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Tabitha

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung der Sprache

Im vergangenen Jahr standen gleich zwei dystopische Romane – Heinz Helles »Eigentlich müssten wir tanzen« und Valerie Fritschs Meisterwerk »Winters Garten« – auf der Longlist zum deutschen Buchpreis. Der Trend zur Dystopie in der deutschsprachigen Literatur bestätigt sich in diesem Jahr mit Thomas von Steinaeckers neuem Roman »Die Verteidigung des Paradieses«. Wie auch bei Helle und bei Fritsch ist bei von Steinaecker nicht so sehr von Bedeutung, was zum Untergang der Zivilisation geführt hat oder führen wird, sondern wie die Zivilisation mit ihrem Ende umgeht.

Steinaecker_DieVerteidigungdesParadiesesZu seinem fünfzehnten Geburtstag erhält der Ich-Erzähler Heinz vier leere Schreibhefte und einen Faber-Castell-Bleistift. Er fühlt sich zu Großem berufen: Das schwarze Heft, mit dem »Die Verteidigung des Paradieses« beginnt, dokumentiert sein Leben auf der Alm in den bayrischen Alpen, auf der er zusammen mit sechs anderen Überlebenden der »mitteleuropäischen Katastrophe« lebt, die zwölf Jahre zuvor die gesamte Zivilisation in Deutschland und den anliegenden Ländern ausgelöscht zu haben scheint. An seine ersten Jahre vor der Katastrophe erinnert er sich dunkel, zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder lebte er in der Elite-Siedlung Waldweben IV mit jedem erdenklichen Luxus, den das Leben um das Jahr 2045 bereit hielt: mit Robotern für alle erdenklichen Tätigkeiten, ein vollautomatisiertes Leben in vermeintlicher Sorglosigkeit. Übrig ist davon nichts mehr. Die Gemeinschaft führt ein archaisches Leben mit Kühen, Schweinen und Hühnern auf dem Almbauernhof unter einem der letzten funktionierenden Shields, das die – vermutlich wegen des Ozonlochs – tödliche Sonneneinstrahlung abhält und aufgrund seiner Programmierung einen ewig anhaltenden Frühling fernab der »großen Ebene«, auf der vor der Katastrophe Solarfelder standen, gewährt.

Zusammen mit der bereits dementen Anne, einer ehemaligen Krankenschwester, dem ehemaligen CEO und Regierungsmitglied Constantin, dem Ehepaar Özlem und Chang, sie Moderatorin, er Information Architect, und Jorden, einem ehemaligen Soldaten und dem späteren Ressort-Ranger wächst Heinz als »das vielleicht einzige und letzte Kind auf Erden« auf dem Rosenhof auf, das vormals Teil eines rekonstruierten Urlaubsressorts für die Elite war. Sie alle nehmen ihn, den Honk, wie sie ihn liebevoll nennen, nicht ernst – kein Wunder, verbringt er doch jede Minute mit seinem Roboter-Wüstenfuchs, der ihm Märchen erzählt –, bis er eines Tages beginnt, die ersten Sätze der großen, vermeintlich untergegangenen Weltliteratur zu zitieren. Denn noch etwas unterscheidet ihn von den anderen: in seiner rechten Achsel hat Heinz ein kleines, rechteckiges Tattoo, von dem keiner weiß, was es bedeutet, außer dass Heinz es spürt, wenn ihm die Sätze von Shakespeare, Goethe oder aus Mozart-Arien einfallen.

»Aber klar, was sollen die anderen auch mit ‚Parkett’, was mit ‚Erbstück’ oder ‚artgerecht’ anfangen, wenn das, was wirklich zählt, Vorräte, Erne und Fleisch heißt?«

