenggenommen ist „Panikherz“ natürlich kein Roman und doch hat mich der Text so begeistert, das ich dem Buch einen Platz auf der Longlist gönnen würde. Es gab bereits in den vergangenen Jahren den einen oder anderen autobiographischen Roman, der nominiert wurde – warum also nicht auch „Panikherz“.


Wir sind schon jetzt gespannt, wer es von den jungen Stimmen, den Debütanten und den alten Bekannten in diesem Jahr auf die Longlist schaffen wird. Und natürlich wollen wir auch wissen, ob ihr einen Favoriten habt. Welches Buch würdet ihr gerne auf der Longlist sehen? Welche Favoriten habt ihr? Was ist euer absolutes deutschsprachiges Lieblingsbuch in diesem Jahr gewesen? Habt ihr überhaupt schon einen buchpreisverdächtigen Roman gelesen?

Unter allen, die uns ihre Favoriten bis zum 23. August verraten, verlosen wir fünf Lesejournale von Leuchtturm, dort könntet ihr dann zum Beispiel alle eure gelesenen Bücher eintragen!1471588149261

Der Buchpreisblog startet!

buchpreisblogBuchpreis üben seit jeher eine Faszination in der literarischen Welt aus! Auch wir können uns davon nicht frei machen. Es ist jedes Jahr dasselbe: sobald die Longlist des Deutschen Buchpreis veröffentlicht wird, gibt es rund um die nominierten Titel angeregte Diskussionen. Genau bei diesen Diskussionen wollen wir alle gemeinsam einhaken: Mit unserem Buchpreisblog wird es in diesem Jahr eine zentrale Anlaufstelle geben, auf der nicht nur alle unsere Rezensionen der nominierten Bücher, sowie Interviews mit unterschiedlichen Menschen rund um den Buchpreis zu finden sind, sondern auch Porträts der einzelnen Autoren und eine Übersicht über ihre bisher veröffentlichten Bücher. Mit dem Buchpreisblog wollten wir für euch einen Ort schaffen, der leicht wieder auffindbar ist und an dem ihr euch alle hoffentlich auch in unsere Diskussionen miteinbringen könnt. Wir, das sind in diesem Fall:

Claudia Pütz von Das graue Sofa
Constanze Matthes von Zeichen & Zeiten
Gerrit ter Horst und Tabitha van Hauten von Zeilensprünge
Mara Giese von Buzzaldrins Bücher
Sarah Reul von Pinkfisch
Tilman Winterling von 54books

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Um auf dem Laufenden zu bleiben und keine Neuigkeit zu verpassen, solltet ihr euch unbedingt für unseren Buchpreisnewsletter anmelden, darüber werdet ihr mit allen Informationen versorgt. Richtig loslegen werden wir hier natürlich, wenn am 23. August endlich die Longlist veröffentlicht wird. Vorher stellen wir euch aber noch unsere eigenen Favoriten vor, ihr dürft gespannt sein – und ebenso gerne wollen wir natürlich erfahren, wer auf eurer persönlichen Longlist steht.

Wir wünschen euch und uns nun viel Spaß mit dem Deutschen Buchpreis und hoffen auf anregende und kontroverse Diskussionen auf unserem Buchpreisblog!

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