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André Kubiczek „Skizze eines Sommers“

1985 ging ich in die dritte Klasse und trug das blaue Halstuch als Zeichen der Jungpioniere. Ich las schon damals für mein Leben gern, meist Tiergeschichten, und auch an die Hefte mit den Geschichten von Lolek und Bolek, zwei polnischen Trickfilmfiguren, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Um an besondere Bücher zu kommen, benötigte man in der DDR gute Beziehungen oder reichlich Kohle zum richtigen Zeitpunkt. René, Held des Romans „Skizze eines Sommers“ von André Kubiczek, legt schon einmal stramme 60 Mark für eine Baudelaire-Ausgabe aus dem westlichen Hanser-Verlag hin, die es dank der Leipziger Buchmesse in den Buchhandel geschafft hat und im Geschäft wie ein kostbarer Schatz präsentiert wird – was er für seinen künftigen Besitzer ja auch ist. Jene heiteren, aber auch die Verhältnisse in der DDR widerspiegelnden Episoden lassen sicherlich bei dem einen oder anderen Leser persönliche Erinnerungen entstehen, aber „Skizze eines Sommers“ ist vor allem ein Buch über einen Jugendlichen, der sich findet.

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Denn René, der sich meist in schwarze Klamotten hüllt und die in der DDR verpönte dekadente und nihilistische Literatur, meist französische Klassiker, förmlich verschlingt, ist nicht unbedingt ein „normaler“ Junge.  Der 16-Jährige hat als Kind seine Mutter an den Krebs verloren, sein Vater, der in die Schweiz zu einer Friedenskonferenz gerufen wird, lässt seinen Sohn gleich einmal mehrere Wochen allein in der gemeinsamen Wohnung in Potsdam zurück, allerdings mit einer nicht unerheblichen „Ferienkasse“ in Form mehrerer Scheine. Langeweile kommt nicht auf: René weiß mit Dirk, Mario und Michael einige Kumpels um sich, mit denen er sich die Zeit vertreibt, herumhängt, in die Disco geht. Und da sind ja auch noch Mädchen, die die Jungs umschwirren. René pendelt hin und her, ist von der düsteren Rebecca, der lebensfrohen Bianca und der Seelenverwandten Victoria gleichermaßen fasziniert. Bis er das richtige Mädchen an seiner Seite weiß, vergehen einige Wochen, wird er von Ratschlägen seiner Freunde förmlich überschüttet, verlassen einige der Angebeteten die Stadt in Richtung Urlaub. René bleibt hingegen zurück, bis er mit Mario  zu einer kleinen Tour nach Thüringen aufbricht, um dessen Freundin Connie zu überraschen.

Die besonderen Ereignisse sind im Roman recht überschaubar, an einer Stelle betont René, zugleich Ich-Erzähler, dass der Sommer zwar monoton, aber doch recht „schön“ sei. Er ist allein, von vertrauten Dingen umgeben und hat damit auch die Möglichkeit, sich auszutesten – in Sachen Freundschaft und Liebe, in Sachen Alkohol und Zigaretten, so wie man sich eben das Jugendlichsein vorstellt. Die Zeit der Handlung, das Jahr 1985, wird in einigen Anmerkungen mit Verweis auf geschichtliche Ereignisse sichtbar: der Bergarbeiter-Streik in England, der Contra-Krieg in Nicaragua, die Wahl Michael Gorbatschows zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion. Mit Verweisen auf die Bedingungen und den Alltag in der DDR hält sich Kubiczek maßvoll zurück, was sympathisch erscheint. Plattenbauten und Konsum, Mangelwirtschaft und Subbotnik sowie die Kluft zwischen Proletariat und Intelligenz lassen Ort und Zeit erkennen. Er scheint das Siegel „Roman über die DDR“ nicht zu benötigen.  Weil auch die persönliche Geschichte der Jugendlichen viel interessanter erscheint und in den Vordergrund rückt. Renés Bericht begeistert dabei dank seines wunderbar frechen Charmes, der zwischen Lebensfreude und Melancholie hin und her pendelt, mal einen ganz feinen Humor, mal eine gewisse Nachdenklichkeit offenbart. Er lässt seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf, ist noch immer vom Tod der Mutter gezeichnet, wird später von einer herben Liebeserfahrung schockiert sein.  Die neuen, aber eigentlich schon früher empfundenen „Schmetterlinge im Bauch“ für Victoria werden ihn verändern. Seine Grundehrlichkeit in Richtung Leser und die Einblicke in sein Seelenleben, auch in der Gefahr hin sich zu blamieren, imponieren ungemein.

„Und ich dachte, ja, sie hatten total recht, die Triffids, wenn man nicht selber eingehen wollte vor lauter Kummer und Elend im Herzen, dann musste man eben das töten, was man nicht bekam. Man musste es aus seiner Erinnerung reißen und nicht erst warten, bis es nach Jahren von selbst verblasst war. Man musste das mit Gewalt tun und so schnell, wie man ein Pflaster abriss von einer verkrusteten Wunde. Zack.“

Begleitet wird der Roman von seinem eigenen Soundtrack, in jedem Teil des Buches und auch innerhalb der Handlung finden sich Zitate aus Songs dieser Zeit, den Lieblingstiteln Renés – von den Simple Minds bis hin zu The Smiths. Auch Bibliophile werden auf ihre Kosten kommen, spielt doch die Hingabe zur Literatur in einigen Szenen eine ganz wesentliche Rolle. Mit dem Ende der Ferien und dem Abschluss des Romans – für René brechen andere Zeiten an – entsteht beim Leser ein gewisses melancholisches Gefühl, denn Held und Ich-Erzähler, auch seine gewisse Plapper-Laune, hat man lieb gewonnen. Eine Fortsetzung sollte deshalb unbedingt her.

Der Buchpreisblog verlost ein Exemplar von „Skizze eines Sommers“. Wer dieses gewinnen möchte, hinterlässt bis zum Freitag, 28. Oktober, einen Kommentar, vielleicht mit einigen Erinnerungen an den Sommer 1985.

Besprechung von: Constanze Matthes, Betreiberin des Blogs „Zeichen & Zeiten“


André Kubiczek: „Skizze eines Sommers“ erschien im Rowohlt Verlag, 384 Seiten, 19,95 Euro

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Gerhard Falkner „Apollokalypse“

Sich mit nicht-menschlichen Erscheinungen zu unterhalten, ist (noch) kein Beweis für geistige Umnachtung. Wenn ich mit Pflanzen und meinem Auto rede, kann ich sicherlich auch mit einem Buch reden, dachte ich und tat es: im Kopf. Der Gesprächspartner dieses fiktiven Dialogs ist der Roman „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 steht und mich hin- und hergerissen hat; wohl auch deshalb spreche ich – die Leserin – mit ihm.

Roman: Was’n los? Machst Du Schluss mit mir?

Leserin: Vorerst ja. Ich brauch‘ etwas mehr Zeit, eine Auszeit, ein anderes Leben, andere Bücher.

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Roman: Und dabei hat es doch so gut mit uns begonnen. Wir waren sogar zusammen im Bett. Du hast meine Seiten zärtlich mit Bleistift beschrieben und mich mit diesen niedlichen grünen Fähnchen markiert, passend zu meinem Cover.

