Der Weg der Wünsche – Akos Doma

Akos Doma, der 1963 in Budapest geboren wurde, legt mit Der Weg der Wünsche einen hochaktuellen Roman vor: es geht um Flucht und darum, was es bedeutet, alles, was mal das eigene Leben gewesen ist, hinter sich zu lassen. Trotz des spannenden Themas konnte der Roman mich leider nicht wirklich packen.

1476099274221

In Der Weg der Wünsche wird die Geschichte der Familie Kallay erzählt: Teréz und ihr Mann Károly leben gemeinsam mit ihren Kindern Misi und Bori in einer kleinen Einzimmerwohnung in Ungarn. Wir befinden uns in den siebziger Jahren: die Familie hat keine Chance auf ein größeres Zuhause, da sie nicht im Sinne der Partei lebt. Während der Vater die Chance erhält ein Jahr lang in einem Institut in Deutschland zu arbeiten, wird Teréz entlassen und zur Strafe in ein kleines ungarisches Dorf versetzt. Nach der Rückkehr des Vaters wird der Zustand in dem Land, das ihr Leben lang ihr Heimatland gewesen ist, wird immer unerträglicher – besonders für Teréz. Und so reift bei Károly und Teréz der Entschluss zur Flucht, über Jugoslawien und Italien versuchen sie, nach Deutschland einzureisen.

Diese Flucht ist das Zentrum des Romans: unaufgeregt und nüchtern beschreibt Akos Doma die Auswirkungen der Flucht auf die Familie Kallay. Die Angst davor, an der Grenze entdeckt und zurückgeschickt zu werden. Die Angst vor dem, was dann geschehen könnte. Teréz und Károly erzählen ihren Kindern, dass sie Urlaub am Plattensee machen wollen – doch Misi und Bori durchschauen diese Lüge schnell. Trotzdem versuchen ihre Eltern so unbeschwert wie möglich zu sein – das Auto wird bepackt, als würde es in den Urlaub gehen. Ich kann mir solche Momente nur schwer vorstellen: wie muss es sich anfühlen, die Entscheidung darüber treffen zu müssen, was vom eigenen Leben eingepackt wird und was zurückgelassen werden muss?

Wer verlässt schon gern seine Heimat? Wir gingen, weil uns nichts anderes übrigblieb, nicht einfach so, aus Abenteuerlust oder um die große, weite Welt zu sehen, verstehen Sie, wir sind keine Glücksritter. Wir wollten nie weggehen, man liebt doch seine Heimat, man hat nur die eine.

Akos Doma, der selbst über Budapest, Italien und die Schweiz nach Deutschland geflüchtet ist, erzählt in Der Weg der Wünsche auch vom schrecklichen Stillstand, der die Flucht begleitet: im Auffanglager in Italien lebt die Familie unter schwierigen Bedingungen. Beide Eltern waren früher berufstätig, doch plötzlich haben sie keine Funktion mehr im Leben: die Tage vergehen zäh und langsam, die Weiterreise wird nicht genehmigt und das Warten ist unerträglich.

Ein kleines Büchlein, aber es wiegt hundert vermeintlich große auf. Manchmal, sehr selten, gelingt einem Künstler so etwas und auch dann meist nur ein Mal.

Als die Longlist bekannt gegeben wurde, gehörte Der Weg der Wünsche zu den Büchern, die ich sofort lesen wollte. Es war mir zuvor noch nie begegnet, hat mich aber gleich neugierig gemacht. Doch nach der Lektüre lässt es mich ein wenig ratlos zurück. Akos Doma erzählt eine Fluchtgeschichte, die heutzutage kaum aktueller und wichtiger sein könnte, als jemals zuvor, doch ein gutes Thema reicht nicht aus, um daraus gleichzeitig ein gutes Buch zu machen. Es gab nur wenige Stellen, an denen mich die Erzählung wirklich packen konnte: größtenteils war es mir zu zäh, zu nüchtern, zu steril. Genauso nüchtern habe ich auch die Sprache empfunden: was macht man mit einem Buch, das man zwar ganz gerne gelesen hat, in dem man aber kaum einen einzigen Satz markiert hat, der sich sprachlich abgehoben und eingebrannt hat? Das führt mich wieder zu der Frage, die ich mir in meinem Leserleben schon häufiger gestellt habe: was ist wichtiger, damit ein Roman für mich funktionieren kann – die Sprache oder der Inhalt? In Der Weg der Wünsche vermag der Inhalt mich zwar zu interessieren, doch darüber hinaus springt dieser viel beschworene Funke leider nicht über.

Es ist ein wenig schade! Dennoch wünsche ich diesem Roman möglichst viele Leser, schon alleine aus dem Grund, dass ich dann die Chance erhalte, über meine Schwierigkeiten und mein Unbehagen ins Gespräch zu kommen!

Besprechung von: Mara Giese, Betreiberin von Buzzaldrins Bücher

Akos Doma: Der Weg der Wünsche. Rowohlt, August 2016. 336 Seiten,  €19,95. Weitere Besprechungen auf: Literatur leuchtet und Masuko


Mayersche.svg

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply
    Marina Büttner
    16. Oktober 2016 at 19:17

    Liebe Mara, da haben wir ja Domas Buch ganz ähnlich empfunden. Meiner Auffassung nach fehlte tatsächlich ein gewisser Sprachzauber! Obwohl die Geschichte gut war, fehlte etwas Entscheidendes …

  • Reply
    jancak
    16. Oktober 2016 at 19:57

    Ja, das war kein experimentellen und auch kein sprachpoetisches Buch, sondern eine wahrscheinlich autobiografische Erzählung über die Flucht aus Ungarn.
    Ich habs ziemlich am Anfang gelesen und das Buch interessant gefunden, auch weil ich mich, da ich in den letzten Jahren öfter in Ungarn auf einem Badeurlaub war, für Literatur von oder über Ungarn interessierte.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/06/der-weg-der-wuensche/

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: