Hans Platzgumer: Am Rand

Gerold Ebner ist früh am Morgen aufgestanden, hat die Wohnung aufgeräumt, sich bereit gemacht für den Aufstieg auf den Berg. Dort sitzt er nun in der beginnenden Morgendämmerung, dick bekleidet, denn es ist Oktober, und beschreibt die 100 Blätter, die er mitgebracht hat, mit seiner Lebensgeschichte. Er sitzt am Rand des Gipfels und blickt – auch aus der Distanz, die sich durch den Blick von oben ergibt – auf sein Leben. Er will aufschreiben, wie es gekommen ist, dass er nun hier oben sitzt. Am Abend, wenn er die 100 Blätter mit seiner Lebensgeschichte (seiner Lebensbeichte?) gefüllt hat, will er den einen Schritt tun vom Rand in den Abgrund.

PlatzgumerGerold Ebner steht aber nicht erst heute am Rand, er steht schon seit seiner Geburt am Rand. Seine Mutter ist eine Prostituierte, die weggelaufen ist aus dem sehr patriarchal geführten elterlichen Haus, sexuelle Ausbeutung hat dort wahrscheinlich auch stattgefunden, in Glurns (Südtirol). Sie ist nach Bludenz (Vorarlberg) gelangt, arbeitet seit Gerolds Geburt im Kloster als Altenpflegerin, hat eine Wohnung in der Südtirolersiedlung bezogen. So wie ihr Land schwankend war in seiner Zugehörigkeit, mal österreich-ungarisch, im nächsten Moment italienisch, aber mit einer großen Sehnsucht, dass Hitler sie „Heim ins Reich“ hole, so unterstellte man auch den Südtirolerinnen Wankelmut: „Mal zu den Faschisten, mal zu den Nazis, mal zu den Widerstandskämpfern. Nicht deutsch und nicht nichtdeutsch, waren sie, mal hier, mal da.“ Und so wird Gerold gleich zweifach ausgegrenzt aus der Gemeinschaft in der Schule: als Sohn einer Prostituierten – dass die nun bei den Nonnen arbeitete, zählt nicht –  und als Südtiroler Junge, erkennbar an der Adresse und am Dialekt: „Überall wurde Ortsfremden zu verstehen gegeben, dass sie anders waren.“

Gerold findet zwei Freunde in der Siedlung, Guido und Peter, sie behaupten sich gegen die rivalisierenden anderen Jungengruppen, die Kinder der ausgewanderten Jugoslawen, die auch in der Südtirolersiedlung wohnen. Die drei gehen zum Karate-Unterricht, um sich nicht mehr verprügeln lassen zu müssen, sie lernen den Kampfschrei „Kiai“, die strengen Regeln und werden immer wieder an ihre „individuelle Nichtigkeit“ erinnert. Nachts klettern sie auf den abgesperrten Baustellen herum, suchen den besonderen Kick – oder die Grenzerfahrung – bei halsbrecherischen Kletterübungen auf Gerüsten und Kranen. Alle drei werden später, nach der Schule, selbst Bauarbeiter, Guido und Peter sterben durch Unfälle auf ihren Baustellen.

Der Tod ist überhaupt ein mächtiges Motiv in Gerolds Bericht. Schon früh lernt er ihn kennen und findet ihn faszinierend. Der ältere, alleinlebende Nachbar, Herr Gufler, wird nach einem Jahr tot in seiner Wohnung gefunden, mumifiziert fast, der Fernseher läuft noch immer. Gerold, kaum sieben Jahre alt, gelangt hinter seiner Mutter in die Wohnung und betrachtet den Toten genau. Die Mutter muss ihn „mit Gewalt aus der Guflergruft hinausschieben.“

Und dann taucht der Großvater wieder auf, besucht die Tochter, als ob nichts gewesen wäre und fordert den Respekt für sich, den er für angemessen hält, er, den die Kollegen im Bergbau „Monarch“ genannt haben.  Er arbeitet als Mineur im Berg- und Tunnelbau, kommt zunächst auch nur zu Besuch, aber als er wegen der Staublunge nicht mehr arbeiten kann, als er pflegbedürftig wird, da zieht er wie selbstverständlich zu seiner Tochter und in Gerolds Zimmer. So krank er auch ist, seine Tochter kann er immer noch gut herumkommandieren und sie setzt dem nichts entgegen.