Leserin: Ja. Zugegeben. Ich war zuerst hin und weg von Dir, obwohl Du das typisch männliche Macho-Gehabe an den Tag gelegt hast, Deine Kraft in langen ausufernden Sätzen, verrückten Vergleichen und Bildern, rundum ungewöhnlichen Formulierungen zeigen wolltest. Doch dann entstand ein breiter Erzähl-Fluss, trotz der Zeitensprünge und Perspektiv-Wechsel; ich las Dich gern. Deine Berlin-Szenen sind großartig. Wie Du diese Zerrissenheit und die Verwerfungen der Metropole, die Zeit vor und nach der Wende beschreibst, zwischen Ruinen und Moderne und die Mauer mittendrin – wunderbar!

Roman: Und mein Held, der coole Georg Autenrieth, hat Dir sicherlich auch gefallen, oder?

Leserin: Er ist ein sehr zersauster, überdrehter, undurchsichtiger und unruhiger Mensch, der mal hier mal dort ist, aus Nürnberg stammend, in der Weltgeschichte herumreist, nach Berlin kommt, um dubiosen Geschäften nachzugehen. Ich wurde nicht so recht warm mit ihm. Ich fand ihn trotz seines umtriebigen Handelns eher blass, auch seine Freunde traute ich nicht über den Weg. Der eine, Büttner, war in der Psychiatrie und hat ja kein gutes Ende genommen. Das Beziehungs-Aus zwischen Georg und Isabel, der einstigen Flamme Büttners, hat mir allerdings schon etwas leid getan.

Roman: Aber warum dann gleich das Ende mit uns?

Leserin: Auf Seite 239 war einfach die Leselust weg, die Luft raus. Ich las nur noch „Vagina“ und „Klitoris“. Die regelmäßig ausufernden Sex-Szenen haben mich genervt. Und für „ficken“ gibt es sicherlich auch Synonyme. Die Frauen haben keine Eigenschaften oder besondere Fähigkeiten, sie sind meistens nur gut fürs … Du weißt schon!

Roman: Aber mein Schöpfer ist ein bekannter und erfolgreicher Lyriker. Für mich, seinen ersten Roman, hat er gute Kritiken erhalten.

Leserin: Wohl wahr. Das möchte ich ja auch nicht in Abrede stellen, aber mir muss nicht gefallen, was andere mögen.

Roman: Du bist doch die Bloggerin, die oft ein Lieblingszitat an den Beginn eines Beitrags stellt. Wurdest Du bei mir fündig?

Leserin: Ich habe einige schöne Passagen gefunden; wie diese hier: „Heute, wo jeder verrückt ist, ist es gar nicht so einfach, zu einem ganz normalen Menschen durchzudrehen.“

Roman: Konnte ich Dir denn wenigstens etwas sagen?

Leserin: Ich glaube, Du bist ein Roman über die Suche nach Identität in Zeiten der Unsicherheit, der Schnelllebigkeit. Alles verändert sich und man will einen Platz finden. Die Strategie der Abwesenheit in der Anwesenheit von Autenrieth fand ich faszinierend.

Roman: Und was passiert nun mit uns? Bekomme ich noch eine zweite Chance.

Leserin: Vielleicht; ab und an beginne ich ein Buch ein zweites Mal und lese Dich dann wirklich zu Ende. Aber vielleicht finde ich noch einen Mann – denn Du bist eher ein Männerbuch -, der Dich lesen will – you’ll never walk alone!

Besprechung von: Constanze Matthes, Betreiberin des Blogs „Zeichen & Zeiten“


Gerhard Falkner: „Apollokalypse“, Berlin Verlag; 432 Seiten, 22 Seiten

Bestelllink:

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Michelle Steinbeck: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«

»Es ist grauenhaft, dieses Buch. Es ist entsetzlich, es ist ein Albtraum, es zu lesen. Es ist unehrlich, verlogen, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.« Elke Heidenreich hat mit ihrem vernichtenden Urteil über Michelle Steinbecks Debüt »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« im SRF Literaturclub eine Debatte im Feuilleton ausgelöst, die sich nicht um den Roman, sondern um ihre eigene Person dreht. Dass Heidenreichs Aussagen nichts mit Literaturkritik zutun hatten, wurde bereits von Jürg Altwegg in der FAZ und Guido Kalberer im Tages-Anzeiger erläutert und Heidenreichs Auftreten als bloßer Versuch, Quote zu machen, entlarvt. Zeit, den Roman selbst unter die Lupe zu nehmen.

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In Steinbecks Debüt kehrt die Ich-Erzählerin Loribeth an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie beginnt an der Schreibmaschine ihres Vaters zu schreiben, es kommt aber nur ein einziger Satz zustande: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«. Sie bekommt Hunger, streift durchs Haus und erschlägt im Affekt mit einem Bügeleisen ein Kind mit blinkenden Schuhen. Das Kind, scheinbar tot, wird kurzerhand in einen Lederkoffer gepackt. Loribeth geht mit ihm zu einem Friedhof, wo sie die Leiche des Kindes bestatten möchte, aber auf eine alte, Karten legende Frau mit blauen Haaren und einem Schoßkrokodil trifft, die ihr mitteilt, sie müsse den Koffer zu ihrem Vater bringen, um mit »Liebe, Ruhm und Gold« überschüttet zu werden. Also begibt sie sich auf den Weg, der sie über eine Landstraße und ein Bauernhoffest in die rote Stadt führt, wo Loribeth glaubt, ihren Vater zu finden. Verfolgt wird sie stets von drei sprechenden Doggen, die hinter Loribeth und dem Koffer her sind. Tot ist das Kind im Koffer auch nicht, immer wieder bewegt es sich im Koffer und macht auf sich aufmerksam. Anstatt den Vater trifft sie in der roten Stadt nur auf seine schwangere, neue Frau in der gemeinsamen Wohnung.
Schließlich findet Loribeth den Vater auf einer einsamen Insel und übergibt den Koffer, kehrt zurück in ihr Leben, dass sie sich während ihrer Reise aufgebaut hat: mit Fridolin Seifert und seiner Schwester Mabel lebt sie in einem Haus, das sie von den Alimenten des Vaters für sein ungeborenes Kind gekauft hat. Doch auch dort ist sie nicht glücklich.

Michelle Steinbecks Debüt ist ein surrealistischer Roman, der vor allem mit Traummotiven und dem Klang der Sprache spielt. Er setzt sich damit vom 08/15-Roman der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ab. Wer sonst ausschließlich realistische Literatur liest, mag »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« als einen schwer zugänglicher Text empfinden, der – wie im Fall von Alain Claude Sulzer Langeweile, im Fall von Elke Heidenreich aggressive Ablehnung – hervorruft. Ein hermetisch abgeriegelter, unverständlicher Text ist Steinbecks Debüt jedoch keinesfalls.

