Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis

Widerfahrnis – das ist das, was jemand erfährt oder erlebt, das, was jemandem zustößt, was ihm begegnet, was über ihn hereinbricht. Julius Reither stößt so einiges zu in diesen paar Tagen im April und er lässt auch zu, was ihm widerfährt, lässt sich mitreißen und erlebt Dinge, mit denen er eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ganz spontan und ohne großen Plan reist er in den Süden, reist vom späten Winter in Bayern mit Schnee und Eis in den frühen Sommer Italiens, mit Sonne und Wärme, dem besonderen Licht des Südens und den Blick auf das Meer. Je mehr dabei die Sonne scheint und er die Wärme und das Licht genießt, umso mehr scheinen auch seine eingefrorenen Gefühle aufzutauen. Und neben dem Gefühlsabenteuer gibt es auch noch das ein oder andere Abenteuer zu bestehen bei diesem Road-Trip, denn immerhin geht die Reise ja genau dorthin, wo die Flüchtlinge landen, die aus Afrika über das Mittelmeer kommen.

KirchhoffFast könnte man tatsächlich meinen, dass Reither so ziemlich mit allem in seinem Leben abgeschlossen hat: seinen Kleinstverlag samt Miniaturbuchhandlung hat er liquidiert, hat sich aus Frankfurt zurückgezogen in ein kleines Appartement im Weissachtal, ganz im Süden Bayerns, kurz vor der Grenze zu Österreich. Hat im letzten Jahr zum letzten Mal eine Reise nach Italien unternommen und nun sein Auto verkauft, nicht, weil es ihm nicht mehr gefallen hätte dort, vielmehr, weil „ja alles Schöne irgendwann zum letzten Mal (geschieht) (…) Und besser, man bestimmt diesen Zeitpunkt selbst.“ An diesem Abend, als ihm das erste unerwartete Ereignis zustößt, öffnet er die letzte Flasche des Weines, den er im letzten Jahr gekauft hat in Apulien.

Und genau an diesem Abend klopft, nach langem Überlegen, Leonie Palm an seine Apartmenttür. Er ist ein bisschen knurrig, will sie loswerden, doch Leonie lässt sich so schnell nicht beirren. Bald rauchen sie zusammen eine Zigarette, bald trinken sie ein Glas Wein aus der letzten Flasche des Vorrates, bald dreht sich das Gespräch um weit persönlichere Themen als den Lesezirkel, zu dem Leonie ihn doch einladen wollte.

Sie reden über ein Buch nämlich, dass Reither am Nachmittag aus der Hausbibliothek mitgenommen hat, ein Buch, das zwar einen Autorinnennamen trägt, aber keinen Titel und das, das sieht Reither sofort, im Selbstverlag erschienen ist. Leonie Palm sieht es auf dem Tisch liegen, hat schon gesehen, dass er es nachmittags mitgenommen hat, und beginnt nun draus vorzulesen. Sie liest von einer jungen Frau, die sich eines Abends, aus Liebeskummer wohl und stark alkoholisiert, an einen Waldsee legt – und erfriert. Und sie liest von der Mutter, die am Tag nach der Beerdigung sich an dieselbe Stelle des Sees legt, um nachzuempfinden, was die letzten Eindrücke der Tochter gewesen sind.

Und über Reither sprechen sie, über seine verflossene Liebe Christine, die ihn verlassen hat vor vielen Jahren, ausgerechnet bei einem Italienurlaub. Reither erzählt auch unumwunden den Grund des Sitzenlassens. Christine nämlich war schwanger und beide waren sich sicher, dass Kind nicht bekommen zu wollen, sie entschieden sich „mit zwei zu null Stimmen, das Kind konnte ja nicht mitentscheiden.“ Aber Christine ging, „Hals über Kopf“, erzählt Reither. „Sie fand es ungeheuerlich, dass wir beide das werdende Leben in ihrem Bauch einfach überstimmt haben.“

Zwei über 60-Jährige treffen sich hier also, mit der einen und anderen Schramme auf der Seele. Leonie Palm ist die aktivere, sie schlägt im Laufe des Abends vor, doch eine Spritztour zu unternehmen und den Sonnenaufgang am Achensee zu betrachten. Und boxt ihn dabei, mit der Faust auf die Brust. Am Achensee sind sie mitten in der Nacht, für den Sonnenaufgang, müssten sie viel zu lang im Auto sitzen und warten, bei Schnee und Eis draußen, und so ergibt es sich, ganz natürlich quasi, dass sie weiterfahren, über den Brenner nach Verona und dann immer weiter in den Süden nach Sizilien. Das Licht wird heller, die Temperatur steigt, die Gespräche umkreisen die Erlebnisse des Lebens, die Gedanken und Reflektionen Reithers in den Zeiten des schweigenden Fahrens kreisen auch darum.

Und diese Reflektionen verraten Reithers Lebensthema. Er ist Lektor, streicht – auch heute noch – jedes Wort aus seinen Gedanken, Überlegungen, Sprechakten, das nur im Entferntesten etwas zu tun haben könnte mit Gefühlen. Leonie Palms Buch so erklärt er, hätte er ihr sofort zurückgeschickt, einen freundlichen Dreizeiler dazu geschrieben, erklärt, das Thema passe nicht ins Programm des Verlags. Das Lieben selbst hat er sich versagt, hat die Liebe höchstens in der Literatur zugelassen, hat aber alle Wörter aus den Texten eliminiert, die „weich“, „faulig“, und „süß“ waren, bis nur noch Sätze übrigwaren „wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches.“

Wer so durchs Leben geht, wer schon die – eigene – Sprache lektoriert und korrigiert, wer das Leben und das Lieben so kontrolliert, wer sich selbst ständig beobachtet, seine Erlebnisse nur wahrnimmt, als seien sie aus zweiter Hand – hier erinnert Reither als Frischs Walter Faber, der sich das Leben mit der Kamera vom Leib hält -, der wird auch das kleine Glück, dass ihm auf einmal auf Sizilien wiederfährt, nicht lange erhalten können – und vielleicht liegt es auch gar nicht nur an ihm selbst, dass das so ist, denn Leonie Palms Schrammen und Verletzungen befeuern die Paar-Dynamik auch noch.

So wird sein Road-Trip nach Sizilien zu einer Geschichte, und das erzählt schon der erste Satz der Novelle, die ihm „noch immer das Herz zerreißt“. Hier deutet sich, ganz am Anfang schon und leicht zu überlesen, eine Veränderung an, eine Entwicklung. Die mag mit dem Trip nach Sizilien zu tun haben, mit dem Licht und der Wärme, beides ja geeignet, die inneren Vereisungen zu überwinden. Sie mag zu tun haben mit den Gesprächen mit Leonie, mit seinen Lebensbetrachtungen, mit dem Erlebnis des Lebens als Familie, das widerfährt ihnen nämlich, zumindest für einen Tag. Sie mag aber auch damit zu tun haben, dass er, als er Leonie verliert, Flüchtlinge trifft aus Afrika, die den beschwerlichen und gefährlichen Weg über das Mittelmeer geschafft haben und ihm nun helfen, ohne Fragen zu stellen, einfach, weil er Hilfe braucht. In dieser Familie, Vater, Mutter und ein Säugling, eine heilige Familie fasst, sieht er, wie es auch sein kann, wenn Menschen sich auf einander verlassen und vertrauen und sich gemeinsam auf solch einen Weg machen, der auch mit dem Tod enden kann. Wieder ein Widerfahrnis.