Sprache und Literatur nehmen im Leben der Alm-Gemeinschaft und im Roman selbst eine zentrale Rolle ein. So wiederholen die Bewohner rituell immer wieder »Alt-Wörter«, an die sie sich aus der Voruntergangszeit erinnern, die aber in ihrer Gegenwart keinerlei Bedeutung mehr in sich tragen. Sie sind Relikt einer Kultur, die Heinz und die anderen verloren glauben. Dem fünfzehnjährigen Heinz gegenüber haben jedoch alle anderen Überlebenden der Katastrophe einen Vorteil, sie können sich bewusst erinnern:
»Ich war wirklich kurz davor zu heulen, weil mir bewusst wurde, wie viel Glück die anderen haben, die alle wissen, wer sie sind und woher sie kommen, anders als dieser Junge, als ich.« Den tagebuchartigen Kapitel des Romans dokumentiert das Ich nicht nur die Ereignisse, sondern thematisiert immer wieder die Suche nach seiner eigenen Identität. Wie könnte das auch anders ein, möchte man sagen, wenn hier ein Ich erzählt, das sich im Alter von fünfzehn Jahren auf dem Höhepunkt der Pubertät befindet? Heinz ist jedoch, das wird schnell klar, kein typischer Fünfzehnjähriger. Sexuelle Gedanken liegen ihm fern, er wirkt schon früh nicht ganz menschlich. Bestärkt wird dieser sehr subtile Eindruck von Kommentaren anderer Figuren wie »Zieht mal jemand den Stecker?«

Als das vermeintliche Paradies der Alpen-Alm zu kollabieren droht, da das schützende Shield wegen ausbleibender Wartung immer wieder ausfällt, beschließen die mittlerweile acht Almbewohner – Özlem und Chang haben derweil eine Tochter namens Xiwang (dt. »Hoffnung«) bekommen – die Alpen zu verlassen, denn schon lange gibt es ein Gerücht, das von einem »großen Lager« jenseits des Rheins, der aufgrund der Polschmelze zu einem großen See angewachsen ist, in dem sich Überlebende versammeln.
Das blaue und grüne Heft, die den Mittelteil von »Die Verteidigung des Paradieses« ausmachen, erzählen von der Reise durch das zerstörte Süddeutschland in Richtung Westen.

In diesem Teil des Romans gleicht »Die Verteidigung des Paradieses« am ehesten konventionellen Science-Fiction- und Dystopie-Szenarien, wie sie einem im Hollywoodkino begegnen. Die Reise durch die menschenleere, verlassene Infrastruktur, auf der die Gruppe höchstens auf wahnsinnig gewordenen, kannibalistischen Mutanten trifft, erinnert an Zombie-Filme wie »28 Days Later« oder »World War Z«. Den Eindruck, den man durch die protokollartigen Aufzeichnungen des Ich-Erzählers von der Voruntergangswelt durch am Wegesrand herumliegende Überbleibsel erhält, erinnern zum Teil an die neue HBO-Serie »Westworld«, in der künstliche Lebenswelten und Roboter, die so menschlich gestaltet sind, dass sie nicht gleich als solche zu erkennen sind, omnipräsent sind.

Nicht alle überleben die Reise, und bevor am Ende das rettende französische Ufer erreicht wird, hält der Roman einige Twists und Wendungen für die Reisegesellschaft bereit, die in ihrer Ereignisfolge ebenfalls aus dem Popcornkino stammen könnten. Schlecht erzählt ist diese Odyssee dabei keinesfalls; »Die Verteidigung des Paradieses«
ist kurzweilig und hält den Spannungsbogen bis zu den letzten Seiten, auf denen Heinz’ Rolle aus der Retrospektive mithilfe des Gedächtnissystems ARCHIVA aufgelöst wird und (fast) keine Fragen offen bleiben.

»Solange ich schreibe, überleben wir.«

»Die Verteidigung des Paradieses« ist, so verkündet Klappentext des Verlags, ein Roman darüber, was es heißt, Mensch zu sein – von Steinaeckers Ansatz ist ein literarischer, denn was die Gemeinschaft vom Wahnsinn abhält, ist die Vergegenwärtigung der Sprache. Das Wiederholen von vergangenen Alltagswörtern und den ersten Sätzen der Weltliteratur, das Aufzeichnen und das Geschichten erzählen ist zentral in diesem dystopischen Roman. Gleichzeitig funktioniert diese Selbstversicherung über das Sprechen nur in der Gemeinschaft; als Heinz während der Reise kurzzeitig in Einzelhaft sitzt, verwehren die sonst so rettenden Worte dem Ich-Erzähler den rettenden Sinn, sie verschwimmen: »Zusammengerollt hängen die Fingernägel wie die Ringe von einem Baum, dessen Name mir nicht einfällt. Birke? Barke? Berke? Fahrnis? Fuhrnuß? Fährnuß? Härte? Hürte? Hörte?«
Sprachlich ist »Die Verteidigung des Paradieses« nicht unbedingt poetisch – vor allem die vielen Anglizismen des jugendlichen Ichs verhindern dies –, aber ausgesprochen intelligent, vielseitig und spannend. Auch wenn es für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis nicht gereicht hat – zu den wichtigsten deutschsprachigen Dystopien des Jahres gehört »Die Verteidigung des Paradieses« in jedem Fall.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Mitbetreiberin des Blogs Zeilensprünge


Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses. Roman, S. Fischer Verlag 2016, 416 Seiten, 24,99€.

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Michelle Steinbeck: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«

»Es ist grauenhaft, dieses Buch. Es ist entsetzlich, es ist ein Albtraum, es zu lesen. Es ist unehrlich, verlogen, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.« Elke Heidenreich hat mit ihrem vernichtenden Urteil über Michelle Steinbecks Debüt »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« im SRF Literaturclub eine Debatte im Feuilleton ausgelöst, die sich nicht um den Roman, sondern um ihre eigene Person dreht. Dass Heidenreichs Aussagen nichts mit Literaturkritik zutun hatten, wurde bereits von Jürg Altwegg in der FAZ und Guido Kalberer im Tages-Anzeiger erläutert und Heidenreichs Auftreten als bloßer Versuch, Quote zu machen, entlarvt. Zeit, den Roman selbst unter die Lupe zu nehmen.

Steinbeck_Cover-zuschnitt

In Steinbecks Debüt kehrt die Ich-Erzählerin Loribeth an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie beginnt an der Schreibmaschine ihres Vaters zu schreiben, es kommt aber nur ein einziger Satz zustande: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«. Sie bekommt Hunger, streift durchs Haus und erschlägt im Affekt mit einem Bügeleisen ein Kind mit blinkenden Schuhen. Das Kind, scheinbar tot, wird kurzerhand in einen Lederkoffer gepackt. Loribeth geht mit ihm zu einem Friedhof, wo sie die Leiche des Kindes bestatten möchte, aber auf eine alte, Karten legende Frau mit blauen Haaren und einem Schoßkrokodil trifft, die ihr mitteilt, sie müsse den Koffer zu ihrem Vater bringen, um mit »Liebe, Ruhm und Gold« überschüttet zu werden. Also begibt sie sich auf den Weg, der sie über eine Landstraße und ein Bauernhoffest in die rote Stadt führt, wo Loribeth glaubt, ihren Vater zu finden. Verfolgt wird sie stets von drei sprechenden Doggen, die hinter Loribeth und dem Koffer her sind. Tot ist das Kind im Koffer auch nicht, immer wieder bewegt es sich im Koffer und macht auf sich aufmerksam. Anstatt den Vater trifft sie in der roten Stadt nur auf seine schwangere, neue Frau in der gemeinsamen Wohnung.
Schließlich findet Loribeth den Vater auf einer einsamen Insel und übergibt den Koffer, kehrt zurück in ihr Leben, dass sie sich während ihrer Reise aufgebaut hat: mit Fridolin Seifert und seiner Schwester Mabel lebt sie in einem Haus, das sie von den Alimenten des Vaters für sein ungeborenes Kind gekauft hat. Doch auch dort ist sie nicht glücklich.

Michelle Steinbecks Debüt ist ein surrealistischer Roman, der vor allem mit Traummotiven und dem Klang der Sprache spielt. Er setzt sich damit vom 08/15-Roman der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ab. Wer sonst ausschließlich realistische Literatur liest, mag »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« als einen schwer zugänglicher Text empfinden, der – wie im Fall von Alain Claude Sulzer Langeweile, im Fall von Elke Heidenreich aggressive Ablehnung – hervorruft. Ein hermetisch abgeriegelter, unverständlicher Text ist Steinbecks Debüt jedoch keinesfalls.

»Du bist noch sehr Kind in dir drin, seufzt die Alte. Ein weiter Weg … Der Vater ist das Problem: Der Vater ist dir sehr nah… Eine Trennung… Ängste. […] Deine Ängste und Zögerlichkeiten, es sind nicht deine … Es sind die deines Vaters – steck sie in den Koffer, und gib sie ihm zurück! […] Dein Vater steht dir im Weg. Er schirmt dich ab von allen Glückskarten. Die höchste Geldkarte liegt da, die Erfolgskarte auch! Gibt dem Vater seinen Koffer zurück, und du wirst überschüttet mit Liebe, Ruhm und Gold.«

Man kann den Text allegorisch lesen: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« ist ein Roman über die Schreibkrise des Schriftsteller-Ichs im Text, mit dem Steinbeck selbst natürlich nicht ohne weiteres gleichzusetzen oder für verrückt zu erklären ist, wie es Heidenreich getan hat.
Als Loribeth am Anfang ihrer Reise nach der Prophezeiung der Kartenlegerin den Friedhof verlässt, trifft sie auf einen alten Bekannten, die lebendige Statue eines bebrillten, jungen Dichters an einem Grab: »Erinnern Sie sich überhaupt? Mein Vater und ich, wir kamen früher jeden Tag hierher, um Sie zu besuchen. Sie waren sein grosses Vorbild. Er hat Sie um Rat gefragt für sein Buch, wissen Sie noch? Ich hätte heute auch fast angefangen, etwas zu schreiben.«

Es ist die Schreibmaschine des Vaters, der selbst Schriftsteller und »Gelehrter« ist, wie es später heißt, auf der Loribeth über den Vater zu schreiben beginnt. Das ‚Erbe‘ des Vaters, der sie zwar verlassen, sich aber in seiner Rolle als Vater so tief in ihr Selbst eingeschrieben hat, führt zur Schreibkrise. Das wird spätestens deutlich, als sie fragt: „Können wir nie anders sein als unsere Eltern?“ Der Verlust des Vaters könnte als  für den Roman konstitutives, „traumatisches“ Erlebnis interpretiert werden, das auch den surrealistischen Modus des Textes begründet. In dieser Lesart wäre das untote Kind im Koffer wohl das eigene Ich oder jener Teil des Ichs, der vom Vater – bewusst oder unbewusst – beeinflusst wird und von dem es sich zu lösen gilt, um schreiben zu können.

Steinbecks Roman ist radikal – die Bilder, die sie wählt, kann man geschmacklos finden: Das tote Kind, das in einem Koffer mitgenommen wird, fast jede Figur des Romans, auch die Kinder, raucht pausenlos, es werden Finger und Ohren verspeist, in der roten Stadt, die Loribeth auf der Suche nach ihrem Vater besucht, ist es mehr als ungemütlich:
»In den Gassen gibt es keine Laternen. Es riecht nach Kohlerauch und verwesendem Fleisch. Über den Hauseingängen hängen gehäutete Schafsköpfe, in dunklen Ecken liegen Abfallberge und eingemummte schlafende Menschen. […] Schäumende Maulesel trotten halbtot an mir vorbei, den Rücken verschnürt mit Baumwollballen, die geschwollene Zunge hängt blödsinnig zwischen den Zähnen heraus. Es ist heiß, und durch die Luft, die nach Gewürzen und Pisse riecht, zieht der Kohlerauch.«

Bequem soll der Text nicht sein, thematisiert er doch die Erfahrung einer Krise. Aber darf es solche Bilder in der Literatur nicht geben, wie Heidenreich glaubt? Genau wie Loribeth, das erzählende Schriftsteller-Ich, probiert auch Michelle Steinbeck sich aus, auch in unkonventionellen und radikalen Bildern, um dem Prozess des Schreibens, der Produktion von Literatur in Form des vorliegenden Debüts, der schließlich den gleichen Titel trägt wie der erste Satz des produzierten Textes im Roman, zu ermächtigen. Im letzten Kapitel des Romans wird der Durchbruch der Schreibkrise erreicht:

»Ich höre nicht mehr, ob er Antwort gibt. Ich drehe schnell ein Blatt Papier in die Schreibmaschine ein und hacke auf die Tasten, bis es mir in den Ohren dröhnt, meine Finger taub sind, meine Nägel abgebrochen, und ich mache immer weiter und höre nie mehr auf.«

Auch Michelle Steinbeck sollte nicht aufhören zu schreiben. »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« wird es vielleicht nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen, dafür ist der Roman wohl zu speziell, zu experimentell, zu radikal. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Jury des Deutschen Buchpreises Steinbecks Debüt nicht auf die diesjährige Shortlist gesetzt hat. Es bleibt zu hoffen, dass dieser literarisch dichte, metapoetische Text einer begabten jungen Autorin auch fernab des Buchpreis-Rummels nicht allzu schnell in Vergessenheit gerät.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Mitbetreiberin des Blogs Zeilensprünge.


Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. Roman, Lenos Verlag 2016, 153 Seiten, 18€.

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Dagmar Leupold: Die Witwen

Mit ihrem Roman »Die Witwen« hat es die Schriftstellerin und Übersetzerin Dagmar Leupold auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist der Roman einer Reise, welche vier Frauen die Mosel entlang, in die Vergangenheit und näher zu sich selbst führt. 

Leupold_Die Witwen

»Die Witwen« sind eigentlich gar keine Witwen. Beatrice, Dodo, Laura und Penelope, die sich Penny nennen lässt, sind seit ihren gemeinsamen Kindertagen in Westberlin beste Freundinnen. Als Penny den aus einer Winzerfamilie stammenden Otto heiratet, zieht sie von Berlin nach Steinbronn, einer Kleinstadt an der Mosel, die Ottos Heimat ist. Es dauert nur wenige Jahre, bis die anderen Frauen Penny folgen, denn »ohne einander konnten die vier nicht. Miteinander durchaus, aber nicht ohne kleinere oder größere Konflikte.«

Dreißig Jahre sind im erzählten Jetzt vergangen, seit die Frauen der Großstadt den Rücken gekehrt haben, die Berliner Freundinnen sind mittlerweile in ihren Fünfzigern. Alle sind in Steinbronn sesshaft geworden – Penny ist Teil des schwiegerelterlichen Familienbetriebs, Dodo betreibt eine Gärtnerei, Beatrice ist Yogalehrerin und Feldenkraistherapeutin und Laura führt eine Logopädiepraxis. Trotzdem sind alle rastlos, nicht zufrieden: »Das halbe Leben haben wir nun schon an diesem Ort der schönen Verheißungen verbracht, aber wir haben kaum etwas erlebt, einfach immer nur gelebt. Lasst uns etwas erleben!« Kurzerhand beschließen sie, über eine Annonce in einer Lokalzeitschrift nach einem Fahrer zu suchen und für ein paar Wochen zu verschwinden, denn das müsse schließlich jeder einmal im Leben tun.

»Wohin genau, war nicht wichtig, wichtig allein war die Fahrt.«

Zusammen mit Bendix, der eigentlich Benedikt heißt und ein aus Steinbronn stammender Nachbar ist, der in Köln Philosophie und Geschichte studierte, ein gebrochenes Herz und eine Schwäche für Zierfische hat, machen sie sich auf, um der Mosel, die ihr Dorf umschließt, bis zur Quelle zu folgen. Halt machen sie in Trier und in Schengen, bis sie in Bussang den Ursprung des Flusses erreichen. Doch die Reise ist noch nicht vorbei, sie fahren weiter zum Hartmannswillerkopf, der Freiluftgedenkstätte des Ersten Weltkriegs in den Vogesen.

Bendix ist es auch, der die Freundinnen heimlich als ‚Witwen‘ bezeichnet, weil ihnen allen »eine zarte Schleppe aus Trauer und Abgelebten« anhängt. Die Gründe dafür sind nur bei Penny von Anfang an bekannt, ihr Vorname ist Programm: Genau wie ihre mythologische Namenspatin, der Ehefrau von Homer, trauert sie um ihren Ehemann, der zwar nicht tot, aber vor acht Jahren von einer Dienstreise in Asien nicht wiedergekommen ist. Der Verlust ihres Mannes und das Nichtwahrhabenwollen seines Verschwindens zeigt sich auch in ihrem Erscheinungsbild: seit er verschwand, hat sie sich nicht mehr die Haare schneiden lassen. Auch darüber hinaus lässt sich eine stark körperliche Bildlichkeit in »Die Witwen« erkennen, immer wieder werden beispielsweise die Füße der Frauen Analysen unterzogen,

Nicht nur als Witwen, auch als Amazonen und Grazien werden die Freundinnen bezeichnet – in gewisser Weise sind die vier Frauenfiguren, die Leupold in ihrem Roman entwirft, ein Konglomerat aus weiblichen Ikonen und Symbolen verschiedener Epochen, wie das Cover des Romans, eine Arbeit von Alexey Kondanov, illustriert.