»Du bist noch sehr Kind in dir drin, seufzt die Alte. Ein weiter Weg … Der Vater ist das Problem: Der Vater ist dir sehr nah… Eine Trennung… Ängste. […] Deine Ängste und Zögerlichkeiten, es sind nicht deine … Es sind die deines Vaters – steck sie in den Koffer, und gib sie ihm zurück! […] Dein Vater steht dir im Weg. Er schirmt dich ab von allen Glückskarten. Die höchste Geldkarte liegt da, die Erfolgskarte auch! Gibt dem Vater seinen Koffer zurück, und du wirst überschüttet mit Liebe, Ruhm und Gold.«

Man kann den Text allegorisch lesen: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« ist ein Roman über die Schreibkrise des Schriftsteller-Ichs im Text, mit dem Steinbeck selbst natürlich nicht ohne weiteres gleichzusetzen oder für verrückt zu erklären ist, wie es Heidenreich getan hat.
Als Loribeth am Anfang ihrer Reise nach der Prophezeiung der Kartenlegerin den Friedhof verlässt, trifft sie auf einen alten Bekannten, die lebendige Statue eines bebrillten, jungen Dichters an einem Grab: »Erinnern Sie sich überhaupt? Mein Vater und ich, wir kamen früher jeden Tag hierher, um Sie zu besuchen. Sie waren sein grosses Vorbild. Er hat Sie um Rat gefragt für sein Buch, wissen Sie noch? Ich hätte heute auch fast angefangen, etwas zu schreiben.«

Es ist die Schreibmaschine des Vaters, der selbst Schriftsteller und »Gelehrter« ist, wie es später heißt, auf der Loribeth über den Vater zu schreiben beginnt. Das ‚Erbe‘ des Vaters, der sie zwar verlassen, sich aber in seiner Rolle als Vater so tief in ihr Selbst eingeschrieben hat, führt zur Schreibkrise. Das wird spätestens deutlich, als sie fragt: „Können wir nie anders sein als unsere Eltern?“ Der Verlust des Vaters könnte als  für den Roman konstitutives, „traumatisches“ Erlebnis interpretiert werden, das auch den surrealistischen Modus des Textes begründet. In dieser Lesart wäre das untote Kind im Koffer wohl das eigene Ich oder jener Teil des Ichs, der vom Vater – bewusst oder unbewusst – beeinflusst wird und von dem es sich zu lösen gilt, um schreiben zu können.

Steinbecks Roman ist radikal – die Bilder, die sie wählt, kann man geschmacklos finden: Das tote Kind, das in einem Koffer mitgenommen wird, fast jede Figur des Romans, auch die Kinder, raucht pausenlos, es werden Finger und Ohren verspeist, in der roten Stadt, die Loribeth auf der Suche nach ihrem Vater besucht, ist es mehr als ungemütlich:
»In den Gassen gibt es keine Laternen. Es riecht nach Kohlerauch und verwesendem Fleisch. Über den Hauseingängen hängen gehäutete Schafsköpfe, in dunklen Ecken liegen Abfallberge und eingemummte schlafende Menschen. […] Schäumende Maulesel trotten halbtot an mir vorbei, den Rücken verschnürt mit Baumwollballen, die geschwollene Zunge hängt blödsinnig zwischen den Zähnen heraus. Es ist heiß, und durch die Luft, die nach Gewürzen und Pisse riecht, zieht der Kohlerauch.«

Bequem soll der Text nicht sein, thematisiert er doch die Erfahrung einer Krise. Aber darf es solche Bilder in der Literatur nicht geben, wie Heidenreich glaubt? Genau wie Loribeth, das erzählende Schriftsteller-Ich, probiert auch Michelle Steinbeck sich aus, auch in unkonventionellen und radikalen Bildern, um dem Prozess des Schreibens, der Produktion von Literatur in Form des vorliegenden Debüts, der schließlich den gleichen Titel trägt wie der erste Satz des produzierten Textes im Roman, zu ermächtigen. Im letzten Kapitel des Romans wird der Durchbruch der Schreibkrise erreicht:

»Ich höre nicht mehr, ob er Antwort gibt. Ich drehe schnell ein Blatt Papier in die Schreibmaschine ein und hacke auf die Tasten, bis es mir in den Ohren dröhnt, meine Finger taub sind, meine Nägel abgebrochen, und ich mache immer weiter und höre nie mehr auf.«

Auch Michelle Steinbeck sollte nicht aufhören zu schreiben. »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« wird es vielleicht nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen, dafür ist der Roman wohl zu speziell, zu experimentell, zu radikal. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Jury des Deutschen Buchpreises Steinbecks Debüt nicht auf die diesjährige Shortlist gesetzt hat. Es bleibt zu hoffen, dass dieser literarisch dichte, metapoetische Text einer begabten jungen Autorin auch fernab des Buchpreis-Rummels nicht allzu schnell in Vergessenheit gerät.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Mitbetreiberin des Blogs Zeilensprünge.


Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. Roman, Lenos Verlag 2016, 153 Seiten, 18€.

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Von der Suche nach dem Sinn des Lebens – Eine Polemik zum Deutschen Buchpreis 2016

Wenn wir in ein paar Jahren, in fünf vielleicht oder in zehn, zurückblicken auf die Romane, die für die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert wurden, werden sie uns dann erzählen, wie es sich angefühlt hat, unser Leben im Jahr 2016? Werden wir uns erinnern, was uns umgetrieben hat, welche Themen im öffentlichen Diskurs eine bedeutende Rolle spielten oder beim Treffen mit Freunden die Gemüter erhitzten, was uns erfreute, was uns besorgte? – Nein, lässt sich da wohl jetzt schon antworten, werden wird nicht.

ThemenEs wird ja jedes Jahr viel genörgelt, wenn die Longlist veröffentlicht wird, dann wieder, wenn die Shortlist feststeht. Viele Leser und Experten vermissen „ihren“ Titel, der doch ganz unbedingt hätte nominiert werden müssen, das eigene Herzens- oder Seelenbuch, oder auch den Roman mit dem beeindruckendsten Plot, mit der ganz besonderen Sprache, das allerbeste Debüt dieses Jahres oder das aller-, allerbeste Alterswerk, den Roman des Autors, der es doch schon lange verdient hätte, den experimentellsten Roman oder auch den konventionellsten, den Roman, der wirklich etwas zu erzählen hat oder den, der Buchhändler und Verlag am meisten erfreut usw. usw.

Und wie sieht es aus mit den Themen, die bei den diesjährig Nominierten eine Rolle spielen? Es stimmt schon, dass es mindestens ein – neudeutsch sogenannter – Coming-of-Age-Roman auf die Longlist geschafft hat, es gibt dort eine Dystopie und ein irritierend-experimentelles Debüt, den Roman, der die 1980er Jahre führt, den, der uns in die Abgründe des Fan-Seins schauen lässt und den, der uns – zum Ausgleich quasi – die Forschungsgeschichte zu Dante aufarbeitet.

Und dann gibt es jede Menge Romane, die um die Sinnsuche kreisen. Da sind Frauen und Männer, meistens haben sie die Lebensmitte schon überschritten, die auf ihr Leben zurückblicken und sich die Frage aller Fragen stellen; da sind die Männer, die aus ihrem Leben aussteigen, da sind die, die auf Reisen gehen, um sich selbst näher zu kommen, manchmal mit einem Fragenkatalog in der Tasche, manchmal aus einer spontanen Idee heraus. Alle wuseln und reisen herum, hin und her, die Mosel herauf, Italien herunter, manche kehren von langen Reisen zurück, manche reisen in die Berge, manche steigen auf Berge, manche reisen mit einem Koffer ungewöhnlichen Inhalts, manche reisen ganz ohne Gepäck, und sie suchen und suchen – nach dem Glück, der verpassten Liebe, dem Hund: die meisten Protagonisten suchen wohl vor allem sich selbst.

Der Jahrgang 2016 also wird als Jahrgang der Sinnsucher in die Buchpreisgeschichte eingehen. Das ist es also, so werden wir in fünf oder zehn Jahren erinnern, wenn wir auf die Titel schauen, was uns damals bewegt hat, die Suche nach uns selbst und nach dem Sinn. Aber dann wird uns – hoffentlich – vage in Erinnerung kommen, dass das ja nicht alles gewesen ist in diesem Jahr. Und wir werden uns fragen, wo die Romane waren, die sich damit beschäftigt haben, was uns hier in Europa gerade so um die Ohren fliegt.

