Gerhard Falkner „Apollokalypse“

Sich mit nicht-menschlichen Erscheinungen zu unterhalten, ist (noch) kein Beweis für geistige Umnachtung. Wenn ich mit Pflanzen und meinem Auto rede, kann ich sicherlich auch mit einem Buch reden, dachte ich und tat es: im Kopf. Der Gesprächspartner dieses fiktiven Dialogs ist der Roman „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 steht und mich hin- und hergerissen hat; wohl auch deshalb spreche ich – die Leserin – mit ihm.

Roman: Was’n los? Machst Du Schluss mit mir?

Leserin: Vorerst ja. Ich brauch‘ etwas mehr Zeit, eine Auszeit, ein anderes Leben, andere Bücher.

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Roman: Und dabei hat es doch so gut mit uns begonnen. Wir waren sogar zusammen im Bett. Du hast meine Seiten zärtlich mit Bleistift beschrieben und mich mit diesen niedlichen grünen Fähnchen markiert, passend zu meinem Cover.

Leserin: Ja. Zugegeben. Ich war zuerst hin und weg von Dir, obwohl Du das typisch männliche Macho-Gehabe an den Tag gelegt hast, Deine Kraft in langen ausufernden Sätzen, verrückten Vergleichen und Bildern, rundum ungewöhnlichen Formulierungen zeigen wolltest. Doch dann entstand ein breiter Erzähl-Fluss, trotz der Zeitensprünge und Perspektiv-Wechsel; ich las Dich gern. Deine Berlin-Szenen sind großartig. Wie Du diese Zerrissenheit und die Verwerfungen der Metropole, die Zeit vor und nach der Wende beschreibst, zwischen Ruinen und Moderne und die Mauer mittendrin – wunderbar!

Roman: Und mein Held, der coole Georg Autenrieth, hat Dir sicherlich auch gefallen, oder?

Leserin: Er ist ein sehr zersauster, überdrehter, undurchsichtiger und unruhiger Mensch, der mal hier mal dort ist, aus Nürnberg stammend, in der Weltgeschichte herumreist, nach Berlin kommt, um dubiosen Geschäften nachzugehen. Ich wurde nicht so recht warm mit ihm. Ich fand ihn trotz seines umtriebigen Handelns eher blass, auch seine Freunde traute ich nicht über den Weg. Der eine, Büttner, war in der Psychiatrie und hat ja kein gutes Ende genommen. Das Beziehungs-Aus zwischen Georg und Isabel, der einstigen Flamme Büttners, hat mir allerdings schon etwas leid getan.

Roman: Aber warum dann gleich das Ende mit uns?

Leserin: Auf Seite 239 war einfach die Leselust weg, die Luft raus. Ich las nur noch „Vagina“ und „Klitoris“. Die regelmäßig ausufernden Sex-Szenen haben mich genervt. Und für „ficken“ gibt es sicherlich auch Synonyme. Die Frauen haben keine Eigenschaften oder besondere Fähigkeiten, sie sind meistens nur gut fürs … Du weißt schon!

Roman: Aber mein Schöpfer ist ein bekannter und erfolgreicher Lyriker. Für mich, seinen ersten Roman, hat er gute Kritiken erhalten.

Leserin: Wohl wahr. Das möchte ich ja auch nicht in Abrede stellen, aber mir muss nicht gefallen, was andere mögen.

Roman: Du bist doch die Bloggerin, die oft ein Lieblingszitat an den Beginn eines Beitrags stellt. Wurdest Du bei mir fündig?

Leserin: Ich habe einige schöne Passagen gefunden; wie diese hier: „Heute, wo jeder verrückt ist, ist es gar nicht so einfach, zu einem ganz normalen Menschen durchzudrehen.“

Roman: Konnte ich Dir denn wenigstens etwas sagen?

Leserin: Ich glaube, Du bist ein Roman über die Suche nach Identität in Zeiten der Unsicherheit, der Schnelllebigkeit. Alles verändert sich und man will einen Platz finden. Die Strategie der Abwesenheit in der Anwesenheit von Autenrieth fand ich faszinierend.

Roman: Und was passiert nun mit uns? Bekomme ich noch eine zweite Chance.

Leserin: Vielleicht; ab und an beginne ich ein Buch ein zweites Mal und lese Dich dann wirklich zu Ende. Aber vielleicht finde ich noch einen Mann – denn Du bist eher ein Männerbuch -, der Dich lesen will – you’ll never walk alone!

Besprechung von: Constanze Matthes, Betreiberin des Blogs „Zeichen & Zeiten“


Gerhard Falkner: „Apollokalypse“, Berlin Verlag; 432 Seiten, 22 Seiten

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4 Comments

  • Reply
    Claudia
    28. September 2016 at 21:39

    Liebe Constanze,
    hihihi, lass Dich nicht erwischen beim Plaudern mit einem Buch. Im Moment geht es schnell mit den vernichtenden öffentlichen Diagnosen… – Aber ehrlich: Mir gefällt Dein Gespräch mit dem Buch sehr gut. Es ist eine tolle Form, die Schwierigkeiten mit dem Roman zu verdeutlichen, natürlich auch das, was Du gut leiden konntest. Und die Kritik bleibt in einer ganz verbindlichen, höflichen und zugewandten Form, wird nie respektlos – oder gar persönlich, und wird doch ganz deutlich. So kann sie also auch sein, die Buchkritik.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      Constanze
      29. September 2016 at 21:32

      Vielen Dank, Claudia, für Deinen Kommentar und das Lob. Ich bin nun sehr erleichtert, dass diese Form recht gut angenommen wurde; zu Beginn hatte ich so meine Zweifel. Mir liegt es immer auf dem Herzen, nicht über ein Buch und den Autor herzuziehen, sondern immer auch Respekt zu wahren und Kritik zu begründen und diese nicht einfach in einen luftleeren Raum zu stellen. Viele Grüße

  • Reply
    jancak
    1. Oktober 2016 at 13:34

    Ganz ehrlich, bis Seite zweihundertfünfzig hätte ich das auch gedacht und das Buch ziemlich weit nach unten von den zwölf, die ich bis jetzt gelesen habe, gereiht, denn was soll denn das, da hüpft einer mit einer sehr derben männlichen Sprache und dem üblichen männlichen Machogehabe durch das Buch, wechselt die Themen und die Perspektiven und man kennt sich nicht aus?
    Zum Glück breche ich aber Bücher nicht ab, lese weiter und irgendwann, da war ich schon bei Seite dreihundert habe ich gedacht, das ist ja dieselbe Thematik, wie, die des Vorjahrspreisträgers Frank Witzel https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/11/13/die-erfindung-der-roten-armee-fraktion-durch-einen-manisch-depressiven-teenanger-im-sommer-1969/ und auch auf eine sehr unkonventionelle Art und Weise erzählt und kam dann schon der Gedanke, ob dieses Buch nicht vielleicht besser, als das anderes ist?
    Nun, das ist entschieden, Gerhard Falkner ist nicht auf die Shortlist gekommen, sein enormes Wissen über die Psychiatrie und auch seine offensichtliche Gabe, sich selbst und wahrscheinlich auch seine Leser auf die Schaufel zu nehmen, haben mich aber sehr beeindruckt und das beste ist, er nimmt seine Kritiken, auf Seite 293 beispielsweise, selbst vorweg!
    Ob ich es auf meine eigene Shortlist nehme, weiß ich bis jetzt noch nicht, ich habe aber wieder einmal erfahren, daß es sehr gut ist, ein Buch zu Ende zu lesen, denn auf manches kommt man erst später darauf, liebe Grüße aus Wien!

    • Reply
      Constanze
      3. Oktober 2016 at 10:23

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Ausführungen. Ich habe sehr viel Respekt vor jenen Lesern, die ein Buch durchhalten, auch wenn es ihnen zu Beginn nicht gefällt. Ich selbst bin allerdings an einen Punkt gekommen, wo ich mich entschieden habe, das Buch zur Seite zu legen. Ich habe durchgehalten, weil es teils sehr interessant geschrieben war, aber letztlich konnte es mich nicht überzeugen und wohl auch dann nicht, wenn ich es zu Ende gelesen hätte. Ich habe mich stellenweise recht unwohl gefüllt und ich bezweifele, dass eine zweite bessere Hälfte des Buches meinen bishrigen Eindruck und mein Gefühl aufgewogen hätte. Viele Grüße

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