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Peter Stamms „Weit über das Land“: Im Ritual erstarrt

Es gibt das Klischee von solchen Paaren, die sich so gut kennen, dass sie die Sätze des jeweils anderen beenden können. In Peter Stamms neusten Roman „Weit über das Land“ ist das triste Realität geworden. Die Protagonisten Thomas und Astrid leben in einer versteinerten Beziehung, die so durchritualisiert ist, dass jegliches Überraschungsmoment aus ihr verbannt wurde. Das führt zu dem eigentümlichen Effekt, dass Thomas Astrids Handlungen nachvollziehen kann, auch wenn er gar nicht in ihrer Nähe ist – der Tag läuft ja eh immer gleich ab. Irgendwann wird es ihm zu bunt und er nimmt Reiß aus. Peter Stamm erzählt von der Sehnsucht nach dem Ausweg und dem unbedingten Willen, an gewohnten Ordnungen festzuhalten. 

Peter Stamm Weit über das Land

Peter Stamm lässt sein portraitiertes Paar auf der Terrasse den Tag beschließen. Thomas und Astrid leben in einer gutbürgerlichen Wohnsiedlung. Das Ritual läuft, so behauptet es der Text, immer gleich ab: die Kinder werden zu Bett gebracht, Wein wird eingeschenkt, Thomas setzt sich schon mal mit der Zeitung hin, während Astrid noch Dinge im Haus erledigt. Der durchritualisierte Alltag führt dazu, dass Thomas die Handlungen Astrids nachvollziehen kann, ohne dabei zu sein: „Thomas stellte sich vor, wie Astrid zwei Stapel machte mit der sauberen und der schmutzigen Wäsche.“ Die Einsicht, die sonst einem auktorialen Erzähler vorbehalten ist, nämlich die Dinge beschreiben zu können, die außerhalb seiner Präsenz liegen, überträgt sich hier auf Thomas – die langen Jahre haben ihn zum auktorialen Erzähler seiner Ehe gemacht. Jeder Überraschungsmoment ist ausgeschlossen, alles kann schon erzählt werden, bevor es passiert ist.

Wenn er sie dann früher gefragt hatte, woran sie denke, hatte sie jedes Mal gesagt, an nichts, und über die Jahre hatte er angefangen, ihr zu glauben, und sie nicht mehr nach ihren Gedanken zu fragen.

Daher entschließt Thomas eines Tages, einfach loszugehen, eher gesagt wegzugehen. Ohne lange Vorbereitung läuft er los, an den noch schlafenden Häusern vorbei bis zum (symbolischen) Rand der Zivilisation: „Thomas war erleichtert, als er den Waldrand erreichte.“ Stamms Aussteigergeschichte ist eine, die im Roman aus zwei Perspektiven geschildert wird: während Thomas nach anfänglichen Startschwierigkeiten und Unvorsichtigkeiten (er bezahlt in einem Laden mit seiner Kreditkarte, womit sein Standpunkt bestimmt werden kann) seinen Weg durch die Wälder und Gebirgspässe der Schweiz gen Süden findet, wird Astrid dabei gezeigt, wie sie den Alltag für sich und die zwei Kinder irgendwie aufrecht erhält.

Denn Thomas ist in dieser Situation der Aktive, er hat die Zäsur erwirkt und bestimmt über sein eigenes Schicksal und Astrid, mit den Kindern zurückgelassen, in die Passivität verbannt. Die findet sich nach einigen Bemühungen ihren Partner aufzufinden, in dem sie die Polizei verständigt und dorthin fährt, wo er das letzte Mal gesehen wurde, mit der Situation ab. Die Lösung ihrer Probleme findet sie dabei in alten Verhaltensweisen: „Aber diese erste Dreiviertelstunde am Morgen verlief nach einem so festen Plan, dass sie keine Zeit hatte, an etwas anderes zu denken als an das, was zu tun war.“ Das Ritual bietet die Ordnung, die ihr gerade fehlt, erhält den Schein aufrecht.

Die kleinste Entscheidung, der kleinste Zufall teilten Wirklichkeit in zwei Stränge, in vier, acht, sechzehn, in unendlich viele Welten.

Das geht soweit, dass Astrid Thomas – ohne dass sie sich sicher sein kann – für Tod erklären lässt: „Sie hielt fest an diesen konkreten Arbeiten, an der Illusion, dass selbst ein Todesfall geregelt werden konnte, dass es Abläufe gab, die das Chaos zurückführten in eine Ordnung.“ Chaos wieder in eine Ordnung zurückzuführen – das wird bei Peter Stamm im Kleinen durchexerziert und weist darüber hinaus auf die gesellschaftliche Bedeutung, die Rituale bedeuten, denn in „Weit über das Land“ wird der Durchschnittsmensch vorgeführt: „Er war überhaupt ein sehr ausgeglichener Mensch, ein Durchschnittsmensch, wie er selbst manchmal sagte.“

In der Hauptsache geht es Peter Stamm jedoch um etwas anderes, nämlich erzählerische Macht. So wie am Anfang Thomas‘ Einsicht in die Dinge zur Ernüchterung führt, da das Leben dem Geheimnis beraubt wurde, führt Thomas‘ Verschwinden wiederum bei Astrid dazu, dass sie in die Rolle der Erzählerin rückt: „Manchmal kam es ihr vor, als liege es in ihrer Macht, sich für die eine oder andere dieser Möglichkeiten zu entscheiden.“ Die Leerstelle, die Thomas hinterlässt, muss Astrid ausdeuten. Ihr obliegt es das ungewisse Schicksal ihres Mannes zu interpretieren; wenn sie ihn für Tod erklärt, ist er in der Wirklichkeit der restlichen Familie auch Tod.

Er fühlte sich gegenwärtig wie sonst nie, es war ihm, als habe er keine Vergangenheit und keine Zukunft.

Peter Stamms „Weit über das Land“ ist ein kleiner Text über die Möglichkeiten des Erzählens und darüber, was Gesellschaften im Inneren zusammenhält. Stamms Sprache ist zurückhaltend und diskret, aber sehr präzise. Die üppigen Kulturlandschaften, die der Text abbildet, scheinen teilweise zu idyllisch, um aus der Gegenwart zu stammen, sollen jedoch die Grenze zwischen Zivilisation und Natur verdeutlichen, die Thomas überschreitet. „Weit über das Land“ ist kein Jahreshighlight, aber ein guter, kleiner Roman, der sprachlich auf der Höhe seiner Themen ist und wie unter dem Brennglas aus dem Schicksal zweier Menschen das Exemplarische herausarbeitet.

Besprechung von: Gerrit ter Horst, Mitbetreiber des Blogs Zeilensprünge


Peter Stamm: Weit über das Land. S. Fischer Verlag, 2016. 224 Seiten, 19,99€.

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Gerhard Falkner „Apollokalypse“

Sich mit nicht-menschlichen Erscheinungen zu unterhalten, ist (noch) kein Beweis für geistige Umnachtung. Wenn ich mit Pflanzen und meinem Auto rede, kann ich sicherlich auch mit einem Buch reden, dachte ich und tat es: im Kopf. Der Gesprächspartner dieses fiktiven Dialogs ist der Roman „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 steht und mich hin- und hergerissen hat; wohl auch deshalb spreche ich – die Leserin – mit ihm.

Roman: Was’n los? Machst Du Schluss mit mir?

Leserin: Vorerst ja. Ich brauch‘ etwas mehr Zeit, eine Auszeit, ein anderes Leben, andere Bücher.

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Roman: Und dabei hat es doch so gut mit uns begonnen. Wir waren sogar zusammen im Bett. Du hast meine Seiten zärtlich mit Bleistift beschrieben und mich mit diesen niedlichen grünen Fähnchen markiert, passend zu meinem Cover.

Leserin: Ja. Zugegeben. Ich war zuerst hin und weg von Dir, obwohl Du das typisch männliche Macho-Gehabe an den Tag gelegt hast, Deine Kraft in langen ausufernden Sätzen, verrückten Vergleichen und Bildern, rundum ungewöhnlichen Formulierungen zeigen wolltest. Doch dann entstand ein breiter Erzähl-Fluss, trotz der Zeitensprünge und Perspektiv-Wechsel; ich las Dich gern. Deine Berlin-Szenen sind großartig. Wie Du diese Zerrissenheit und die Verwerfungen der Metropole, die Zeit vor und nach der Wende beschreibst, zwischen Ruinen und Moderne und die Mauer mittendrin – wunderbar!

Roman: Und mein Held, der coole Georg Autenrieth, hat Dir sicherlich auch gefallen, oder?

Leserin: Er ist ein sehr zersauster, überdrehter, undurchsichtiger und unruhiger Mensch, der mal hier mal dort ist, aus Nürnberg stammend, in der Weltgeschichte herumreist, nach Berlin kommt, um dubiosen Geschäften nachzugehen. Ich wurde nicht so recht warm mit ihm. Ich fand ihn trotz seines umtriebigen Handelns eher blass, auch seine Freunde traute ich nicht über den Weg. Der eine, Büttner, war in der Psychiatrie und hat ja kein gutes Ende genommen. Das Beziehungs-Aus zwischen Georg und Isabel, der einstigen Flamme Büttners, hat mir allerdings schon etwas leid getan.

Roman: Aber warum dann gleich das Ende mit uns?

Leserin: Auf Seite 239 war einfach die Leselust weg, die Luft raus. Ich las nur noch „Vagina“ und „Klitoris“. Die regelmäßig ausufernden Sex-Szenen haben mich genervt. Und für „ficken“ gibt es sicherlich auch Synonyme. Die Frauen haben keine Eigenschaften oder besondere Fähigkeiten, sie sind meistens nur gut fürs … Du weißt schon!

Roman: Aber mein Schöpfer ist ein bekannter und erfolgreicher Lyriker. Für mich, seinen ersten Roman, hat er gute Kritiken erhalten.

Leserin: Wohl wahr. Das möchte ich ja auch nicht in Abrede stellen, aber mir muss nicht gefallen, was andere mögen.

Roman: Du bist doch die Bloggerin, die oft ein Lieblingszitat an den Beginn eines Beitrags stellt. Wurdest Du bei mir fündig?

Leserin: Ich habe einige schöne Passagen gefunden; wie diese hier: „Heute, wo jeder verrückt ist, ist es gar nicht so einfach, zu einem ganz normalen Menschen durchzudrehen.“

Roman: Konnte ich Dir denn wenigstens etwas sagen?

Leserin: Ich glaube, Du bist ein Roman über die Suche nach Identität in Zeiten der Unsicherheit, der Schnelllebigkeit. Alles verändert sich und man will einen Platz finden. Die Strategie der Abwesenheit in der Anwesenheit von Autenrieth fand ich faszinierend.

Roman: Und was passiert nun mit uns? Bekomme ich noch eine zweite Chance.

Leserin: Vielleicht; ab und an beginne ich ein Buch ein zweites Mal und lese Dich dann wirklich zu Ende. Aber vielleicht finde ich noch einen Mann – denn Du bist eher ein Männerbuch -, der Dich lesen will – you’ll never walk alone!

Besprechung von: Constanze Matthes, Betreiberin des Blogs „Zeichen & Zeiten“


Gerhard Falkner: „Apollokalypse“, Berlin Verlag; 432 Seiten, 22 Seiten

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Michelle Steinbeck: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«

»Es ist grauenhaft, dieses Buch. Es ist entsetzlich, es ist ein Albtraum, es zu lesen. Es ist unehrlich, verlogen, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.« Elke Heidenreich hat mit ihrem vernichtenden Urteil über Michelle Steinbecks Debüt »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« im SRF Literaturclub eine Debatte im Feuilleton ausgelöst, die sich nicht um den Roman, sondern um ihre eigene Person dreht. Dass Heidenreichs Aussagen nichts mit Literaturkritik zutun hatten, wurde bereits von Jürg Altwegg in der FAZ und Guido Kalberer im Tages-Anzeiger erläutert und Heidenreichs Auftreten als bloßer Versuch, Quote zu machen, entlarvt. Zeit, den Roman selbst unter die Lupe zu nehmen.

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In Steinbecks Debüt kehrt die Ich-Erzählerin Loribeth an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie beginnt an der Schreibmaschine ihres Vaters zu schreiben, es kommt aber nur ein einziger Satz zustande: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«. Sie bekommt Hunger, streift durchs Haus und erschlägt im Affekt mit einem Bügeleisen ein Kind mit blinkenden Schuhen. Das Kind, scheinbar tot, wird kurzerhand in einen Lederkoffer gepackt. Loribeth geht mit ihm zu einem Friedhof, wo sie die Leiche des Kindes bestatten möchte, aber auf eine alte, Karten legende Frau mit blauen Haaren und einem Schoßkrokodil trifft, die ihr mitteilt, sie müsse den Koffer zu ihrem Vater bringen, um mit »Liebe, Ruhm und Gold« überschüttet zu werden. Also begibt sie sich auf den Weg, der sie über eine Landstraße und ein Bauernhoffest in die rote Stadt führt, wo Loribeth glaubt, ihren Vater zu finden. Verfolgt wird sie stets von drei sprechenden Doggen, die hinter Loribeth und dem Koffer her sind. Tot ist das Kind im Koffer auch nicht, immer wieder bewegt es sich im Koffer und macht auf sich aufmerksam. Anstatt den Vater trifft sie in der roten Stadt nur auf seine schwangere, neue Frau in der gemeinsamen Wohnung.
Schließlich findet Loribeth den Vater auf einer einsamen Insel und übergibt den Koffer, kehrt zurück in ihr Leben, dass sie sich während ihrer Reise aufgebaut hat: mit Fridolin Seifert und seiner Schwester Mabel lebt sie in einem Haus, das sie von den Alimenten des Vaters für sein ungeborenes Kind gekauft hat. Doch auch dort ist sie nicht glücklich.

Michelle Steinbecks Debüt ist ein surrealistischer Roman, der vor allem mit Traummotiven und dem Klang der Sprache spielt. Er setzt sich damit vom 08/15-Roman der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ab. Wer sonst ausschließlich realistische Literatur liest, mag »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« als einen schwer zugänglicher Text empfinden, der – wie im Fall von Alain Claude Sulzer Langeweile, im Fall von Elke Heidenreich aggressive Ablehnung – hervorruft. Ein hermetisch abgeriegelter, unverständlicher Text ist Steinbecks Debüt jedoch keinesfalls.

»Du bist noch sehr Kind in dir drin, seufzt die Alte. Ein weiter Weg … Der Vater ist das Problem: Der Vater ist dir sehr nah… Eine Trennung… Ängste. […] Deine Ängste und Zögerlichkeiten, es sind nicht deine … Es sind die deines Vaters – steck sie in den Koffer, und gib sie ihm zurück! […] Dein Vater steht dir im Weg. Er schirmt dich ab von allen Glückskarten. Die höchste Geldkarte liegt da, die Erfolgskarte auch! Gibt dem Vater seinen Koffer zurück, und du wirst überschüttet mit Liebe, Ruhm und Gold.«

Man kann den Text allegorisch lesen: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« ist ein Roman über die Schreibkrise des Schriftsteller-Ichs im Text, mit dem Steinbeck selbst natürlich nicht ohne weiteres gleichzusetzen oder für verrückt zu erklären ist, wie es Heidenreich getan hat.
Als Loribeth am Anfang ihrer Reise nach der Prophezeiung der Kartenlegerin den Friedhof verlässt, trifft sie auf einen alten Bekannten, die lebendige Statue eines bebrillten, jungen Dichters an einem Grab: »Erinnern Sie sich überhaupt? Mein Vater und ich, wir kamen früher jeden Tag hierher, um Sie zu besuchen. Sie waren sein grosses Vorbild. Er hat Sie um Rat gefragt für sein Buch, wissen Sie noch? Ich hätte heute auch fast angefangen, etwas zu schreiben.«

Es ist die Schreibmaschine des Vaters, der selbst Schriftsteller und »Gelehrter« ist, wie es später heißt, auf der Loribeth über den Vater zu schreiben beginnt. Das ‚Erbe‘ des Vaters, der sie zwar verlassen, sich aber in seiner Rolle als Vater so tief in ihr Selbst eingeschrieben hat, führt zur Schreibkrise. Das wird spätestens deutlich, als sie fragt: „Können wir nie anders sein als unsere Eltern?“ Der Verlust des Vaters könnte als  für den Roman konstitutives, „traumatisches“ Erlebnis interpretiert werden, das auch den surrealistischen Modus des Textes begründet. In dieser Lesart wäre das untote Kind im Koffer wohl das eigene Ich oder jener Teil des Ichs, der vom Vater – bewusst oder unbewusst – beeinflusst wird und von dem es sich zu lösen gilt, um schreiben zu können.