Wo sind sie, die Romane, die sich nicht nur mit dieser Innerlichkeit des Individuums beschäftigen, als gebe es sonst nichts, worüber ein Nachdenken lohnt? Wo sind die Romane, die, seismografisch fast, aufnehmen, was in unserem Land gerade erodiert? Die uns Figuren schenken, die über das Auswandern, das Fliehen erzählen und die Schwierigkeiten des Ankommens, die erzählen über die Begegnungen zwischen dem Neuen und dem Alten, dem Bekannten und dem Befremdlichen? Wo die Romane, die ihre Protagonisten in die Arbeitswelten schicken und erzählen von den Mühen der Personalentwicklung und der Zielvereinbarungsgespräche, von Kostendruck und Effizienz und (Selbst-)Optimierung, vom neuen Dienen und von den Schwierigkeiten des Lebens unter diesen Bedingungen? Wo die Romane, die unter den Bedingungen der sich dramatisch verändernden politischen Verhältnisse spielen, wo die Romane, die von Menschen erzählen, die ins Mühlrad der Digitalisierung gelangen?

Nun mag das eine oder andere Thema zu aktuell sein, um (schon) fiktional bearbeitet werden zu können. Für einen Brexit-Roman oder einen AfD-Roman ist es sicher noch zu früh. Die ökonomischen Verwerfungen aber sind schon länger beobachtbar, darüber schreibt aber kaum ein Autor.

Wenigstens hat es ein Roman auf die Longlist und auch die Shortlist geschafft, der die Erlebnisse von Flucht und den Schwierigkeiten des Ankommens erzählt, einer Flucht aber, die Jahrzehnte zurückliegt und bei der diejenigen, die geflohen sind, die „Guten“ waren, galten sie doch als lebendige Beweise für die Überlegenheit des westlichen Lebens im Wettstreit mit der kommunistischen Lebensweise in Osteuropa. Wo sind aber die Romane, liebe Jury, die von den „neuen“ Fluchten erzählen? Die gibt es ja, die sind im Frühjahr erschienen, die meisten von ihnen Debüts, aber das ist ja kein abwertendes Kriterium, im Gegenteil.

Und wo sind, liebe Schriftsteller, die Romane, die erzählen von den Verwerfungen in unserer Gesellschaft? Müssen wir die französischen, die englischen Romane lesen, wenn wir wissen wollen, wo es gärt, wo die gesellschaftlichen Wirklichkeiten aufeinandertreffen? Oder bleiben uns nur die Sachbücher, wenn wir erfahren wollen, wie uns lieb gewonnene Verhältnisse gerade allüberall abhandenkommen, ein Prozess, der schon vor Jahrzehnten ausgelöst wurde, z.B. durch das Aufkündigen des „Sozialen“ im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, da war noch kein syrischer Flüchtling in Sicht. Mag sich kaum mehr ein Autor auseinandersetzen mit diesen Themen, schickt er seine Protagonisten lieber auf Innerlichkeitsreisen und überlässt das weite Feld lieber den Politologen und Soziologen?

Immerhin, die meisten der nominierten Romane sind „gute“ Geschichten, und manch ein Reisender wird auch bei diesem Tun mit der Gegenwart konfrontiert und setzt sich damit auseinander. Und natürlich: Auch Innerlichkeitsreisen haben ihren Stellenwert, auch über Sinnsucher wollen wir lesen, das gehört ja zum Leben dazu. Aber die Fliehkräfte der Gesellschaft gehören eben auch dazu.

Die Shortlist, die nun heute veröffentlicht wurde, hat dann auch keine besonderen Überraschungen mehr zu bieten. So warten wir auf jeden Fall auf die nächsten Buchpreislisten und schauen, ob sich in Zukunft Autoren und Jurys offener den aktuellen Themen stellen werden. So lange bleiben ja immerhin die Sachbuchtitel.

Beitrag von: Claudia Pütz, Betreiberin des Blogs Das graue Sofa

Erinnerungen an den Deutschen Buchpreis

Während wir uns an den letzten schönen Sommertagen schon fleißig an die Lektüre der nominierten Bücher gemacht haben und die nächsten Rezensionen bereits in Vorbereitung sind, wagen drei von uns auch noch einmal einen Blick zurück: Constanze, Sarah und Claudia denken darüber nach, was sie eigentlich mit dem Deutschen Buchpreis verbinden und welche nominierten Bücher ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind.


13879449_10210213672248851_5898182272446217021_nSarah Reul: Eines hat der Deutsche Buchpreis in den letzten zehn Jahren ganz sicher geschafft – er hat mir einige schöne, literarische Entdeckungen verschafft und es hat mich immer wieder gefreut, Autoren, die ich schon länger lese und schätze, auf der Longlist wiederzufinden. 2012 war für mich einer der stärksten Jahrgänge, denn hier dürfte ich drei sehr unterschiedliche Bücher lesen, die mich, jedes für sich, lange beschäftigt haben. Eine meiner liebsten Entdeckungen war sicherlich das Einlassen auf das Werk von Clemens J. Setz als er für „Indigo“ nominiert wurde und auf der Shortlist landete. Die Kurzbeschreibung sowie das erste Presseecho, was ich las, hatten mich nicht gerade ermuntert. Die Leseprobe hingegen sehr. Ich ließ mich darauf ein und habe es nicht bereut: Setz bricht ein wenig die „Literatur, die wir kennen“ auf – er arbeitet mit unterschiedlichen Textarten/Schriften/Zetteln/Notizen – (was mich zuvor abschreckte, spann im Roman den roten Faden) und man lässt sich auf eine wilde Geschichte ein, die einen Sog entwickelte, dem ich mich nicht entziehen konnte. Spannendes Spiel um Wahrheit, Erleben und geheimnisvoll – ob zum Schluss alle Fäden zusammenlaufen, vermag ich nicht zu sagen, aber das Buch hat es in sich! Er hatte mich durch seine neue Art, Literatur zu interpretieren überzeugt. Das Buch wagte etwas und trotzdem las es sich nicht anstrengend, sondern sehr fesselnd. Noch dazu ist es wunderbar gestaltet, innen und aussen. Zudem beeindruckte mich Michael Roes mit „die laute“. Die Geschichte einer gehörlosen Komponisten klang für mich schon so abstrakt, dass ich allein deswegen das Buch lesen wollte – und es hatte sich gelohnt. Die Leseprobe führte mich in eine der beiden Erzählstränge, die Gegenwart des Protagonisten, der versucht, sein Leben zu führen, seiner Begabung nachzugehen, seiner Musik und der damit mehr als einmal aneckt. Diese Episoden haben mir recht gut gefallen – was das Buch für mich aber wirklich sehr lesenswert machte, waren die Kindheitserinnerungen des Komponisten, die mich stark (und damit lehne ich mich sicher aus dem Fenster, aber gut) an Khaled Hosseinis „Drachenläufer“ erinnerten. Was für eine Sprache, was für eine Geschichte, ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mitgeträumt und eine mir fremde Welt fast berühren können, während ich lesend in ihr versank. Wirklich außergewöhnlich und ganz unbedingt eine Leseempfehlung von mir! Und nicht zuletzt barg die Longlist 2012 einen außergewöhnlichen Roman und letztendlich auch eine meiner liebsten Gewinnerinnen des Deutschen Buchpreises – Ursula Krechel mit „Landgericht“. Damals schrieb ich: Momentan stecke ich in diesem Buch fest. Und das ist nicht negativ gemeint. Es ist nur so, dass man Zeit und Ruhe zum Lesen braucht. Nach manchen Abschnitten muss ich das Buch einfach weglegen und verschnaufen, wirken lassen, drüber nachdenken. So liest es sich recht langsam, aber es brennt sich ein. Das Buch spielt in der Nachkriegszeit und die Atmosphäre belastet einen fast körperlich. Es verschafft mir sehr viel Stoff zum Nachdenken und ein ständiges innerliches „Gut, dass jemand sich damit auseinandersetzt – ein wichtiges Buch“-Nicken. Auch nachdem ich das Buch beendet hatte, hallte es lange nach. Seine reduzierte, sachliche Sprache, die dem Buch öfter angekrittelt wurde, war für mich das Besondere, das Wichtige: die schrecklichen Geschehnisse wirken, so völlig unverkleidet, um vielfaches stärker, bleiben beim Leser, nehmen einen gefangen. Auch das Erlebnis, Ursula Krechel selbst über das Buch sprechen zu hören, hat es für mich zu einem preiswürdigen Buch gemacht – als der Deutsche Buchpreis dann wirklich an sie vergeben wurde, habe ich gejubelt – die Auszeichnung ist sehr verdient!

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Claudia Pütz: Wenn ich noch einmal auf die Buchpreisträger der letzten Jahre blicke, dann erinnere ich einige sehr intensive und spannende Lektüren: Uwe Tellkamp hat mich in seinem Roman „Der Turm“ in die völlig bizarre Welt der DDR-Bürokratie eingeführt, Melinda Nadj Abonji hat in „Tauben fliegen auf“ erzählt, wie wichtig ein prestigeträchtiges Auto ist, wenn die Familie aus der Schweiz im Urlaub zurückkehrt in ihr Dorf in der Vojvodina, und wenn ich an Lutz Seilers „Kruso“ denke, dann habe ich unmittelbar den Blick aufs Meer vor Augen, den Leuchtturm, den Klausner – und steh gleich darauf in der Küche beim stundenlangen und auf höchste Effizienz getrimmten Abwasch, denn es gilt, das Fehlen von Geschirr durch Schnelligkeit beim Spülen auszugleichen.

Der Deutsche Buchpreisroman, der mich aber am meisten beeindruckt hat, ist Kathrin Schmidts Roman „Du stirbst nicht“. Dabei hängt Geschichten um bedrohliche Krankheiten und Tod, noch dazu, wenn sie deutliche Bezüge zum Leben der Autoren haben, der Verdacht an, es gehe auch um den Voyeurismus und das Mitleid des Lesers, der Autor trage quasi das eigene Leid zu Markte, versilbere es in besonders marktgängiger Form. Wenn aber diese Geschichte um Krankheit und Tod so gut erzählt ist, so literarisch eben, wenn im Lesen der Geschichte durch ihre Konstruktion und durch die Sprache weitere Ebenen identifizierbar werden, die weit über Diagnose und Behandlung und Bewältigung dieses Schocks hinausgehen, dann haben die Autoren doch einen Text erschaffen, der viel mehr kann als nur die traurige Story zu einer niederschmetternden Diagnose. Und so ist es in Kathrin Schmidts Roman. Da hat die Protagonistin Helene eine Gehirnblutung erlitten und wacht im Krankenhaus auf. Aber sie kann sich nicht erinnern, wo sie ist, was vor dem Schlafen war. Irgendwo klappert jemand mit Besteck und ihr fällt ein, wie die Mutter vor einer Hochzeit das Silberbesteck poliert hat. Ob hier gerade die Vorbereitungen zu einer Hochzeit stattfinden, fragt sie sich. Jemand spricht und nennt einen Namen. Helene weiß nicht, wie sie heißt, aber sie weiß, dass sie den genannten Namen nicht trägt, auch ein ganz anderes Geburtsdatum hat. In ihre Gedanken rutschen immer wieder englische Sprachfetzen, ihre Tochter wollte nach England reisen, erinnert sie sich. Offensichtlich versucht sie zu sprechen, denn ein Arzt meint, aus ihrem unverständlichen Gemurmel englische Wörter hören zu können. Helene ringt um ihre Erinnerungen, sie ringt um die Worte, sie ringt auch um das Sprechen. Und diesen Kampf erzählt Kathrin Schmidt anhand der Überlegungen, Reflexionen, Wahrnehmungen Helenes. Und zeigt beim Erinnern der eigenen Biographie, wie nebenbei fast, das Leben eines nicht ganz so angepassten Paares in der DDR, zeigt die Wendezeit, das Einrichten in den neuen Lebensumständen in dem neuen Land. Kathrin Schmidt zeigt in diesem Roman aber auch, wie sich da ihre Protagonistin ins Leben zurückkämpft, in die Sprache vor allem, die ihr als Schriftstellerin so wichtig ist, und ins Schreiben natürlich, das ihr so schwerfällt, und wie sie sich ohne jedes platte Selbstmitleid, sondern der üblen Behinderungen zum Trotz mit großer Würde, und manchmal auch gegen die durchaus unwürdige Behandlung im Krankenhaus, Schritt für Schritt ihr Leben zurückerobert. Und das erzählt sie so, dass die Sprache selbst diesen Prozess so anschaulich und lebendig begleitet. Kathrin Schmidts Roman ist zurecht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Es ist ein Roman, der nicht nur 2009 überzeugt, sondern auch heute noch, auch in zehn oder zwanzig Jahren. Für mich ist er einer der Buchpreiseromane, die mich am meisten überzeugt und beeindruckt haben.

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Constanze Matthes über einen stillen Begleiter und ein Schildchen auf dem Buchrücken:

Zugegeben, der Deutsche Buchpreis ist für mich bisher ein eher stiller Begleiter.; obwohl er in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit verlangt und erhält: zum Erscheinen der Long- und der Shortlist und  der späteren Bekanntgabe des Sieger. Ein Großteil des Literaturbetriebs verfolgt das Geschehen konzentriert und mit Spannung. Ich selbst habe in den vergangenen Jahren die Bücher der Nominierten nie bewusst gelesen, eher instinktiv – und mit Hilfe der Stadtbibliothek meines Wohnortes.  Titel, die nominiert waren und auch zum Bestand zählen, tragen eine besondere Markierung – auf dem Buchrücken ist ein  schlichtes „dbp“ aufgeklebt. Dank dieses eher schlichten Zeichens habe ich in den vergangenen Jahren Autoren und Werke entdeckt und kennengelernt, die ich wohl nicht gelesen hätte, aber zu bereichernden Leseerfahrungen geworden sind. Dazu zählen Bücher, die ich besonders mag wegen ihrer besonderen Geschichten, ihrer Sprache – so „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji, die 2010 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde, oder Thomas Hettche mit „Woraus wir gemacht sind“ (Shortlist 2006). Einige der Autoren, die auf den Listen der vergangenen Jahre auftauchen, habe ich sehr zu schätzen gelernt, allerdings ohne Bindung an den Buchpreis. Wenn ein neuer Titel erscheint, wird er meistens gelesen. Das sind unter anderem Antje Ravic Strubel, Stephan Thome, Michael Köhlmeier und Uwe Timm.  Die Namen der Autoren bleiben eingeprägt in meinem literarischen Gedächtnis. Wie ein Lieblingssong, den man jeden Tag hört, oder ein Gericht, das man sehr oft isst; um es mit alltäglichen Beispielen zu erklären. Blicke ich auf die Liste, sehe ich auch alte Bekannte, die ich gelesen, die mir aber nicht als Nominierte oder gar Preisträger bewusst waren. Zu Romanen, die ich damals empfohlen habe und weiterhin empfehle, zählen der Preisträger von 2011, Eugen Ruge mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ von Saša Stanišić (Shortlist 2006), „Pazifik Exil“ von Michael Lentz (Longlist 2007) und „Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert (Shortlist 2008) – neben einigen weiteren.  Zuletzt habe ich sehr gern gelesen und auch auf meinem Blog beschrieben: „Sieben Sprünge von Rand der Welt“ von Ulrike Draesner (Longlist 2014), „Berlin liegt im Osten“ von Nellja Veremej“ (Longlist 2013) und „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder (Longlist 2014).