Bodo Kirchhoff hat eine ganz überzeugende Novelle geschrieben, einen Text, der völlig zu Recht auf der Shortlist zum Buchpreis steht und dem durchaus noch mehr zuzutrauen ist. Diese Novelle ist eine der Bücher in dieser insgesamt schwachen Longlist, die heraussticht durch eine unaufgeregte Geschichte, einer Handlung, die nicht konstruiert erscheint, mit einer Sprache, die genau zu dem Protagonisten Reither, dem Lektor, passt, und einer Reihe von Motiven, die immer wieder aufgegriffen werden, die wie rote Fäden die Sizilien-Reise begleiten. Und auch der Blick auf die aktuelle Situation, auf die Flüchtlinge, die sich den beiden Reisenden entgegen nach Norden bewegen, ist kein bisschen aufgesetzt, sondern zeigt das, was Italienreisende all überall an den Autobahnen und Bahnhöfen beobachten können.

Kirchoffs Novelle ist, und ich habe große Kritik an den vielen Titeln auf der Longlist geübt, die sich damit beschäftigten, auch eine Sinnsuche. Noch dazu der Sinnsuche zweier älterer Menschen, die noch einmal schauen, ob sie nicht doch möglich sind, das Glück und die Liebe. Das empfinden Leser manchmal ja durchaus als Zumutung. Diese Sinnsuche aber ist literarisch überzeugend erzählt, es ist eine Suche, die zeitlos ist, es ist eine Geschichte, die wohl auch noch in zehn Jahren aktuell und zeitgemäß ist, wenn man „Widerfahrnis“ wieder zur Hand nimmt und Leonie Palm Julius Reither die Faust auf die Brust drückt.

Reither fragt auch, welchen Titel sie sich für ihr – namenloses – Buch vorstellen könnte. Leonie Palm überlegt, dann aber ist klar: „Widerfahrnis“ würde sie es nun nennen.

Bodo Kirchhoff (2016). Widerfahrnis, Frankfurt am Main, Frankfurter Verlagsgesellschaft

Besprechung von: Claudia Pütz, Betreiberin von Das graue Sofa

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4 Comments

  • Reply
    jancak
    11. Oktober 2016 at 21:51

    Das war eines meiner ersten deutschen Longlistbücher https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/09/widerfahrnis/ die ich gelesen habe und die Eindrücke haben sich, obwohl ich es oft zitiert habe, inzwischen auch schon sehr verwischt.
    Ich habe es glaube ich sehr konstruiert und aufgesetzt gefunden, aber beeindruckend war die Stelle, wo die zwei das Mädchen in ein Restaurant einladen, der Wirt serviert die Sardinen und holt dann die Polizei, das war sehr dicht und sehr bedrängend, bin gespannt ob das Buch den Buchpreis bekommt?
    Aber wahrscheinlich wird es doch der „Melle“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/13/die-welt-im-ruecken/, meine Favoritin wäre inzwischen Katja Lange-Müller, die das Thema ja genau umgekehrt behandelt. https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/10/drehtuer/
    Eine Frau, die jahrelang geholfen hat, kommt unfreiwillig zurück in das schöne Europa und wird nicht mehr gebraucht!

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    Deutscher Buchpreis 2016 - Die Shortlist: Ein Überblick
    13. Oktober 2016 at 19:59

    […] Buchpreisblog/Zeichen & Zeiten […]

  • Reply
    Der Deutsche Buchpreis 2016 für Bodo Kirchhoff: “Widerfahrnis” - Die Buchbloggerin | Bücher, Lesetipps, Romane, Literatur
    18. Oktober 2016 at 15:03

    […] wurde “Widerfahrnis” bereits von: Masuko 13, literaturleuchtet, Buchpreisblog/Das graue Sofa, Sounds & Books,  Buchrevier, Zwischen den Seiten, […]

  • Reply
    Wir wünschen euch eine tolle Buchmessewoche! – The Read Pack
    18. Oktober 2016 at 18:17

    […] erhielt Bob Dylan (für mich) völlig überraschend den Literaturnobelpreis. Gestern wurde der Deutsche Buchpreis 2016 an Bodo Kirchhoffs “Widerfahrnis” vergeben, sein Buch ist damit der Roman des Jahres.  Morgen startet nun endlich die Frankfurter […]

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