Steinbecks Roman ist radikal – die Bilder, die sie wählt, kann man geschmacklos finden: Das tote Kind, das in einem Koffer mitgenommen wird, fast jede Figur des Romans, auch die Kinder, raucht pausenlos, es werden Finger und Ohren verspeist, in der roten Stadt, die Loribeth auf der Suche nach ihrem Vater besucht, ist es mehr als ungemütlich:
»In den Gassen gibt es keine Laternen. Es riecht nach Kohlerauch und verwesendem Fleisch. Über den Hauseingängen hängen gehäutete Schafsköpfe, in dunklen Ecken liegen Abfallberge und eingemummte schlafende Menschen. […] Schäumende Maulesel trotten halbtot an mir vorbei, den Rücken verschnürt mit Baumwollballen, die geschwollene Zunge hängt blödsinnig zwischen den Zähnen heraus. Es ist heiß, und durch die Luft, die nach Gewürzen und Pisse riecht, zieht der Kohlerauch.«

Bequem soll der Text nicht sein, thematisiert er doch die Erfahrung einer Krise. Aber darf es solche Bilder in der Literatur nicht geben, wie Heidenreich glaubt? Genau wie Loribeth, das erzählende Schriftsteller-Ich, probiert auch Michelle Steinbeck sich aus, auch in unkonventionellen und radikalen Bildern, um dem Prozess des Schreibens, der Produktion von Literatur in Form des vorliegenden Debüts, der schließlich den gleichen Titel trägt wie der erste Satz des produzierten Textes im Roman, zu ermächtigen. Im letzten Kapitel des Romans wird der Durchbruch der Schreibkrise erreicht:

»Ich höre nicht mehr, ob er Antwort gibt. Ich drehe schnell ein Blatt Papier in die Schreibmaschine ein und hacke auf die Tasten, bis es mir in den Ohren dröhnt, meine Finger taub sind, meine Nägel abgebrochen, und ich mache immer weiter und höre nie mehr auf.«

Auch Michelle Steinbeck sollte nicht aufhören zu schreiben. »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« wird es vielleicht nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen, dafür ist der Roman wohl zu speziell, zu experimentell, zu radikal. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Jury des Deutschen Buchpreises Steinbecks Debüt nicht auf die diesjährige Shortlist gesetzt hat. Es bleibt zu hoffen, dass dieser literarisch dichte, metapoetische Text einer begabten jungen Autorin auch fernab des Buchpreis-Rummels nicht allzu schnell in Vergessenheit gerät.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Mitbetreiberin des Blogs Zeilensprünge.


Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. Roman, Lenos Verlag 2016, 153 Seiten, 18€.

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Philipp Winklers „Hool“: Knochenbruch mit Tiger

„Gäbe es eine Tür zur Szene, sie wäre fensterlos, stabil, hätte an der Außenseite keine Klinke. Nur eine Metallplatte dort, wo das Schloss sein müsste. Ein Schild wäre fest ans Blatt genietet. Denn von innen bollert und rumst es ordentlich dagegen. Nein, das Ganze müsste schon was aushalten. Das Schild wäre vielleicht rot oder schwarz. In fetten Druckbuchstaben würde darauf stehen: »KEIN ZUTRITT! WEITERGEHEN!«“. So beschreibt der Autor Philipp Winkler in einem Gastbeitrag in der FAZ die Hooligan-Szene – als hermetisches Gebilde, ein exklusiver Klub, der sich gegen Außenstehende abschottet und Geheimnis bleibt. Auch wenn einige Gruppen unlängst während der EM die große Bühne der französischen Städte gewählt haben: normalerweise bleiben Hooligans gerne unter sich. Verlassene Industriegebiete, abgelegene Wälder, ihre Kämpfe sollen möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Wie also sich diesem brutalen Mysterium annähern? Winkler, der mit seinem Debüt „Hool“ nun für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert ist, weist berechtigt auf die Risiken hin: „Wir könnten es hinter der Tür herausfinden. Aber wollen wir das? Wer will schon einen auf die Schnauze kriegen?“ Um nicht auf die Schnauze zu kriegen, hat er den Blick hinter die Tür vom geschützten Raum der Literatur gewagt. Doch kann das gelingen?

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Heiko, Ich-Erzähler und Protagonist der Narration, ist Hannoveraner und damit Hannover 96-Fan. Mit ein paar Bekannten und Freunden ist er Mitglied einer Hooligan-Gruppierung, deren Aktivitäten sich zwischen dem Niedersachsenstadion, dem Studio „Wotan Boxing Gym“ und ihrer Stammkneipe „Timpen“ abspielen, das Milieu ist zwielichtig: „Das Klientel besteht hauptsächlich aus mindererfolgreichen Kampfsportlern, Atzen aus dem Security-Bereich und Bikern. Und leider auch so einigem an rechten Gesocks.“ In ihrem Gebaren ähneln die Hools einer Stammeskultur: nach außen gilt das Gesetz der Stärke, nach innen unbedingte Loyalität. Das Leben ist alltägliche Monotonie, Entgrenzung erfahren die harten Burschen nur während ihrer arrangierten Kämpfe mit anderen Gruppen, am liebsten – so gehört sich das als 96er – gegen Braunschweiger Hooligans: „Es war so ein affengeiles Gefühl, weiß ich noch ganz genau, wie der Pulk an Hools hinter mir herlief.“

Ein echter Fußballfan legt Wert auf Tradition, auf das Althergebrachte.

Die Kämpfe führen zu ekstatischen Zuständen, was sich auf die Form des Romans überträgt: „Ich kloppe ihm einen Schwinger direkt in seine Drecksfresse. Macht den Klappmann, krümmt sich und stöhnt. Spuckt den Schutz in den Sand. Zähne verklebt mit Blut. Bleib unten!“ Die Sprache zieht sich zusammen, wird elliptisch, ist Ergebnis eines unmittelbaren, unreflektierten Eindrucksreigens. Worte als fliegende Fäuste. Der Text, der bis auf ein paar Rückblicke konsequent im Präsens gehalten ist, ist während dieser Kämpfe in der höchsten Form von Gegenwart angekommen. Gegenüber dieser gewalttätigen Euphorie ist der Rest des Tages eine unbequeme Lästigkeit: „Ich komm mir beinah wie der Otto-Normal-Malocher vor, den der Wecker um halb fünf Uhr morgens aus den Laken klingelt, der einen schnellen Kaffee in sich reinschüttet und dann im Halbschlaf über die Autobahn auf Montage bügelt.“

Ich stemme die Hände in die Hüfte. Die Luft splittert wie Sägespäne durch meine pfeifende Lunge.

Doch graue Wolken ziehen in der heilen Hooligan-Welt auf. Einer der Jüngeren der Gruppe hat fußballerischen Erfolg und kann sich die heiklen Kämpfe nicht mehr leisten, ein anderer wird schlicht zu alt. Als schließlich ein Dritter, Kai, sich während eines Kampfes eine schwere Hornhautverletzung zuzieht und droht zu erblinden, vollzieht der Texte eine Wende, die sich Ich-Erzähler Heiko nicht eingestehen möchte: „Heiko, raff es halt mal! Ich hab genug. Das wars für mich. Und du solltest auch endlich im wahren Leben ankommen.“ Parallel dazu besorgt sich Freund Arnim, passionierter Tierbesitzer, einen Tiger, den Heiko mithilft zu beschaffen. Als der Tiger entwischt, ist Heiko gezwungen – symbolischer könnte ein Akt kaum sein – das wilde Tier zu erschießen.

