Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – Joachim Meyerhoff

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist der letzte Teil einer Trilogie, doch man muss sich nicht sorgen: das Buch lässt sich auch für sich alleine stehend wunderbar lesen und verstehen. Für mich ist das Buch die große Überraschung dieser doch etwas sperrigen Longlist und mein kleiner persönlicher Gewinner.

1475500951719 (1)

Mit zwanzig wurde ich zu meiner großen Überraschung in München auf einer Schauspielschule angenommen und zog, da ich kein Zimmer fand, bei meinen Großeltern ein. Diese beiden Welten hätten nicht unterschiedlicher sein können. Davon will ich erzählen: von meinen über alles geliebten Großeltern, gemeinsam gefangen in ihrem wunderschönen Haus, und davon, wie es ist, wenn einem gesagt wird: „Du musst lernen, mit den Brustwarzen zu lächeln.

Joachim Meyerhoff – der nicht nur Bücher schreibt, sondern auch als Schauspieler und Regisseur arbeitet – hat mit Alle Toten fliegen hoch einen mehrere Jahre umfassenden und stark autobiographischen Romanzyklus vorgelegt. In Amerika erzählt von seinem Auslandsjahr in den USA und den Unfalltod seines Bruders, in Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war schreibt er über den Tod seines Vaters und seine Kindheit, die er auf dem Gelände der Schleswiger Psychiatrie verbracht hat. In Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – dem Abschlussband des Zyklus – wendet sich Meyerhoff nun seiner Zeit auf der Schauspielschule sowie dem Tod seiner Großeltern zu. Diese Großeltern sind übrigens nicht ganz unbekannt: Inge Birkmann hat selbst als Schauspielerin gearbeitet, ihr Mann Hermann Krings war als Philosophieprofessor tätig.

Als Joachim Meyerhoff mit zwanzig Jahren eigentlich ins Schwesternwohnheim ziehen möchte, um dort seinen Zivildienst abzuleisten, erhält er überraschend eine Einladung zur Schauspielschule in München. Da er auf die Schnelle keine Bleibe findet, ist er dazu gezwungen, bei seinen Großeltern einzuziehen, die gut betucht in einer Münchner Villengegend leben. Die herrlich charmanten und teils verrückten Abläufe im Hause seiner Großeltern beschreibt Meyerhoff mit einer wunderbaren Beobachtungsgabe. Angefangen vom Tagesablauf, der in Getränke unterteilt ist, die im Laufe des Tages zu sich genommen werden – vom morgendlichen Champagner, über den mittäglichen Weißwein bis hin zum abendlichen Whiskey – bis hin zu einschläfernden Diaabenden und der Gymnastiksimulation seines Großvaters.

Meine Großmutter war Schauspielerin, hatte aber das Theaterspielen schon Mitte der Sechzigerjahre aufgegeben. Zu abgeschmackt sei alles geworden. Dieses Wort benutzte sie gerne, wenn sie über das heutige Theater sprach: abgeschmackt. Dabei hatte sie sich seit Jahren schon nichts mehr angesehen.

Ebenso amüsant schreibt Joachim Meyerhoff über seine Ausbildung an der Schauspielschule, in der er eine harte Schule durchläuft: ob in der Sprecherziehung, im Gesangsunterricht oder mit einem Gummipenis auf der Bühne, Joachim Meyerhoff stößt immer wieder brutal und schmerzhaft an seine eigenen Grenzen. Im Nachhinein ist es manchmal fast erstaunlich, dass aus ihm tatsächlich ein erfolgreicher Burgschauspieler geworden ist – so sehr hat er in seinem Ausbildungsjahrgang zu kämpfen, mit sich selbst und seinen Lehrern.

Doch neben der Komik, die die Situationen im Hause der Großeltern und auf der Theaterbühne prägt, gibt es auch viele Stellen, an denen Ernst und Traurigkeit vorherrschen. Joachim Meyerhoff fühlt sich vom Tod umstellt: dieser hat ihm nicht nur den mittleren Bruder genommen, sondern auch den Vater, seine beiden Großeltern und den geliebten Hund.

Der Unfalltod meines Bruders hatte mich während eines einjährigen USA-Aufenthalts ereilt. Wie eine Guillotine war er in meine heile Welt gefallen, hatte das Davor und das Danach in zwei Teile zerhackt, zwei Teile, die nicht mehr im Entferntesten zusammenpassen wollten. 