Als Gerold einmal seine Mutter besuchen will, aber nur den Großvater antrifft, der schlafend und röchelnd in seinem Bett liegt, weiß Gerold genau, was zu tun ist: „Ich fühlte, wie dieser Moment mir ganz alleine gehörte. Der Alte war mir völlig ausgeliefert.“ Er drückt dem Großvater ein Handtuch auf das Gesicht, und drückt auch weiter zu, als der Großvater erwacht und sich zu wehren beginnt. Mit Genugtuung beobachtet er den Todeskampf des Großvaters: „Der Alte würde keine Chance haben, sich mir zu entreißen. Ich sah, wie die Todesangst seinen Körper durchraste, und spürte meine Kontrolle über ihn, meine Dominanz.“ Nach dem Tod räumt er auf, vernichtet alle Spuren, die darauf hinweisen könnten, dass der Großvater nicht eines natürlichen Todes gestorben sei. Der Mutter, die nie eingestehen würde, wie sehr sie erleichtert ist vom Tod des Vaters, fühlt Gerold sich eng verbunden durch das stille und stumme Einverständnis, das er aus ihrem Verhalten meint ablesen zu können. Und er meint, dass seine Schuld ihr gegenüber nun abgetragen sei.

Gerold wird noch einmal töten, wird eine Art Sterbehilfe ausführen für seinen Freund Guido, der nach einem grässlichen Unfall mit Säure auf der Baustelle nicht mehr leben möchte. Beide Taten nehmen wir ihm zunächst ab, verurteilen ihn nicht, verdammen ihn nicht. Denn wir haben ihn kennengelernt als durchaus empathischen, freundlichen und nachdenklichen Menschen. Und trotzdem bleibt zu fragen, ob Gerold seine Umgebung immer richtig zu deuten weiß. Gerade beim Tod des Großvaters bleiben die Motive – und auch die vermeintlich erkennbare spätere Erleichterung der Mutter – doch recht undeutlich, weil Gerold nie erzählt, wie der Großvater seiner Mutter nun zusetzt. Gerold scheint sich als Retter seiner Mutter aufgerufen zu fühlen, ob es diesen Wunsch der Mutter überhaupt gibt, ob dies nicht eine Fehlinterpretation ist, bleibt offen. Und auch die Tötung des Freundes, auch hier findet kaum eine Kommunikation statt, denn die Säure hat Guido ja den Rachen verätzt, bleibt vage, wird ganz aus Gerolds Sicht erzählt, der offensichtlich die Zeichen deutet, sie den Lesern aber nicht nahebringt.

So steht der Leser mit dem moralischen Dilemma alleine, denn er findet diesen zweifachen Mörder doch auch sympathisch, respektiert, auch wegen seiner schwierigen Biografie. Erklärungen gibt es selten. Das macht – zum einen – durchaus den Reiz der Geschichte aus, der Leser ist gefordert, muss selbst Fragen stellen, Argumente abwägen. Und in dieser Art ist Gerolds Beichte insgesamt angelegt: er erzählt, er reflektiert auch, aber er erklärt sich nicht, verteidigt sich nicht.

Und dann gibt es noch den Elena-Part der Geschichte. Gerold verliebt sich in Elena, die auch eine Einzelgängerin ist. Er meint, er habe sie genau im richtigen Moment kennengelernt, als sie sich für eine kurze Zeit der Welt geöffnet habe und ihn an sich herangelassen habe. Elena studiert und übersetzt dann von zu Hause. Die beiden scheinen sich fern zu halten von zu vielen Menschen, scheinen wenig soziale Kontakte zu pflegen, scheinen ganz zufrieden in ihren recht alltäglichen Leben zu sein. Zwar beschreibt Gerold Elena als einen Menschen, dem die Gewöhnung zuwider ist – ein Grund, warum sie nicht heiraten -, viele ungewöhnliche Ereignisse aus ihrem Leben berichtet er nicht. Trotzdem scheint Elena die treibende Kraft in der Beziehung zu sein. Denn als sie sich ein Kind wünscht, da akzeptiert Gerold den Wunsch. Und hofft nur heimlich, dass Elena möglichst nicht so schnell schwanger werde, damit er noch lange Zeit alleine mit ihr sein kann. Tatsächlich klappt es nicht mit einer Schwangerschaft, und als dann in einem Motel in Frankreich nachts ein kleines Mädchen weinend auf der Treppe sitzt, da ist Elenas Plan schnell gefasst.

Und so ist – zum anderen – die Erzählkonstruktion insgesamt nicht überzeugend. Zu viele Aspekte aus Gerolds Leben bleiben im Dunkeln: Wie es zu der Entscheidung kam, Bauarbeiter zu werden, beispielsweise, warum er nicht andere Wege eingeschlagen hat. Ob ihm andere Wege durch gesellschaftliche Ausgrenzung versagt blieben oder ob er es selbst gewesen ist, der so entscheiden hat?  Es ist schon befremdlich, Gerolds Lebensgeschichte zu lesen, seiner Geschichte mit den – durchaus kunstvollen – Vor- und Rückblenden zu folgen, immer wieder zur Rahmenerzählung auf dem Berg zurückzukommen, einer Geschichte also, die durchaus ihren dramaturgischen Reiz hat, und dabei einen Bauarbeiter vor Augen zu haben, der bisher noch gar nichts zu Ende geschrieben hat, nicht eine kürzere Erzählung.

Und wenn schon nicht die zwei Tötungen befremdlich sind, dann doch die Geschichte um das gefundene Kind, das Gerold und Elena kurzerhand entführen und als eigenes annehmen. Kann wirklich eine problematische Kindheit erklären, dass da einer immer wieder selbst Dinge entscheidet, die nach den Konventionen unserer Gesellschaft aus gutem Grund an anderer Stelle entscheiden werden sollten? Kann es wirklich sein, dass nie andere Lösungsverfahren gesucht werden, als die, die Gerold anwendet oder zu denen er sich überreden lässt? Kann jemand so naiv sein, zu meinen, mit dem Findelkind nun unbeschwert Familie spielen zu können? Kann das alles als Folge der gesellschaftlichen Ausgrenzung oder der Karate-Doktrin von der „individuellen Nichtigkeit“ erklärbar gemacht werden?

Auch wenn die Themen des Romans, nämlich Liebe, Freundschaft und Tod, aus verschiedenen Perspektiven umkreist werden, so ist Gerolds Geschichte insgesamt doch zu deutlich konstruiert, als dass der Leser sich in sein Leben einfinden und einfühlen kann. So ist es schon eine Überraschung, diesen Titel auf der Longlist zu finden und es ist nachvollziehbar, dass er nicht auch für die Shortlist nominiert wurde.

Hans Platzgumer (2016): Am Rand, Wien, Paul Zsolnay Verlag

Besprechung von: Claudia Pütz, Betreiberin von Das graue Sofa

 

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1 Comment

  • Reply
    jancak
    15. Oktober 2016 at 15:11

    Ist auch meine Meinung, daß das ein sehr konstruiertes Buch über das Sterben, wie der Autor in der „Alten Schmiede“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/02/09/hans-platzgumer-neu-entdeckt/ sagte, ist.
    Mir ist auch nicht klar geworden, warum er den Großvater unbedingt ermorden mußte, nur weil der spukte und sehr viel redete?
    Und ganz besonders negativ beeindruckt hat mich die Metapher von dem Stapel der erfolglos gebliebenen Bücher von der der erfolglose Schriftsteller in die Schlinge springt.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/08/31/am-rand/

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