„Hool“ ist ein Familiendrama im Gewand einer Milieustudie. Nach und nach eröffnet der Text – über Begegnungen mit Schwester Manuela und Rückblicke auf Stadionbesuche in Kinderzeiten – dass der Kern dieser Figur eine dysfunktionale Familie ist. Die Mutter ist abgehauen, der Vater erkrankt, Heiko kriegt sein Leben nicht auf die Kette. Doch manchmal können einem selbstgeschaffene Bilder auf die Füße fallen. Die Hooligan-Szene als letztes Mysterium unserer Zeit zu bezeichnen und am Ende hinter der Tür zur Szene einen traurigen Menschen zu entdecken, ist ein ziemlich lahmer Zauber. Der Versuch, dem Klischee vom Hooligan als harter Bursche einen doppelten Boden einzuziehen, wendet sich bei Philipp Winkler wiederum ins Klischee: den Hooligan als Sinnbild für „harte Schale, weicher Kern“ zu entwerfen, ist so aufregend und radikal wie der sonntägliche „Tatort“. Natürlich sind Gewalttäter Menschen, sie sind vielleicht sogar ziemlich lahme Spießer. Dafür lohnt es sich aber nicht, die Tür zur Szene aufzumachen.

„Komm, trink aus. Ich bring dich zurück in die Klinik.“

Sprachlich hat „Hool“ hingegen ein paar spannende Ansätze. So wechselt der Text – durchgängig in Ich-Form geschrieben – häufiger mal den Ton. Als Erzähler ist nie jemand anderes als Heiko markiert, der normalerweise jede Derbheit mitnimmt („Die Hunde bellen sich die Scheiße aus dem Arsch und hören gar nicht mehr auf.“), aber gleichzeitig auch zu derlei poetischen Beobachtungen fähig ist: „Der tiefblaue Himmel über uns, durchschnitten von den Stromleitungen und vereinzelte Wolken, die wie kreidene Elfmeterpunkte und Seitenlinien schwebten.“ Dadurch verwirrt der Text die Rezeption und lässt die Frage offen, ob hier wirklich nur Heiko spricht. Plötzlich ist da etwas anderes, das nicht zugeordnet werden kann. In seinem Versuch, so etwas wie Saufnasen-Poesie – „Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte.“ – zu entwickeln, erinnert „Hool“ an Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“. Doch was sich bei Strunk zu einem ganz eigenen poetischen System verdichtet, wirkt hier wie aus einem Tom Gerhard-Film abgeschrieben.

Philipp Winklers Debüt ist am Ende ein klassischer Roman des zeitgenössischen Kulturbetriebs. „Hool“ postuliert, das Ohr auf der Straße zu haben und Männerschweiß zu atmen, weswegen das Buch jetzt schon mit dem stets für seine authentischen Lebenserfahrungen gerühmten Clemens Meyer verglichen wird. Dieser Roman ist aus dem gleichen Grund auf der Shortlist, aus dem Haftbefehl zum legitimen Goethe-Nachfolger erklärt wird: wer die Straße nur noch vom Blick aus dem SUV kennt, dem kommt das alles furchtbar aufregend vor, ein kleiner Thrill, bevor man auf der Couch einschläft. Die Straßen von „Hool“ sind jedoch aus Papier und sie führen ins Nirgendwo.

Besprechung von: Gerrit ter Horst, Mitbetreiber des Blogs Zeilensprünge


Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag, 2016. 310 Seiten, 19,95€.

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Katja Lange-Müller „Drehtür“

„Ich bin frei, frei wie ein Vogel ohne Flügel, ein Blechvogel, aber einer, zu dem es keinen Schlüssel mehr gibt, den niemand mehr aufziehen und über die Dielen hüpfen lassen kann.“

Wenn die Fremde vertrauter wird als die einstige Heimat, ist sie dann noch Heimat? Die Vergangenheit mit all ihren Begegnungen und Episoden erscheint, als Asta an einer Drehtür auf dem Münchner Flughafen steht. Viele Jahre hat sie mit verschiedenen Hilfsprojekten im Ausland verbracht, zuletzt in einem Krankenhaus in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Nun ist sie zurück, 65 Jahre alt, also im besten Alter, um getrost in den Ruhestand zu gehen. Doch Deutschland, die einstige Heimat, verwirrt sie vielmehr, als das sie vertraut wirkt.  Asta raucht einen Glimmstängel nach dem anderen dank eines Vorrats an Duty-Free-Zigaretten, die Zeit vergeht. Menschen gehen, Menschen kommen.

20160920_190840Die Drehtür, die dem aktuellen Roman von Katja Lange-Müller auch den Titel gibt, ist nicht nur jene Station, an dem der Leser die in die Jahre gekommene Heldin zu Beginn kennenlernt. Sie ist zugleich faszinierendes Symbol für die Bewegungen im Leben Astas, für einen Ort, an dem Weggefährten erscheinen und verschwinden, und eine Pforte zu fremden Kulturen. Denn Asta ist eine Helfende und viel Gereiste. In Leipzig und Berlin als junge Frau heimisch, führten ihre Wege sie unter anderem nach Tunesien, in die Mongolei und in USA. Schon in der Zeit der DDR überwand sie die Grenze, reiste sie zu Beginn der 80er Jahre in die BRD aus.

Doch für die Erinnerungen braucht es einen Anstoß: Es sind das Umfeld der Drehtür und eben Menschen, die sie auf dem Flughafen still und heimlich beobachtet und die Ähnlichkeiten aufweisen mit jenen Bekannten aus längst vergangenen Jahren, von denen sie in einem inneren Monolog berichtet. Wie die ehemalige Kollegin Tamara aus dem psychiatrischen Fachkrankenhaus, welche die Guerilla-Kämpferin Tamara Bunke verehrte und in Indien mit einer Hilfsaktion Frauen mit Nähmaschinen versorgte, die durch einen tückischen Anschlag mit Brennspiritus schwer verletzt und verstümmelt wurden. Ein junger Asiat lässt Asta an einen Nordkoreaner denken, dem sie einst das Leben gerettet hat. Mit Georg und Kurt tauchen zudem zwei Männer auf, zu denen Asta besondere Beziehungen pflegte, der eine Künstler, der andere Sozialwissenschaftler. Selbst eine Katze bringt sie dazu, sich an einen eher unharmonischen Urlaub in Tunesien zu erinnern.

„Zu helfen weckt ein seltsames Verlangen in dir, aber eines, das gestillt werden kann, so betörend, dass du es wieder tun willst und wieder und immer wieder. Es mag wohl auch tröstlich sein, und nicht nur für den Hilfsbedürftigen, doch mehr noch ist es eine Herausforderung, durchaus im sportlichen Sinne des Wortes. Wenn du zum Helfen berufen oder eben ermächtigt bist, ist es tröstlich und herausfordernd, jemandem zu begegnen, dem es schlechter geht als dir selbst, am besten viel schlechter.“

All diese recht unterschiedlichen Geschichten vereint ein großes Thema: Erzählt wird vom Helfen und der Hilfsbereitschaft, von deren Gründen und Grenzen. Weshalb setzten sich Menschen für andere ein? Ist es ein natürlicher Reflex, welche Rollen spielen Macht und der Gedanke an einen Misserfolg? Fühlt man Schuld, wenn man Hilfe verweigert? Katja Lange-Müller wirft mit ihrem vielstimmigen und weltumspannenden Roman interessante Fragen auf – gerade in der heutigen Zeit, in der in vielen gesellschaftlichen Bereichen das Ehrenamt gefragter ist denn je oder vor allem in sozialen Berufen händeringend nach geeigneten Nachwuchskräften gesucht wird. Allgemein stellt sich der manchmal leise, aber zweifelnde Gedanke, ob sich Hilfsbereitschaft und damit Aufopferung und Menschlichkeit noch lohnen. Denn Asta erlebt auch die Schattenseiten ihrer besonderen Neigung, seien es die mobbende Kollegen in Managua oder die Kaltherzigkeit anderer, die einen spürbaren Kontrast zu ihrer Helfer-Seele bilden.

Über dieses spannende Thema hinaus begeistert die Autorin mit einer feinen, sehr durchdachten Sprache, deren Inhalte und Möglichkeiten an einigen Stellen hinterfragt wird, und einer wunderbar ausbalancierten Stimmung zwischen Melancholie und Humor. Diese Geschichten, die sich um die charismatische Heldin versammeln oder wie bei einer Matroschka das Innenleben der Figur füllen, sind einfallsreich, ohne unreal zu wirken. Dass der kluge und berührende Roman es nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, ist ein Fehlurteil, so meine ich.

Der Roman „Drehtür“ von Katja Lange-Müller erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 19 Euro.

Besprechung von: Constanze Matthes, Betreiberin des Blogs „Zeichen & Zeiten“

 

Arnold Stadlers „Rauschzeit“: Heimat war ein Wort aus dem 19. Jahrhundert

Was tun, wenn die Sehnsucht aus dem Leben gewichen ist? Man kann sich damit abfinden und Kochkurse machen, teure Olivenöle sammeln oder Experte für Antikmöbel werden. Oder man bleibt ein Suchender, so wie in Arnold Stadlers neuem Roman „Rauschzeit“, der die Geschichte von Alain und die immer nur Mausi genannte Irene erzählt. Beide sind in der vegetarischen Zeit angekommen, so wird im Roman die Zeit nach der Rauschzeit genannt. In beider Leben klafft eine Lücke, man ist sich fremd geworden. Die Suche nach der verlorengegangenen Leidenschaft mündet in Stadlers Roman in einer Vergegenwärtigung des eigenen Lebens. „Rauschzeit“ ist eine Liebes-, Familien- und Freundschaftsgeschichte in einem und darüber hinaus eine Parabel auf ein kulturell geteiltes Deutschland.

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Plötzlich ist Elfi tot. Die Nachricht erreicht Mausi über ihre Todesanzeige in der FAZ. Suizid war es, ein schleichender Suizid, alkoholinduziert. Als die Nachricht in das Leben beider hereinbricht, befindet sich Alain gerade in Köln auf einer Tagung zu Jean Paul, während Mausi in Berlin weilt. Elfi war eine Freundin des ehemaligen Freundeskreises aus Freiburger Studientagen, der durch die Zäsur, die Elfis Tod darstellt, wieder vor Augen tritt. Vor allem da Alain eine weitere alte Bekannte wiedertrifft: Babette, seine Jugendliebe. Währenddessen verbringt Mausi ihre Tage in Berlin mit einem schmucken Dänen und Verdi-Opern. Das, was der eigenen Ehe verlustig gegangen ist, wird nun von beiden außerhalb gesucht, in der Erinnerung an alte Zeiten und dem Reiz, den das Fremde verspricht.

In den Liebesopern war es genauso. Immer nur Männer, oftmals alte, die diese dicken Romane und Opern geschrieben hatten, und über die Jahrhunderte und Jahrtausende waren es Frauen, die sich von den Männern erklären lassen sollten, was die Liebe war.

Alain ist Übersetzer und sieht sich selbst am Scheitelpunkt des Lebens angekommen: „Ich war nun ein Mann von vierzig Jahren, der so langsam sein Buch Ein Mann von vierzig Jahren hätte beginnen müssen und davon schreiben, und in der grauen Mitte meines Lebens hätte der Satz stehen müssen, dass ich nie zur rechten Zeit glücklich gewesen war, das sollte mein erster Satz sein.“ Das Gefühl des Unglücks ist in Alain eingeschrieben. Der sprechende Name Alain (allein) gibt Auskunft über seinen Zustand, Mausi (moi aussi) stimmt ein. Köln ist ein Mittelpunkt seines Lebens, doch mittlerweile ist ihm die Stadt unbekannt: „Am Ende musste ich ins ibis, da waren keine Freunde mehr.“ In manchen Kapiteln tritt Alain als Ich-Erzähler in Erscheinung, in anderen wechselt die Narration zu einer personalen Erzählerperspektive, die Alain und Mausi gleichzeitig thematisiert. Das verstärkt das Gefühl der Fremde und unterbindet eine klare Identifikation mit Alain. Auch für den Leser soll er ein Fremder bleiben.

Die Wurzeln beider Protagonisten sind tief in die deutsche Geschichte verwoben, wobei Alains Familie ins deutsch-französische Grenzland führt, während Mausis Familiengeschichte sich gen Berlin neigt. Doch Geschichte verläuft in „Rauschzeit“ nicht in feinsäuberlichen genealogischen Linien, sondern kontingent, fragmentiert und assoziativ. Die Erinnerungsarbeit, die hier geleistet wird, resultiert in Rück- und Vorblenden, Anekdoten und verschütteten Episoden. Stadlers Roman ist ein Text auf der Suche, auf der Suche nach den ersten Schmerzerfahrungen, auf der Suche nach einer Sprache über die Liebe. Und Stadler stellt diesen Suchprozess ganz offen aus: der Text schmeckt den eigenen Sätzen nach, kehrt immer wieder zu zentralen Motiven zurück, um sie noch mal abzuklopfen.

Ich war also von Anfang an in eine französische und in eine deutsche Linie geteilt. Die Grenze, zuzeiten eine Todesgrenze gewesen, verlief mitten durch mich. Die deutsche Linien ging wiederum in zwei Hohenzollernschen Linien auseinander, die Mutter von Elaine kam aus Deutschachberg, der Vater aus Sigmaringen.

Die Gegenüberstellung von Alain und Mausi ist auf einer zweiten Ebene die Opposition zwischen West und Ost, Katholizismus und Protestantismus. Im Text sind die Sympathien klar verteilt, Alain neigt zu Berlins Gegenstadt Köln, in der er noch etwas von einem spirituell-mystischen Geist lebendig sieht: „Ein fremderes Wort als Wallfahrt gab es nicht in Berlin.“ Köln ist Sehnsuchtsort und nostalgischer Bezugspunkt einer noch nicht lang vergangenen westdeutschen Vergangenheit, die deutsch-französisch geprägt war: „Köln war die Stadt, wo man im Himmel vom Heimweh nach Köln sang.“ In Berlin hingegen können sie Alains Namen nicht mal richtig aussprechen, das schroffe Preußentum ist ihm fremd.

Das Problem an Stadlers Roman ist das eines Weinkenners. Wer das Weinglas zu exzessiv schwenkt und zu offensiv gurgelt, wird schnell vom Gourmet zum Wichtigtuer. Mit Jean Paul teilt dieser Text die Lust am Fabulieren, mit Doderer – einem weiteren Bezugspunkt – die Bauart als narratives Geflecht von Umwegen. Stadlers Ton ist mal sehnsüchtig, mal polemisch. In Köln sitzt Alain auf einer Parkbank und regt sich über das grassierende Nichtrauchertum auf, an anderer Stelle wird sich über die Bademode mokiert. Doch der Text nimmt auch schon mal gerne eine müde Pointe mit, neigt zum Zotigen: „Denn der Dativ von Vögel hatte es mir auch schon angetan.“

Gab es etwas Undemokratischeres als die Liebe?

„Rauschzeit“ hätte eine klassische Midlife-Crisis-Selbstbespiegelung werden können. Das ist dieser Roman zum Glück nicht, vielmehr geht er von der sehr grundsätzlichen Überlegung aus, dass der Blick zurück klüger macht: „Meine Frage war nun: Was ist Glück? Und meine Antwort: Nachher weiß man es.“ Das bringt den Menschen in die unbequeme Lage immer dann glücklich zu sein, wenn er es am wenigstens erkennen kann. An seinen guten Stellen ist Stadlers „Rauschzeit“ eine sprachlich gereifte, unterhaltsame, mit großer Literatur gesättigte Reflexion über zentrale Themen des Lebens; an seinen schlechten ist es zu verquatscht, verkitscht und von einem unangenehmen Herrenwitz geprägt. Den Rausch, den Arnold Stadler zu bieten hat, ist daher ein kurzer und zurück bleiben leichte Kopfschmerzen.

Besprechung von: Gerrit ter Horst, Mitbetreiber des Blogs Zeilensprünge


Arnold Stadler: Rauschzeit. S. Fischer Verlag, 2016. 547 Seiten, 26€.

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Von der Suche nach dem Sinn des Lebens – Eine Polemik zum Deutschen Buchpreis 2016

Wenn wir in ein paar Jahren, in fünf vielleicht oder in zehn, zurückblicken auf die Romane, die für die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert wurden, werden sie uns dann erzählen, wie es sich angefühlt hat, unser Leben im Jahr 2016? Werden wir uns erinnern, was uns umgetrieben hat, welche Themen im öffentlichen Diskurs eine bedeutende Rolle spielten oder beim Treffen mit Freunden die Gemüter erhitzten, was uns erfreute, was uns besorgte? – Nein, lässt sich da wohl jetzt schon antworten, werden wird nicht.

ThemenEs wird ja jedes Jahr viel genörgelt, wenn die Longlist veröffentlicht wird, dann wieder, wenn die Shortlist feststeht. Viele Leser und Experten vermissen „ihren“ Titel, der doch ganz unbedingt hätte nominiert werden müssen, das eigene Herzens- oder Seelenbuch, oder auch den Roman mit dem beeindruckendsten Plot, mit der ganz besonderen Sprache, das allerbeste Debüt dieses Jahres oder das aller-, allerbeste Alterswerk, den Roman des Autors, der es doch schon lange verdient hätte, den experimentellsten Roman oder auch den konventionellsten, den Roman, der wirklich etwas zu erzählen hat oder den, der Buchhändler und Verlag am meisten erfreut usw. usw.

Und wie sieht es aus mit den Themen, die bei den diesjährig Nominierten eine Rolle spielen? Es stimmt schon, dass es mindestens ein – neudeutsch sogenannter – Coming-of-Age-Roman auf die Longlist geschafft hat, es gibt dort eine Dystopie und ein irritierend-experimentelles Debüt, den Roman, der die 1980er Jahre führt, den, der uns in die Abgründe des Fan-Seins schauen lässt und den, der uns – zum Ausgleich quasi – die Forschungsgeschichte zu Dante aufarbeitet.

Und dann gibt es jede Menge Romane, die um die Sinnsuche kreisen. Da sind Frauen und Männer, meistens haben sie die Lebensmitte schon überschritten, die auf ihr Leben zurückblicken und sich die Frage aller Fragen stellen; da sind die Männer, die aus ihrem Leben aussteigen, da sind die, die auf Reisen gehen, um sich selbst näher zu kommen, manchmal mit einem Fragenkatalog in der Tasche, manchmal aus einer spontanen Idee heraus. Alle wuseln und reisen herum, hin und her, die Mosel herauf, Italien herunter, manche kehren von langen Reisen zurück, manche reisen in die Berge, manche steigen auf Berge, manche reisen mit einem Koffer ungewöhnlichen Inhalts, manche reisen ganz ohne Gepäck, und sie suchen und suchen – nach dem Glück, der verpassten Liebe, dem Hund: die meisten Protagonisten suchen wohl vor allem sich selbst.

Der Jahrgang 2016 also wird als Jahrgang der Sinnsucher in die Buchpreisgeschichte eingehen. Das ist es also, so werden wir in fünf oder zehn Jahren erinnern, wenn wir auf die Titel schauen, was uns damals bewegt hat, die Suche nach uns selbst und nach dem Sinn. Aber dann wird uns – hoffentlich – vage in Erinnerung kommen, dass das ja nicht alles gewesen ist in diesem Jahr. Und wir werden uns fragen, wo die Romane waren, die sich damit beschäftigt haben, was uns hier in Europa gerade so um die Ohren fliegt.

Wo sind sie, die Romane, die sich nicht nur mit dieser Innerlichkeit des Individuums beschäftigen, als gebe es sonst nichts, worüber ein Nachdenken lohnt? Wo sind die Romane, die, seismografisch fast, aufnehmen, was in unserem Land gerade erodiert? Die uns Figuren schenken, die über das Auswandern, das Fliehen erzählen und die Schwierigkeiten des Ankommens, die erzählen über die Begegnungen zwischen dem Neuen und dem Alten, dem Bekannten und dem Befremdlichen? Wo die Romane, die ihre Protagonisten in die Arbeitswelten schicken und erzählen von den Mühen der Personalentwicklung und der Zielvereinbarungsgespräche, von Kostendruck und Effizienz und (Selbst-)Optimierung, vom neuen Dienen und von den Schwierigkeiten des Lebens unter diesen Bedingungen? Wo die Romane, die unter den Bedingungen der sich dramatisch verändernden politischen Verhältnisse spielen, wo die Romane, die von Menschen erzählen, die ins Mühlrad der Digitalisierung gelangen?

Nun mag das eine oder andere Thema zu aktuell sein, um (schon) fiktional bearbeitet werden zu können. Für einen Brexit-Roman oder einen AfD-Roman ist es sicher noch zu früh. Die ökonomischen Verwerfungen aber sind schon länger beobachtbar, darüber schreibt aber kaum ein Autor.

Wenigstens hat es ein Roman auf die Longlist und auch die Shortlist geschafft, der die Erlebnisse von Flucht und den Schwierigkeiten des Ankommens erzählt, einer Flucht aber, die Jahrzehnte zurückliegt und bei der diejenigen, die geflohen sind, die „Guten“ waren, galten sie doch als lebendige Beweise für die Überlegenheit des westlichen Lebens im Wettstreit mit der kommunistischen Lebensweise in Osteuropa. Wo sind aber die Romane, liebe Jury, die von den „neuen“ Fluchten erzählen? Die gibt es ja, die sind im Frühjahr erschienen, die meisten von ihnen Debüts, aber das ist ja kein abwertendes Kriterium, im Gegenteil.

Und wo sind, liebe Schriftsteller, die Romane, die erzählen von den Verwerfungen in unserer Gesellschaft? Müssen wir die französischen, die englischen Romane lesen, wenn wir wissen wollen, wo es gärt, wo die gesellschaftlichen Wirklichkeiten aufeinandertreffen? Oder bleiben uns nur die Sachbücher, wenn wir erfahren wollen, wie uns lieb gewonnene Verhältnisse gerade allüberall abhandenkommen, ein Prozess, der schon vor Jahrzehnten ausgelöst wurde, z.B. durch das Aufkündigen des „Sozialen“ im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, da war noch kein syrischer Flüchtling in Sicht. Mag sich kaum mehr ein Autor auseinandersetzen mit diesen Themen, schickt er seine Protagonisten lieber auf Innerlichkeitsreisen und überlässt das weite Feld lieber den Politologen und Soziologen?

Immerhin, die meisten der nominierten Romane sind „gute“ Geschichten, und manch ein Reisender wird auch bei diesem Tun mit der Gegenwart konfrontiert und setzt sich damit auseinander. Und natürlich: Auch Innerlichkeitsreisen haben ihren Stellenwert, auch über Sinnsucher wollen wir lesen, das gehört ja zum Leben dazu. Aber die Fliehkräfte der Gesellschaft gehören eben auch dazu.

Die Shortlist, die nun heute veröffentlicht wurde, hat dann auch keine besonderen Überraschungen mehr zu bieten. So warten wir auf jeden Fall auf die nächsten Buchpreislisten und schauen, ob sich in Zukunft Autoren und Jurys offener den aktuellen Themen stellen werden. So lange bleiben ja immerhin die Sachbuchtitel.

Beitrag von: Claudia Pütz, Betreiberin des Blogs Das graue Sofa

Dagmar Leupold über Erwartungen, Gelassenheit und Altersweisheit

Dagmar Leupold wurde 1955 in Niederlahnstein geboren und veröffentlicht seit 1988 in regelmäßigen Abständen literarische Texte. Zuletzt erschien von ihr „Die Witwen“, ein Roman, der für die Longlist de Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt: zum Deutschen Buchpreis aber auch zu ihrem neuen Buch.

Leupold

Copyright: Volker Derlath

Erst einmal Glückwunsch dazu, dass Sie mit Ihrem Roman „Die Witwen“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stehen – wie haben Sie von der Nominierung erfahren?

Danke! Telefonisch – ich war gerade am Strand in Apulien, als Anna Jung anrief.

Die Freude über die Nominierung war dann wahrscheinlich groß, oder?

Ja, ich habe mich sehr gefreut. Aber ein wenig Erfahrung und Altersweisheit haben mich gelehrt,  solchen Entscheidungen mit  verhaltener Freude zu begegnen.

Der Buchpreis ist jedes Jahr wieder von vielen Diskussionen geprägt: zu wenig Frauen, zu viel alte Autoren – verfolgen Sie diese Diskussionen? Und wie gehen Sie damit um?

Wirklich verfolgen – im Sinne von sehr ernst nehmen –  eher nicht; ich weiß, dass sich irgendwelche Dynamiken und Diskurse jährlich ergeben müssen, gewissermaßen als Gleitmittel und Treibstoff des Betriebs. Daran ist nichts verwerflich, aber man muss es eben mit der notwendigen Ironie betrachten.  Grundsätzlich ist aber schon festzustellen, dass es eine gewisse männliche Dominanz sowohl auf der Seite der Beurteiler wie auf der der Beurteilten gibt.

Sie standen mit Ihrem Roman „Unter der Hand“ vor drei Jahren schon einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreis – können Sie sagen, ob es damals etwas in Ihrem Leben gab, das sich nach der Nominierung verändert hat?

Eigentlich nicht. Ich hatte damals zu hohe Erwartungen – im Sinne von: Jetzt verändert sich alles -, daher bin ich sehr dankbar für die 2. Nominierung, die mir Gelegenheit gibt, meine neue Gelassenheit zu genießen!

Was bedeuten Ihnen Preise und Auszeichnungen überhaupt beim Schreiben?

Ich freue mich über die Anerkennung. Da ich selbst in einigen Jurys war, weiß ich aber auch, dass viele Entscheidungen Kompromisse zwischen unvereinbaren Positionen sind.

„Die Witwen“ ist ein Roman über vier Frauen, die strenggenommen eigentlich gar keine Witwen sind – was ist Ihr Hintergedanke bei dem Titel des Buches gewesen?

Ich hatte so viele Hintergedanken, dass es unmöglich ist sie hier aufzuzählen! Aber ein leitender Gedanke war der nach den Gedenkarten bzw. -formaten für Frauen (Helden sind männlich, Heldenfriedhöfe, Monumente etc.). Daher einmal Dodos Ausruf: Wo liegen die Witwen? Witwenschaft wäre dann so etwas wie ein Zustand der Beraubung. Und nicht zuletzt sind die vier „Witwen“ der Literaturgeschichte: Penelope, die auf Odysseus Wartende, Beatrice, die „santa figura“ bei Dante, Laura, die Untote bei Petrarca und Dodo (Aldonza), die Vorlage für die Dulcinea – doppelt fiktionalisiert – bei Cervantes.

Spannend finde ich auch den Untertitel des Buches – „Ein Abenteuerroman“: die vier Frauen in Ihrem Roman gelangen alle an einen Punkt, an dem sie unglücklich in ihren Leben sind. Einen Punkt, an dem sie auf- und ausbrechen wollen. Was glauben Sie, braucht man zum Glück und woran kann man merken, dass man mit dem was man hat, nicht mehr glücklich ist und sich neu erfinden muss?

Abenteuer – in der weiblichen Version  – hat mehr mit Ankunft (Advent/adventure) zu tun als mit Aufbruch, Heldentaten, Grals- und Glücksuche. Die Frauen kommend erzählend bei  sich an, obwohl sie ja eigentlich gestrandet sind und die Reise nicht der Rede wert ist. (Im Sinne von miles&more). Sie  sind nicht unglücklich, aber beklommen, weniger, weil sie sich neu erfinden müssen: Für mich müssen sie sich ich ihre eigene Geschichte und sich selbst übers Erzählen aneignen und diese selbst – genauso wie die ZuhörerInnen – bezeugen.

Seit 1988 veröffentlichen Sie in schöner Regelmäßigkeit neue Bücher – denken Sie bereits jetzt an Ihr nächstes Projekt oder verweilen Sie gerade noch ein wenig bei den „Witwen“?

Wie nach einer echten Entbindung erst mal Leere, Regeneration und Widmung ans Neugeborene!

Zur Rezension von „Die Witwen“:

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Die Erziehung des Mannes von Michael Kumpfmüller

Eines hat der Roman geschafft, er hat mich beim Lesen sehr beschäftigt. Allerdings waren die Gefühle, die er in mir hervorrief, alle meist eher weniger positiv besetzt. Auf dem Innenklappentext ist die Rede von einem „empfindsamen Helden“ – was ich fand, war vorallem einer, der über lange Strecken das Leben über sich ergehen lässt. Es „passiert“ ihm einfach, er tut das, was erwartet wird oder was er für Erwartungen seiner Umwelt hält, ab und zu verfällt er in Aktionismus, dann wird er wieder so passiv, dass es schwer auszuhalten ist.

„Über dem weiten Platz lag die erste Morgensonne, und da ging sie nun, wie eine gekränkte Göttin. Ich war einigermaßen perplex, erschrocken über ihre Heftigkeit, zugleich erleichtert, als hätte ich mich in letzter Sekunde aus einer misslichen Lage befreit.“

Hin und wieder stolpere ich über feine Sätze, sehr plastische Schilderungen, die mich ein wenig versöhnlicher stimmen. Das Buch bricht in der Mitte, geht in einer Rückblende zurück in Georgs Familiengeschichte, versucht sich an Erklärungen, warum Georg, geprägt durch die Untreue seines Vaters und die schwierige Ehe seiner Eltern, selbst im (Ehe)-Leben nicht zurechtkommt und obwohl ich ahne, was der Autor dem Leser zu vermitteln versucht, komme ich unserem Helden nicht nahe, zu sehr unterscheiden sich unsere Lebensarten.

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Als ich mich für das Buch zu interessieren begann, empfand ich vor allem die Komponente eines Vaters von drei Kindern als interessant, eines Vaters, der sich engagiert und der seine Kinder liebt. Und doch – hier und da fehlt mir einfach zuviel innerhalb der Erzählung, um die Entwicklung der Familie und der Kinder nachvollziehen zu können. Da wirkt es unfertig, da wird angedeutet und nicht ausgeführt. Manche Ereignisse kündigen sich drohend an um dann im nächsten Kapitel sang und klanglos zu versickern. Erst zum Schluss hin beginnt Georg für mich ein wenig zu reflektieren und schafft es, ein wenig mehr Frieden mit sich zu schließen.

„Dachte ich genauer darüber nach, fiel mir allerdings auf, dass ich auch bei Fremden oder sogar bei Freunden immer auf dem Sprung war und beim geringsten Anlass losrannte und apportierte, um meine imaginären Schulden zu begleichen oder zu verhindern, dass welche entstanden.“

Kumpfmüllers Roman bleibt für mich eine schwierige Nummer, er zieht mich mit und lässt sich angenehm lesen, aber er begeistert mich nicht. Ich folge Georg, ich verstehe ihn mal mehr, sehr viel öfter eher weniger, aber es bleibt eine große Distanz zwischen uns bestehen.

Besprechung von: Sarah Reul, Betreiberin des Blogs pinkfisch


Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes. Kiepenheuer & Witsch, 2016. 320 Seiten, 19,99€. Weitere Rezensionen auf: Literaturleuchtet und Bertulat

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Ernst-Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman

Als Gesellschaftsroman bezeichnet Ernst-Wilhelm Händler seinen Roman im Untertitel und erzeugt damit ganz konkrete Erwartungen bei seinen Lesern: Eine Großstadt mit ihren verschiedenen Bewohnern und ihren gesellschaftlichen Verwerfungen gerate hier unter das Brennglas des Autors, so meint der Leser, wie in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, wie in John Lancasters „Kapital“. Nach Berlin und London nun also München, so der Romantitel.

Damit hat Händler schon einmal eine falsche Spur ausgelegt, denn in seinem Roman werden weder gesellschaftliche Unterschiede ausgelotet noch komplexe Handlungsstränge verschiedener Figuren kunstvoll ineinander verwoben. In München spielt der Roman und zeigt viel Lokalkolorit, aber er spielt nur in einer Gesellschaft, der besseren nämlich. Alle Figuren sind auf sehr viel Geld recht weich gebettet, gehen in den angesagten Münchner Shops großzügig einkaufen und zeigen mit den angesagten Modemarken, wer sie sind. Sie verkehren auf Partys von RTL-Größen, an den Kulturplätzen der Stadt oder auch beim Charity-Dinner auf Schloss Herrenchiemsee, wenn dort Prinz Franz seinen achtzigsten Geburtstag in angemessener Kulisse begeht.

HändlerMitten drin die 30-jährige Protagonistin Thaddea Klock, die sich gerade von ihrer Freundin Kata, einer ambitionierten Architektin, ein ganz besonderes Haus hat bauen lassen, eines nämlich, das nach außen vollkommen aus Glas besteht und dessen Räume, Kuben ähnlich, sich von einem Mittelhof aus in die vier Himmelrichtungen recken. Dieses Stadthaus, das Ben-Luca immer „Struktur“ genannt hat, ist ein Gebäude, das die Grenzen verwischt zwischen innen und außen. In dieser Struktur will Thaddea ihre Klienten empfangen, hier will sie ihre psychotherapeutische Praxis aufbauen, nachdem sie in der Klinik gekündigt hat. Dort hat man versprochen, ihr Patienten zu überweisen, es kommen aber nur wenige. Und wenn sich dann doch einmal ein Patient in ihre Sprechstunde verirrt – wer mag eigentlich auf solch einem Präsentierteller über seine psychischen Schrammen sprechen? -, dann verhält Thaddea sich so unprofessionell, dass der Leser am liebsten eingreifen und Thaddea zur Ordnung rufen möchte.

Thaddea nämlich ist gerade selbst ordentlich aus dem Gleichgewicht geraten, denn diese beste Freundin Kata hat sich auf einen Seitensprung mit Thaddeas Freund Ben-Luca eingelassen, ausgerechnet an einem Auktions-Abend in der Pinakothek, bei dem Thaddea nach einem langen Kliniktag früher nach Hause gegangen ist, und die beiden, eigentlich schon auf dem Heimweg, noch einmal ins Museum zurückmussten, weil Ben-Luca das ersteigerte Kunstobjekt vergessen hatte. Als Ben-Luca Thaddea schließlich die Geschichte aus der Garderobe offenbart, ist für sie sofort klar, dass sie mit beiden „abschließen“ wird, schließlich haben sie ihr Leben „zernichtet“. Und damit beraubt sie sich der einzigen sozialen Kontakte, die sie hat.

Aus dem Gleichgewicht ist Thaddea schon viel früher geraten, im wortwörtlichen Sinne, als sie als Kind ausprobiert hat, wie es sich anfühlt, wenn sie ihren Fuß unter den Reifen eines einparkenden Autos hält. Von den Schmerzen, die ihr dieses Experiment eingebracht hat, erzählt sie zunächst niemandem etwas, bis es sich Tage später nicht mehr verheimlichen lässt. Nun müssen Zehen amputiert werden und ihr Gangbild wird immer diese Versehrtheit zeigen, wenn sie sich nicht genügend konzentriert. Natürlich aber trifft sie Vorsorge, dass niemand diesen Makel entdeckt – und als sie einmal nicht umsichtig genug ist, sucht auch gleich der Patient das Weite.

Nun ist sie also alleine in ihrem schicken Haus in Grünwald, auch ein Produkt Katas, oder in der Glasstruktur und sie nimmt, um nicht völlig zu vereinsamen, die diversen Einladungen zu den Abendveranstaltungen in München an, allerdings nicht die der Reitzles, der Randlkofers und der Röschingers, denn dort könnte es sein, dass sie Ben-Luca trifft. Immerhin geht sie zu der Party eines RTL-Produzenten und lernt dort einen Schriftsteller kennen, Franz Rumpold, „kein Name, mit dem man den Deutschen Buchpreis gewann“, über sechzig, kein Mann also für eine Beziehung, denn Thaddea findet Sex bei älteren Menschen – und das sind alle, die älter sind als sie selbst – unangemessen.

Immerhin, die Unterhaltung mit dem Schriftsteller, das Nachdenken über das Beobachten und das Schreiben, bringen Thaddea zu der Idee, auch einen Roman zu schreiben, nun, da sie so viel freie Zeit hat. Und sie beginnt über einen Jungen zu schreiben, der sich fühlt, als sei er eine Maschine, der dies aber nie beweisen kann, denn alle ärztlichen Untersuchungen, selbst die Bilder beim Röntgen, lassen keinen Schluss zu, dass er nicht ein normaler Junge sei, auch wenn er genau weiß, dass irgendetwas mit ihm ist, dass er nicht richtig funktioniere. Und so beginnt er darüber nachzudenken, wie er sich verletzten könnte, dass das Innere seines Körpers von außen sichtbar werde, auch ohne die Röntgen-Strahlen. Er denkt über verschiedene Verletzungen nach, bis ihm die Idee mit dem Fahrradunfall kommt.

An einem anderen Abend besucht Thaddea die Ausstellung der Performance-Künstlerin Fleur Blankovic, in deren aufwendiger Installation im Englischen Garten die Besucher die Republikflucht nachempfinden können, wenn sie, angeleitet vom Flüchtlingshelfer am Handy und mit der Hilfe einer App, versuchen, zwischen Hundelaufanlage und Wachturm die Sperrzone zu betreten und den Metallzaun zu überwinden. Hier trifft Thaddea Pimpi, einen Freund Ben-Lucas, gutaussehend und reich, Sohn des gewichtigsten Immobilienunternehmers Münchens – und im durchaus richtigen Alter.

So zerfällt Händlers Roman in zwei Teile: Zum einen in Thaddeas Versuch nach dem Ende ihrer Liebe zu Ben-Luca und ihrer Freundschaft mit Kata, den Tod nicht als zweckmäßige Lösung zu sehen, da nun ihre „Seelensegel weder von Liebes- noch von Berufsbegeisterung“ gebläht sind. Sie ringt mit dem Innen und dem Außen, nicht zuletzt, wenn ihr die beiden Ebenen bei ihren therapeutischen Gesprächen immer wieder durcheinandergeraten, wenn die Erzählungen der Patienten nur Stichworte sind für die eigenen Assoziationen. Das Verwischen der Grenzen zwischen Innen und Außen, und natürlich auch die Frage danach, wer sie ist, das sind Motive, die sich durch den Roman ziehen, erkennbar vor allem in der architektonischen Gestalt ihres Hauses, das auch die Grenzen auflöst zwischen den Räumen im Inneren und der Natur draußen, das es ermöglicht, die Bauarbeiter auf der Straße zu beobachten, während Patienten ihre Geschichten erzähln.

Der andere Teil, der beschäftigt sich mit den Umfeld, immer dann, wenn Thaddea bei den verschiedenen Veranstaltungen die Gesellschaft Münchens trifft und diese Beobachtungen mit treffsicheren und frechen Bemerkungen würzt. Ein  Heiratsmarkt, so resümiert sie beispielsweise beim Geburtstagsevent Prinz Franz´, seien diese Veranstaltungen ja alle nicht:

„Auf dem langen und gewundenen Weg zu den Waschräumen hatte Thaddea Gelegenheit, über die Versammlung alter Männer, die ihren Zenit schon lange überschritten hatten, zu meditieren. Kein einziger CEO eines Dax-Unternehmens war vertreten, dabei hatte ein halbes Dutzend ihren Sitz in München. Auch Fehlanzeige, was richtig reiche Leute wie etwa Frau Schörghuber betraf. Es gab lediglich ein paar mittelmäßig Reiche (…). Sie Thaddea war konkurrenzlos: die einzige Frau im heiratsfähigen Alter.“

Trotz dieser spitzen Beobachtungen  springt der Lesefunke nicht über. Alle Figuren, Thaddea vor allen Dingen, bleiben dem Leser fremd, wirken, als würde er sie durch Thaddeas Glaswände beobachten. Die Gespräche mit den Patienten finden vielleicht auf einer besonderen Symbolebene statt. Wer die nicht entschlüsseln kann, dem erscheinen sie wie aus dem Zusammenhang gefallen. Auch die Gespräche mit dem Schriftsteller, in denen es ja immerhin um Literatur geht, sind befremdlich. Dass Thaddeas Gedanken und Reflexionen wirre Purzelbäume schlagen, sie in der einen Minute so entscheidet und in der anderen das Gegenteil will, ist ihr in ihrer Situation nicht zu verdenken. Die Geschichten der Patienten aber, die Pimpi ihr wohl in ihr Glashaus schickt, wecken auch nicht unbedingt des Lesers Lebensgeister, auch wenn er ahnt, dass Pimpi mit dieser Art der Kundenakquisition wohl Thaddea den Hof macht.

Vielleicht will Händler mit seinem Roman ja irritieren, weil die „Gesellschaft“ irritiert, mit ihren Events, mit ihren Problemen, mit ihren Befindlichkeiten, ihrem Konsumverhalten. Der Roman reißt aber nicht mir, bleibt kalt und fremd, hat keine besonderen Ecken und Kanten, die sich einprägen und nachhallen; nicht unbedingt ein Titel also, der es auf die Shortlist schaffen wird.

Besprechung von: Claudia Pütz, Betreiberin des Blogs Das graue Sofa


Ernst-Wilhelm Händler (2016): München. Gesellschaftsroman, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag.

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