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Sarah

Ein langes Jahr von Eva Schmidt

In diesem Roman begegnen wir den unterschiedlichsten Menschen. Wir werden mit Situationen konfrontiert, um auf der nächsten Seite direkt wieder einen Szenenwechsel zu erleben. Mit feinem Gespür sehen wir den Menschen dabei zu, wie und wo sie gerade in ihrem Leben stehen. Alle verbunden durch diese Stadt, die mal so weit und mal so klein erscheint und doch sind am Ende alle auf die ein oder andere Art und Weise alleine. Beobachtend, Abwartend. Die Faszination ist groß, so dass diese Schlaglichter einen richtiggehenden Sog entwickeln.

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Kleine, fein gesetzte Akzente, vermitteln dem/der Leser*in schnell ein Gefühl der Person. Hier wird in kunstvollen Strichen erzählt, gerade soviel, dass man einen Blick, eine Ahnung für die einzelnen Schicksale bekommt, gleichzeitig aber doch ein wenig im Ungewissen bleibt, sich seine eigene Version, seinen eigenen Reim auf die Geschehnisse machen kann. Das Personal dieses Romans schwirrt einem noch eine Weile im Kopf herum, es hat sich unauffällig im Verlaufe des Romanes in meine Gedanken eingeschlichen und will nicht mehr hinaus.

Eva Schmidt blättert in einem Katalog des Lebens, fächert ihn mit all seinen Facetten vor uns auf. Mit der Tragik, unfreiwilligen Komik, mit Freude und schwarzen Schattenseiten, die doch untrennbar zu den Höhen dazugehören. Ein kluges, unaufgeregtes Buch und innerhalb der Shortlist eine meiner liebsten Entdeckungen!

Besprechung von: Sarah Reul, Betreiberin des Blogs pinkfisch.net


Eva Schmidt: Ein langes Jahr. Jung & Jung Verlag, März 2016. 208 Seiten, 20,00€.

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Weshalb die Herren Seesterne tragen von Anna Weidenholzer

Der Roman lässt mich mit vielen Fragen zurück, ironischerweise, denn darum dreht es sich ja die ganze Zeit. Genauer gesagt um den Fragebogen zur Ermittlung des Bruttonationalglücks in Bhutan, den Karl Hellmann als Grundgerüst für sein Unterfangen auswählt. Aber genauso, wie Karl seinen Antworten in dem zufällig ausgewählten Dorf hinterherjagt, bleibt der Roman dem Leser Antworten schuldig. Vielleicht auch nicht, eventuell verstecken diese sich zwischen den Zeilen, stecken im Gebaren der Wirtin, die ihren plötzlich auftauchenden und seltsam anmutenden Gast nach anfänglicher Skepsis zu schätzen lernt. Stecken in den vielen Selbstgesprächen, die Karl in seinem Kopf mit seiner Frau Margit und sich selbst führt, oder auch im Dorf mit seinen, dem Unterfangen Hellmanns argwöhnisch gegenüberstehenden Bewohnern.

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Und Karl selbst muss sich soviel mehr Fragen stellen, als er es vorab geahnt hätte. Denn wenn einer auszieht, die anderen zu erforschen, muss er mitunter damit rechnen, dass diese den Spieß herumdrehen. Es ist ein sehr eigener Stil und auch die Grundidee des Textes sprach mich sofort an. Und doch ist die Idee dann für mich zuwenig gewesen, um es bis zum Ende durchzutragen. Zu verwunschen und paradoxerweise zu verkopft empfinde ich es beim Lesen.

Findet Karl Hellmann am Ende, was er gesucht hat? Ich vermag es nicht zu beurteilen.

Besprechung von: Sarah Reul, Betreiberin des Blogs pinkfisch


Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen. Matthes & Seitz, 2016. 190 Seiten, 20,00 €.

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Die Erziehung des Mannes von Michael Kumpfmüller

Eines hat der Roman geschafft, er hat mich beim Lesen sehr beschäftigt. Allerdings waren die Gefühle, die er in mir hervorrief, alle meist eher weniger positiv besetzt. Auf dem Innenklappentext ist die Rede von einem „empfindsamen Helden“ – was ich fand, war vorallem einer, der über lange Strecken das Leben über sich ergehen lässt. Es „passiert“ ihm einfach, er tut das, was erwartet wird oder was er für Erwartungen seiner Umwelt hält, ab und zu verfällt er in Aktionismus, dann wird er wieder so passiv, dass es schwer auszuhalten ist.

„Über dem weiten Platz lag die erste Morgensonne, und da ging sie nun, wie eine gekränkte Göttin. Ich war einigermaßen perplex, erschrocken über ihre Heftigkeit, zugleich erleichtert, als hätte ich mich in letzter Sekunde aus einer misslichen Lage befreit.“

Hin und wieder stolpere ich über feine Sätze, sehr plastische Schilderungen, die mich ein wenig versöhnlicher stimmen. Das Buch bricht in der Mitte, geht in einer Rückblende zurück in Georgs Familiengeschichte, versucht sich an Erklärungen, warum Georg, geprägt durch die Untreue seines Vaters und die schwierige Ehe seiner Eltern, selbst im (Ehe)-Leben nicht zurechtkommt und obwohl ich ahne, was der Autor dem Leser zu vermitteln versucht, komme ich unserem Helden nicht nahe, zu sehr unterscheiden sich unsere Lebensarten.

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Als ich mich für das Buch zu interessieren begann, empfand ich vor allem die Komponente eines Vaters von drei Kindern als interessant, eines Vaters, der sich engagiert und der seine Kinder liebt. Und doch – hier und da fehlt mir einfach zuviel innerhalb der Erzählung, um die Entwicklung der Familie und der Kinder nachvollziehen zu können. Da wirkt es unfertig, da wird angedeutet und nicht ausgeführt. Manche Ereignisse kündigen sich drohend an um dann im nächsten Kapitel sang und klanglos zu versickern. Erst zum Schluss hin beginnt Georg für mich ein wenig zu reflektieren und schafft es, ein wenig mehr Frieden mit sich zu schließen.

„Dachte ich genauer darüber nach, fiel mir allerdings auf, dass ich auch bei Fremden oder sogar bei Freunden immer auf dem Sprung war und beim geringsten Anlass losrannte und apportierte, um meine imaginären Schulden zu begleichen oder zu verhindern, dass welche entstanden.“

Kumpfmüllers Roman bleibt für mich eine schwierige Nummer, er zieht mich mit und lässt sich angenehm lesen, aber er begeistert mich nicht. Ich folge Georg, ich verstehe ihn mal mehr, sehr viel öfter eher weniger, aber es bleibt eine große Distanz zwischen uns bestehen.

Besprechung von: Sarah Reul, Betreiberin des Blogs pinkfisch


Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes. Kiepenheuer & Witsch, 2016. 320 Seiten, 19,99€. Weitere Rezensionen auf: Literaturleuchtet und Bertulat

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