Im zweiten Teil des Romans erzählen auch die anderen Frauen, was ihnen fehlt, was sie zu ‚Witwen‘ macht. Als ihr Auto auf dem Parkplatz am Hartmannswillerkopf nicht anspringen will, beginnen sie sich zu öffnen und über Erlebnisse zu berichten, die sie geprägt haben und von denen die anderen Frauen auch in den langen Jahren der Freundschaft nichts ahnten. Sie alle betrauern gescheiterte Beziehungen, ein nie geborenes Kind oder den zu früh verstorbenen Vater. »Wir alle sind hier ganz richtig. Hängen geblieben an diesem verrückten Ort, ein Massengrab von Lebensgeschichten.«

Als Friedhof von Lebensgeschichten ist nicht nur die Freiluftgedenkstätte des ersten Weltkriegs, sondern auch das beschauliche Städtchen Steinbronn zu sehen. ‚Erlebt‘ haben die Frauen in ihren Jahren dort wenig bis gar nichts, sie alle erzählen in ihren Geständnissen am Hartmannswillerkopf von der Zeit vor ihrem Umzug in die Provinz, von der Zeit in Berlin. Das Dorf wird zum Ort des Stillstandes, den die Frauen mit ihrem Umzug vor drei Jahrzehnten vielleicht bewusst suchten, um einen Neuanfang zu wagen, der in ihnen in der Mitte ihres Lebens eine Leerstelle lässt und den sie mit Moselwein zu füllen versuchen. Ihre frühen Versuche, die Gemeinschaft und das Leben in Steinbronn aktiv zu gestalten – sie versuchen eine Umbenennung für die zentrale, nach Hitler genannte Adolfstraße durchzusetzen – scheitern.
»Die Witwen« folgt hinsichtlich seiner Abwendung von der Metropole zugunsten des idyllischen Landlebens einem Trend, der sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beobachten lässt (man denke beispielsweise an Juli Zehs »Unterleuten«), bricht aber gleichzeitig mit ihm, da die Großstadtjahre der eigentliche Kern der Grundproblematik des Romans bleiben.

»Ihre Formulierungen wickeln noch das sperrigste ein wie in Geschenkpapier.«

Aus narratologischer Sicht  ist »Die Witwen« recht konventionell erzählt. Ein klassischer, überwiegend allwissender Erzähler berichtet von der Geschichte der Frauen. Die Sprache des Romans ist alles andere als konventionell, sie ist hoch poetisch, jeder Satz, ja, jedes Wort sitzt. Dies führt an einigen Stellen dazu, dass die Rede der Figuren oder ihre Gedanken aus der Zeit gefallen wirken könnten – trotzdem wirkt der Text nicht gestelzt. Der hohe Ton reflektiert in gewisser Weise vielmehr die Tradition der mythologischen und motivischen Verweise, die der Roman aufgreift.

Das Abenteuer, das der selbsternannte Abenteuerroman »Die Witwen« erzählt, ist keine Aneinanderreihung von außergewöhnlichen Ereignissen, auch die eigentliche Autoreise steht nicht im Fokus. Das eigentliche Abenteuer, so Dagmar Leupold im Interview in der SWR2-Sendung Lesezeichen, besteht darin, »dass die Figuren sich selbst erzählen und zu sich selbst finden, eine eigene Stimme entwickeln, anwesend sind.« Am Ende sind die Geschichten der Frauen, die programmatisch mit »Abschaffung«, »Verkennung«, »Dressur« und »Warten« überschrieben sind, leider nicht außergewöhnlich.
»Die Witwen« ist ein poetisch erzählter Roman, der seinen Platz auf der diesjährigen Longlist verdient hat. Ob es zum Sprung auf die Shortlist reicht, bleibt abzuwarten.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Betreiberin des Blogs Zeilensprünge


Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteuerroman. Jung und Jung, September 2016, 236 Seiten, 22 €.

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