Mit dem Buchpreisblog werde ich in diesem Jahr erstmals den Deutschen Buchpreis ganz bewusst begleiten. Nicht vergessen sind indes all jene Nominierten und Sieger der vergangenen Jahre. Sie weiterhin in Erinnerung zu behalten, auch Jahre nach dem Erscheinen, könnte bewusste Aufgabe der Blogger sein und ist sicherlich auch das eher stille Anliegen des Buchpreises über seine Wahrnehmung als Auszeichnung hinaus.


1473086742904Jetzt würde uns natürlich sehr interessieren, wer euer liebster Buchpreistitel ist? Welchen nominierten Titel habt ihr besonders gerne gelesen? An welchen habt ihr besonders gute Erinnerungen? Unter allen, die hier bis zum 23.09.2016 einen Kommentar hinterlassen, verlosen wir ein Longlist-Leseheft – damit könnt ihr  dann schon mal einen Blick auf die gegenwärtig nominierten Autoren werfen!

 

Dagmar Leupold: Die Witwen

Mit ihrem Roman »Die Witwen« hat es die Schriftstellerin und Übersetzerin Dagmar Leupold auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist der Roman einer Reise, welche vier Frauen die Mosel entlang, in die Vergangenheit und näher zu sich selbst führt. 

Leupold_Die Witwen

»Die Witwen« sind eigentlich gar keine Witwen. Beatrice, Dodo, Laura und Penelope, die sich Penny nennen lässt, sind seit ihren gemeinsamen Kindertagen in Westberlin beste Freundinnen. Als Penny den aus einer Winzerfamilie stammenden Otto heiratet, zieht sie von Berlin nach Steinbronn, einer Kleinstadt an der Mosel, die Ottos Heimat ist. Es dauert nur wenige Jahre, bis die anderen Frauen Penny folgen, denn »ohne einander konnten die vier nicht. Miteinander durchaus, aber nicht ohne kleinere oder größere Konflikte.«

Dreißig Jahre sind im erzählten Jetzt vergangen, seit die Frauen der Großstadt den Rücken gekehrt haben, die Berliner Freundinnen sind mittlerweile in ihren Fünfzigern. Alle sind in Steinbronn sesshaft geworden – Penny ist Teil des schwiegerelterlichen Familienbetriebs, Dodo betreibt eine Gärtnerei, Beatrice ist Yogalehrerin und Feldenkraistherapeutin und Laura führt eine Logopädiepraxis. Trotzdem sind alle rastlos, nicht zufrieden: »Das halbe Leben haben wir nun schon an diesem Ort der schönen Verheißungen verbracht, aber wir haben kaum etwas erlebt, einfach immer nur gelebt. Lasst uns etwas erleben!« Kurzerhand beschließen sie, über eine Annonce in einer Lokalzeitschrift nach einem Fahrer zu suchen und für ein paar Wochen zu verschwinden, denn das müsse schließlich jeder einmal im Leben tun.

»Wohin genau, war nicht wichtig, wichtig allein war die Fahrt.«

Zusammen mit Bendix, der eigentlich Benedikt heißt und ein aus Steinbronn stammender Nachbar ist, der in Köln Philosophie und Geschichte studierte, ein gebrochenes Herz und eine Schwäche für Zierfische hat, machen sie sich auf, um der Mosel, die ihr Dorf umschließt, bis zur Quelle zu folgen. Halt machen sie in Trier und in Schengen, bis sie in Bussang den Ursprung des Flusses erreichen. Doch die Reise ist noch nicht vorbei, sie fahren weiter zum Hartmannswillerkopf, der Freiluftgedenkstätte des Ersten Weltkriegs in den Vogesen.

Bendix ist es auch, der die Freundinnen heimlich als ‚Witwen‘ bezeichnet, weil ihnen allen »eine zarte Schleppe aus Trauer und Abgelebten« anhängt. Die Gründe dafür sind nur bei Penny von Anfang an bekannt, ihr Vorname ist Programm: Genau wie ihre mythologische Namenspatin, der Ehefrau von Homer, trauert sie um ihren Ehemann, der zwar nicht tot, aber vor acht Jahren von einer Dienstreise in Asien nicht wiedergekommen ist. Der Verlust ihres Mannes und das Nichtwahrhabenwollen seines Verschwindens zeigt sich auch in ihrem Erscheinungsbild: seit er verschwand, hat sie sich nicht mehr die Haare schneiden lassen. Auch darüber hinaus lässt sich eine stark körperliche Bildlichkeit in »Die Witwen« erkennen, immer wieder werden beispielsweise die Füße der Frauen Analysen unterzogen,

Nicht nur als Witwen, auch als Amazonen und Grazien werden die Freundinnen bezeichnet – in gewisser Weise sind die vier Frauenfiguren, die Leupold in ihrem Roman entwirft, ein Konglomerat aus weiblichen Ikonen und Symbolen verschiedener Epochen, wie das Cover des Romans, eine Arbeit von Alexey Kondanov, illustriert.

Im zweiten Teil des Romans erzählen auch die anderen Frauen, was ihnen fehlt, was sie zu ‚Witwen‘ macht. Als ihr Auto auf dem Parkplatz am Hartmannswillerkopf nicht anspringen will, beginnen sie sich zu öffnen und über Erlebnisse zu berichten, die sie geprägt haben und von denen die anderen Frauen auch in den langen Jahren der Freundschaft nichts ahnten. Sie alle betrauern gescheiterte Beziehungen, ein nie geborenes Kind oder den zu früh verstorbenen Vater. »Wir alle sind hier ganz richtig. Hängen geblieben an diesem verrückten Ort, ein Massengrab von Lebensgeschichten.«

Als Friedhof von Lebensgeschichten ist nicht nur die Freiluftgedenkstätte des ersten Weltkriegs, sondern auch das beschauliche Städtchen Steinbronn zu sehen. ‚Erlebt‘ haben die Frauen in ihren Jahren dort wenig bis gar nichts, sie alle erzählen in ihren Geständnissen am Hartmannswillerkopf von der Zeit vor ihrem Umzug in die Provinz, von der Zeit in Berlin. Das Dorf wird zum Ort des Stillstandes, den die Frauen mit ihrem Umzug vor drei Jahrzehnten vielleicht bewusst suchten, um einen Neuanfang zu wagen, der in ihnen in der Mitte ihres Lebens eine Leerstelle lässt und den sie mit Moselwein zu füllen versuchen. Ihre frühen Versuche, die Gemeinschaft und das Leben in Steinbronn aktiv zu gestalten – sie versuchen eine Umbenennung für die zentrale, nach Hitler genannte Adolfstraße durchzusetzen – scheitern.
»Die Witwen« folgt hinsichtlich seiner Abwendung von der Metropole zugunsten des idyllischen Landlebens einem Trend, der sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beobachten lässt (man denke beispielsweise an Juli Zehs »Unterleuten«), bricht aber gleichzeitig mit ihm, da die Großstadtjahre der eigentliche Kern der Grundproblematik des Romans bleiben.

»Ihre Formulierungen wickeln noch das sperrigste ein wie in Geschenkpapier.«

Aus narratologischer Sicht  ist »Die Witwen« recht konventionell erzählt. Ein klassischer, überwiegend allwissender Erzähler berichtet von der Geschichte der Frauen. Die Sprache des Romans ist alles andere als konventionell, sie ist hoch poetisch, jeder Satz, ja, jedes Wort sitzt. Dies führt an einigen Stellen dazu, dass die Rede der Figuren oder ihre Gedanken aus der Zeit gefallen wirken könnten – trotzdem wirkt der Text nicht gestelzt. Der hohe Ton reflektiert in gewisser Weise vielmehr die Tradition der mythologischen und motivischen Verweise, die der Roman aufgreift.

Das Abenteuer, das der selbsternannte Abenteuerroman »Die Witwen« erzählt, ist keine Aneinanderreihung von außergewöhnlichen Ereignissen, auch die eigentliche Autoreise steht nicht im Fokus. Das eigentliche Abenteuer, so Dagmar Leupold im Interview in der SWR2-Sendung Lesezeichen, besteht darin, »dass die Figuren sich selbst erzählen und zu sich selbst finden, eine eigene Stimme entwickeln, anwesend sind.« Am Ende sind die Geschichten der Frauen, die programmatisch mit »Abschaffung«, »Verkennung«, »Dressur« und »Warten« überschrieben sind, leider nicht außergewöhnlich.
»Die Witwen« ist ein poetisch erzählter Roman, der seinen Platz auf der diesjährigen Longlist verdient hat. Ob es zum Sprung auf die Shortlist reicht, bleibt abzuwarten.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Betreiberin des Blogs Zeilensprünge


Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteuerroman. Jung und Jung, September 2016, 236 Seiten, 22 €.

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Deutscher Buchpreis: Ein Blick auf die Zahlen

10 Fakten über den Deutschen BuchpreisNachdem Constanze vergangene Woche bereits einen Blick auf die wichtigsten Fakten rund um den Deutschen Buchpreis geworfen hat, schaue ich mir heute nochmal die Zahlen und Statistiken an – bevor es dann bald mit den ersten Besprechungen losgehen wird! In diesem Jahr wird der zwölfte Buchpreisgewinner bekannt gegeben, damit jährt sich ein Preis zum zwölften Mal, der von Anfang an nicht nur begrüßt wurde, sondern auch immer umstritten gewesen ist. Ins Leben gerufen wurde er, um einen hochrangigen deutschsprachigen Literaturpreis zu schaffen – vergleichbar mit dem Man Booker Prize. Doch über den Sinn des Preises und die Auswahl der Bücher wurde von Beginn an diskutiert und auch in diesem Jahr reißen diese Diskussionen nicht ab. Der Journalist Wolfram Schütte sprach dem Deutschen Buchpreis sogar ab, ein Buchpreis zu sein – im Endeffekt sei er lediglich ein Marketingpreis. Es wird auch immer wieder darüber diskutiert, ob genug Frauen auf der Longlist vertreten sind. Ich habe mir aus diesem Grund mal ein paar Zahlen und Daten rund um den Deutschen Buchpreis angeschaut und bin dabei zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

#1. Alte Bekannte auf der neuen Liste: In diesem Jahr stehen insgesamt 10 Wiederholungstäter auf der Longlist. Bodo Kirchhoff, Ernst-Wilhelm Händler, Katja Lange-Müller, Dagmar Leupold, Sibylle Lewitscharoff, Thomas Melle, Joachim Meyerhoff, Arnold Stadler, Peter Stamm und Thomas von Steinaecker standen bereits schon einmal oder sogar mehrmals auf der Longlist.

#2. Verkürzte und verlängerte Longlist: 2006 war das einzige Jahr, in dem 21 Romane nominiert gewesen sind, während 2008 das einzige Jahr war, in dem nicht 20 Titel auf der Longlist standen, sondern lediglich 19. Peter Handke war mit seinem Roman Die morawische Nacht nominiert worden, verzichtete aber auf die Nominierung, um seinen jüngeren Kollegen und Kolleginnen das Feld zu überlassen.

Ich freue mich für ‘Die morawische Nacht’ auf der Buchpreisliste. Aber ich möchte zugunsten der anderen Gelisteten, vor allem der jüngeren, zurücktreten, samt Respekt vor der ehrenwerten Jury.

#3. Frauenfrage: Auch wenn man das Gefühl haben könnte, dass die Frauen immer zu kurz kommen – auch in diesem Jahr wurden nur fünf Frauen nominiert – haben mehr Frauen den Buchpreis gewonnen als Männer. Was für eine Leistung! Das auffällige Fehlen der Frauen muss übrigens kein Versäumnis der jeweiligen Jury sein, sondern ein Problem, das bereits viel früher beginnt: in einigen Verlagshäusern scheinen einfach weniger deutschsprachige Frauen publiziert zu werden, als Männer.

Männer und Frauen

Geschlechter

#4. Erscheinungstermin: Ebenso spannend wie die Frage nach Männern und Frauen ist auch immer die Diskussion, ob Frühjahrsbücher vernachlässigt werden bei der Nominierung, weil die Herbstbücher bessere Chancen haben. Wenn wir mal einen Blick auf die Statistik werfen, dann wird deutlich, dass es vor allen Dingen der August zu sein scheint, der gute Nominierungschancen verspricht. Das Phänomen, dass ein Buch aus dem Vorjahr nominiert wurde, ist übrigens bisher eine Seltenheit und nur vereinzelt vorgekommen.

Monat

#5. Wie dick sollte es sein: Und wie schaut es eigentlich mit der Seitenzahl aus? Haben die dicken Wälzer bessere Chancen oder vielleicht doch eher die schmalen Bücher? Die Eindeutigkeit der Ergebnisse hat mich dann doch überrascht: die dicksten Bücher haben auch die besten Chancen – bisher hat zumindest noch kein Buch den Deutschen Buchpreis gewonnen, das weniger als 225 Seiten hat.

Dicke oder dünne Bücher

Seitenzahl

#6. Die Jungen und die Alten: Auch der Blick auf das Alter der teilnehmenden Autoren ist interessant – es sind zwar deutlich mehr ältere Autoren nominiert, doch dafür gehören die jüngeren Autoren auch immer wieder zu den Preisträgern.

Die Jungen und die Alten

Alter

#7. Fazit: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ – ihr kennt sicherlich alle diesen berühmten Satz, dennoch glaube ich, dass einem der Blick auf Zahlen und Daten auch manchmal spannende Dinge verraten kann. Vieles mag nur Zufall sein, bei anderen Punkten kann man zumindest klare Tendenzen erkennen. Was schließen wir daraus? Sollten nun nur noch Bücher im August und mit mehr als 313 Seiten veröffentlicht werden? Klar ist, dass Verlage sich keinen Buchpreisträger schnitzen können – dennoch wünsche ich viel Freude bei weiteren Gedankenspielen!

Zehn interessante Fakten zum Buchpreis

Seit 2005 gibt es den Deutschen Buchpreis. 2014 beging er sein zehnjähriges Bestehen. Diese Zeit ist nicht nur geprägt von zahlreichen Büchern und Autoren. Interessante Informationen und Ereignisse begleiten ihn. Nach einem Blick ins weltweite Netz gibt es an dieser Stelle zehn Fakten.

10 Fakten über den Deutschen Buchpreis (2)

1)  „Wiederholungstäter“

In der Reihe der Autoren, die alljährlich mit der Bekanntgabe der Longlist, der späteren Shortlist und des glücklichen Gewinners ins Rampenlicht treten, tauchen regelmäßig „alte Bekannte“ auf. Zu den Schriftstellern, die dreimal nominiert wurden, zählen: Michael Köhlmeier („Abendland“, 2007, Shortlist; „Madaly“, 2010, Longlist; „Zwei Herren am Strand“, 2014, Longlist),  Thomas Glavinic („Das bin doch ich“, 2007, Shortlist; „Das Leben der Wünsche“, 2009, Longlist; „Das größere Wunder“, 2013, Longlist) und Thomas Hettche („Woraus wir gemacht sind“, 2006, Shortlist; „Die Liebe der Väter“, 2010, Longlist; „Pfaueninsel“, 2014, Shortlist). Zweimal nominiert waren unter anderem: Martin Mosebach, Thomas Lehr, Reinhard Jirgl, Rolf Lappert und Jenny Erpenbeck.

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2) Geliebt und gemieden

Es gibt Autoren, die genießen es, den Deutschen Buchpreis zu erhalten. Andere wiederum scheuen ihn sogar. Für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr Ralf Rothmann, als er bekanntgab, dass sein Roman „Im Frühling sterben“ nicht in das Rennen um den Preis gehen soll. 2008 hatte bereits Peter Handke auf eine Nominierung für sein Werk „Die morawische Nacht“ verzichtet. Laut einem Bericht von FAZ-Literaturredakteur Andreas Platthaus entzieht sich Christoph Ransmayr in diesem Jahr dem Wettbewerb: Sein neuer Roman „Cox“ soll erst nach der Preisvergabe in den Buchhandel kommen, so sein Wunsch; voraussichtlicher Erscheinungstermin: 27. September (S. Fischer).

3) Frauenquote mehr als erfüllt

PicMonkey CollageMehr Frauen als Männer haben in der Vergangenheit den Deutschen Buchpreis erhalten. Sechs ausgezeichnete Autorinnen stehen fünf geehrten Autoren gegenüber. Das sind Katharina Hacker („Die Habenichtse“ 2006), Julia Franck („Die Mittagsfrau“ 2007), Kathrin Schmidt („Du stirbst nicht“ 2009), Melinda Nadj Abonji („Tauben fliegen auf“ 2010), Ursula Krechel („Landgericht“ 2012) und Terézia Mora („Das Ungeheuer“ 2014).

4) Money, Money, Money

Der Sieger des Deutschen Buchpreises kann sich über 25.000 Euro freuen. Den anderen Finalisten werden jeweils 2.500 Euro ausgereicht. Im Vergleich mit anderen Literaturpreisen läuft der Deutsche Buchpreis allerdings etwas hinterher. So bekommt der Gewinner des Österreichischen Staatspreises 30.000 Euro, der Sieger des Man Booker International Prize 62.000 Pfund und damit rund 78.000 Euro, wobei sich Autor und Übersetzer das Geld teilen. Wer mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates geehrt wird, bekommt 350.000 Dänische Kronen, das sind rund 47.000 Euro. Nur der renommierte Prix Goncourt in Frankreich erscheint da sehr bescheiden: Der Sieger erhält zehn Euro, symbolisch versteht sich. Spitzenreiter ist wie erwartet der Nobelpreis für Literatur. Wer diesen erhält, wird fast Euro-Millionär: acht Millionen schwedische Kronen und damit rund 928.000 Euro werden gezahlt. Und selbst im nationalen Vergleich steht der Deutsche Buchpreis nicht an erster Stelle: Sowohl der Goethepreis als auch der Siegfried-Lenz-Preis sind jeweils mit 50.000 Euro dotiert, beide haben allerdings auch internationalen Charakter. Gleichrangig ist da der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels mit ebenfalls 25.000 Euro als Preis für den Gewinner.

5) Wetten, dass …

Im Gegensatz zum Nobelpreis für Literatur kann auf den Sieger des Deutschen Buchpreises (noch) keine Wette abgeschlossen werden.

6) Rund um

Den Deutschen Buchpreis begleiteten in den vergangenen Jahren Publikationen und Projekte. So erschien anlässlich des zehnjährigen Bestehens 2014 das Sachbuch „Spiel, Satz und Sieg“ – mit Texten zur Preisverleihung und zur Diskussion um den Preis sowie Interviews mit Autoren. Zudem wurde gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Stiftung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels eine Wanderausstellung konzipiert. Jährlich werden zudem die Bücher der Shortlist in der englischsprachigen Literatur-Zeitschrift „New Books In German“ auszugsweise veröffentlicht. Des Weiteren werden alljährlich in einer Broschüre Leseproben aus den Titeln der Longlist zusammengestellt.

7) Top-Secret

Sehr bekannt sind die Regularien zum Deutschen Buchpreis:  Verlage können bis zu zwei Romane aus dem aktuellen Programm oder auch künftige Titel ins Rennen schicken. Eigenbewerbungen von Autoren sind indes nicht gestattet. Jene Titel, die eingereicht wurden, es aber nicht auf die Longlist schaffen, werden nicht veröffentlicht und bleiben geheim.

8) Die Entscheider 

Apropos Regularien: Dazu zählt auch die Anzahl der Jury-Mitglieder und die Zusammensetzung des Gremiums. Insgesamt sieben Männer und Frauen entscheiden über die Vergabe. Die Jury wechselt jährlich und setzt sich aus Buchhändlern, Kritikern und Autoren zusammen. Wer in die Jury berufen wird, entscheidet die Akademie Deutscher Buchpreis unter Vorsitz des Buchhändlers Heinrich Riethmüller. Der Akademie gehören ebenfalls an: Juergen Boos (Direktor der Frankfurter Buchmesse), Prof. Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien), Prof. Dr.  Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts), Michael Münch (Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Stiftung), Manfred Papst (Preisträger des Alfred-Kerr-Preises), Claudia Reitter (stellvertretende Vorsteherin im Börsenverein), René Strien (Vorsitzender der AG Publikumsverlag), Dr. Dirk Vaihinger (Vorstand des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands), Wilfried Weber (Geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Bücherstube Felix Jud)

9) Auf und Ab

Der Deutsche Buchpreis ist immer wieder von Schwankungen gezeichnet bei der Anzahl der eingereichten Bücher und der teilnehmenden Verlage. Top-Jahr bei der Anzahl der Titel ist 2013 mit 173, Flaute herrschte indes 2006 mit gerade mal 95 Titel. Mit Blick auf die Verlage stellt sich das Jahr 2011 mit 106 Verlagen heraus. Im dürftigen Jahr 2006 waren es hingegen nur 62.

10) Einer von vielen

Um noch einmal zu den Gewinnern der vergangenen Jahre zurückzukommen. Schaut man in deren Biografien ist der Deutsche Buchpreis meist nur einer vielen weiteren Literaturpreisen, mit denen sie im Laufe ihrer schriftstellerischen Karriere ausgezeichnet werden. Einer macht da indes eine Ausnahme: Frank Witzel, der Preisträger des vergangenen Jahres und Autor des Romans „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Zum Deutschen Buchpreis gesellt sich in seiner Laufbahn nur der Robert-Gernhardt-Preis 2012 – eben für jenes Romanprojekt. Auf seiner Homepage verweist Witzel allerdings noch auf eine weitere Auszeichnung, die es wert war, in der Vita genannt zu werden: der 2. Preis im Lesewettbewerb der Wiesbadener Volksschulen im Jahr 1964.

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