Über den Tod der Großeltern schreibt er mit großer Warmherzigkeit und viel Humor. Der Großvater, der sein Leben lang die Tage durchgetaktet hatte und sich keinen Müßiggang erlaubte, nimmt sich auf den letzten Metern plötzlich besonders viel Zeit. Kurz nach seinem Tod baut auch die Großmutter immer schneller ab, bis auch sie gestorben ist. Diesem Tod, der so traurig und beängstigend sein kann, nähert sich Joachim Meyerhoff mit viel Humor und Komik. Eine irgendwie heilsame Perspektive, aus der ich für mich viel mitgenommen habe.

Am Anfang meiner Besprechung hatte ich von einem autobiographischen Romanzyklus geschrieben: der Tendenz, die eigene Autobiographie zu fiktionalisieren, begegnete man zuletzt immer häufiger in der Literatur. Im Falle von Joachim Meyerhoff ist sicherlich eine gehörige Portion der eigenen Biographie in dieses Buch eingeflossen, doch gleichzeitig nimmt er sich das Recht heraus, daran Änderungen und kleine Abweichungen vorzunehmen. Es ist wichtig, sich zwischendurch immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass man hier einen Roman in den Händen hält und keine Autobiographie.

Vielleicht ist ja das ganze Leben so, dachte ich: Man hinterlässt eine Spur. Dann überholt einen die eigene Spur. Und von da an verfolgt man sich selbst, versucht immer genau in dieser Spur zu bleiben, weil man sicher ist, das sei für einen der richtige, der einzig sichere Weg.

Bevor ich zum Fazit meiner Besprechung komme noch ein kleiner Hinweis am Rande: der Titel des Romans – den ich als sehr passend empfinde – entstammt einem Goethezitat und heißt in voller Länge: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle.“ 

Doch wie hat mir der Abschluss dieses Romanzyklus denn nun eigentlich gefallen? Für mich ist Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke großes Literaturkino: voller Komik, wunderbarer Unterhaltung und stillen Momenten, die dazu einladen, über das eigene Leben und die unvermeidbare Vergänglichkeit nachzudenken. Hin und wieder habe ich Rezensionen gelesen, die dieses Buch als seichte oder auch leichte Lektüre einstufen – das sehe ich anders! Hier findet sich das pralle Leben zwischen zwei Buchdeckeln. Ganz groß und großartig zu lesen. Auch wenn es dieser Roman nicht auf die Shortlist geschafft hat und somit kein Buchpreisträger mehr werden kann, wünsche ich ihm doch so viele Leser wie nur möglich. Ich werde nun auf jeden Fall die ersten beiden Bände auch noch lesen und freue mich schon jetzt auf beste literarische Unterhaltung.

Besprechung von: Mara Giese, Betreiberin von Buzzaldrins Bücher


Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Kiepenheuer & Witsch Verlag, November 2015. 352 Seiten, 21,99€.

Mayersche.svg

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply
    jancak
    6. Oktober 2016 at 17:47

    Mit diesem Buch hatte ich, ich habe es schon geschrieben, meine Schwierigkeiten und mich auch ein bißchen gewundert, daß es auf der Longlist stand, es ist ja auch schon, natürlich noch rechtzeitig, im letzten Herbst erschienen, also hatte ich es schon vergessen und dann habe ich es ja nicht so mit der Komik und habe mich die ganze Zeit gefragt, warum stellt er sich so schlecht dar, warum macht er eine Schauspielausbildung, wenn er es eigentlich nicht will, warum ist er ein so berühmter Schauspieler, wenn er sich doch, als ein solcher Tolpatsch darstellt und warum auch hat er mit einem Stück, mit dem ich übrigens auch meine Schwierigkeiten hatte, das mit dem Bücherklau, beim „Bachmannpreis“ gelesen, den „Bremer-Literaturpreis bekommen“ und ist mit seinen Büchern zweimal auf der Longlist gestanden, wenn er doch eine relativ einfache Sprache hat, mit der er sich von den anderen, dreizehneinhalb bis jetzt gelesenen Büchern deutlich abhebt?
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/02/ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke/

  • Reply
    Peter Peters
    7. Oktober 2016 at 18:35

    „Wann wird es wieder so, wie es nie war“, der zweite Teil der Trilogie ist ebenfalls ganz großes literarisches Kino. In der Absicht, diesen Roman auch zu lesen, kann ich dich nur uneingeschränkt bestätigen.
    Viele Grüße!

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: