Michelle Steinbeck: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«

»Es ist grauenhaft, dieses Buch. Es ist entsetzlich, es ist ein Albtraum, es zu lesen. Es ist unehrlich, verlogen, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.« Elke Heidenreich hat mit ihrem vernichtenden Urteil über Michelle Steinbecks Debüt »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« im SRF Literaturclub eine Debatte im Feuilleton ausgelöst, die sich nicht um den Roman, sondern um ihre eigene Person dreht. Dass Heidenreichs Aussagen nichts mit Literaturkritik zutun hatten, wurde bereits von Jürg Altwegg in der FAZ und Guido Kalberer im Tages-Anzeiger erläutert und Heidenreichs Auftreten als bloßer Versuch, Quote zu machen, entlarvt. Zeit, den Roman selbst unter die Lupe zu nehmen.

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In Steinbecks Debüt kehrt die Ich-Erzählerin Loribeth an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie beginnt an der Schreibmaschine ihres Vaters zu schreiben, es kommt aber nur ein einziger Satz zustande: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch«. Sie bekommt Hunger, streift durchs Haus und erschlägt im Affekt mit einem Bügeleisen ein Kind mit blinkenden Schuhen. Das Kind, scheinbar tot, wird kurzerhand in einen Lederkoffer gepackt. Loribeth geht mit ihm zu einem Friedhof, wo sie die Leiche des Kindes bestatten möchte, aber auf eine alte, Karten legende Frau mit blauen Haaren und einem Schoßkrokodil trifft, die ihr mitteilt, sie müsse den Koffer zu ihrem Vater bringen, um mit »Liebe, Ruhm und Gold« überschüttet zu werden. Also begibt sie sich auf den Weg, der sie über eine Landstraße und ein Bauernhoffest in die rote Stadt führt, wo Loribeth glaubt, ihren Vater zu finden. Verfolgt wird sie stets von drei sprechenden Doggen, die hinter Loribeth und dem Koffer her sind. Tot ist das Kind im Koffer auch nicht, immer wieder bewegt es sich im Koffer und macht auf sich aufmerksam. Anstatt den Vater trifft sie in der roten Stadt nur auf seine schwangere, neue Frau in der gemeinsamen Wohnung.
Schließlich findet Loribeth den Vater auf einer einsamen Insel und übergibt den Koffer, kehrt zurück in ihr Leben, dass sie sich während ihrer Reise aufgebaut hat: mit Fridolin Seifert und seiner Schwester Mabel lebt sie in einem Haus, das sie von den Alimenten des Vaters für sein ungeborenes Kind gekauft hat. Doch auch dort ist sie nicht glücklich.

Michelle Steinbecks Debüt ist ein surrealistischer Roman, der vor allem mit Traummotiven und dem Klang der Sprache spielt. Er setzt sich damit vom 08/15-Roman der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ab. Wer sonst ausschließlich realistische Literatur liest, mag »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« als einen schwer zugänglicher Text empfinden, der – wie im Fall von Alain Claude Sulzer Langeweile, im Fall von Elke Heidenreich aggressive Ablehnung – hervorruft. Ein hermetisch abgeriegelter, unverständlicher Text ist Steinbecks Debüt jedoch keinesfalls.

»Du bist noch sehr Kind in dir drin, seufzt die Alte. Ein weiter Weg … Der Vater ist das Problem: Der Vater ist dir sehr nah… Eine Trennung… Ängste. […] Deine Ängste und Zögerlichkeiten, es sind nicht deine … Es sind die deines Vaters – steck sie in den Koffer, und gib sie ihm zurück! […] Dein Vater steht dir im Weg. Er schirmt dich ab von allen Glückskarten. Die höchste Geldkarte liegt da, die Erfolgskarte auch! Gibt dem Vater seinen Koffer zurück, und du wirst überschüttet mit Liebe, Ruhm und Gold.«

Man kann den Text allegorisch lesen: »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« ist ein Roman über die Schreibkrise des Schriftsteller-Ichs im Text, mit dem Steinbeck selbst natürlich nicht ohne weiteres gleichzusetzen oder für verrückt zu erklären ist, wie es Heidenreich getan hat.
Als Loribeth am Anfang ihrer Reise nach der Prophezeiung der Kartenlegerin den Friedhof verlässt, trifft sie auf einen alten Bekannten, die lebendige Statue eines bebrillten, jungen Dichters an einem Grab: »Erinnern Sie sich überhaupt? Mein Vater und ich, wir kamen früher jeden Tag hierher, um Sie zu besuchen. Sie waren sein grosses Vorbild. Er hat Sie um Rat gefragt für sein Buch, wissen Sie noch? Ich hätte heute auch fast angefangen, etwas zu schreiben.«

Es ist die Schreibmaschine des Vaters, der selbst Schriftsteller und »Gelehrter« ist, wie es später heißt, auf der Loribeth über den Vater zu schreiben beginnt. Das ‚Erbe‘ des Vaters, der sie zwar verlassen, sich aber in seiner Rolle als Vater so tief in ihr Selbst eingeschrieben hat, führt zur Schreibkrise. Das wird spätestens deutlich, als sie fragt: „Können wir nie anders sein als unsere Eltern?“ Der Verlust des Vaters könnte als  für den Roman konstitutives, „traumatisches“ Erlebnis interpretiert werden, das auch den surrealistischen Modus des Textes begründet. In dieser Lesart wäre das untote Kind im Koffer wohl das eigene Ich oder jener Teil des Ichs, der vom Vater – bewusst oder unbewusst – beeinflusst wird und von dem es sich zu lösen gilt, um schreiben zu können.

Steinbecks Roman ist radikal – die Bilder, die sie wählt, kann man geschmacklos finden: Das tote Kind, das in einem Koffer mitgenommen wird, fast jede Figur des Romans, auch die Kinder, raucht pausenlos, es werden Finger und Ohren verspeist, in der roten Stadt, die Loribeth auf der Suche nach ihrem Vater besucht, ist es mehr als ungemütlich:
»In den Gassen gibt es keine Laternen. Es riecht nach Kohlerauch und verwesendem Fleisch. Über den Hauseingängen hängen gehäutete Schafsköpfe, in dunklen Ecken liegen Abfallberge und eingemummte schlafende Menschen. […] Schäumende Maulesel trotten halbtot an mir vorbei, den Rücken verschnürt mit Baumwollballen, die geschwollene Zunge hängt blödsinnig zwischen den Zähnen heraus. Es ist heiß, und durch die Luft, die nach Gewürzen und Pisse riecht, zieht der Kohlerauch.«

Bequem soll der Text nicht sein, thematisiert er doch die Erfahrung einer Krise. Aber darf es solche Bilder in der Literatur nicht geben, wie Heidenreich glaubt? Genau wie Loribeth, das erzählende Schriftsteller-Ich, probiert auch Michelle Steinbeck sich aus, auch in unkonventionellen und radikalen Bildern, um dem Prozess des Schreibens, der Produktion von Literatur in Form des vorliegenden Debüts, der schließlich den gleichen Titel trägt wie der erste Satz des produzierten Textes im Roman, zu ermächtigen. Im letzten Kapitel des Romans wird der Durchbruch der Schreibkrise erreicht:

»Ich höre nicht mehr, ob er Antwort gibt. Ich drehe schnell ein Blatt Papier in die Schreibmaschine ein und hacke auf die Tasten, bis es mir in den Ohren dröhnt, meine Finger taub sind, meine Nägel abgebrochen, und ich mache immer weiter und höre nie mehr auf.«

Auch Michelle Steinbeck sollte nicht aufhören zu schreiben. »Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch« wird es vielleicht nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen, dafür ist der Roman wohl zu speziell, zu experimentell, zu radikal. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Jury des Deutschen Buchpreises Steinbecks Debüt nicht auf die diesjährige Shortlist gesetzt hat. Es bleibt zu hoffen, dass dieser literarisch dichte, metapoetische Text einer begabten jungen Autorin auch fernab des Buchpreis-Rummels nicht allzu schnell in Vergessenheit gerät.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Mitbetreiberin des Blogs Zeilensprünge.


Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. Roman, Lenos Verlag 2016, 153 Seiten, 18€.

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4 Comments

  • Reply
    Claudia
    26. September 2016 at 17:45

    Liebe Tabitha,
    ich habe Heidenreichs Bewertungen im schweizer Literaturquartett auch gesehen – und war, gelinde gesagt, überrascht. Sicher kann jeder einen Roman finden wie er will, er (oder sie) kann ihn verlogen nennen, unehrlich und konstruiert. Kann sich fragen wer ihn lesen möchte usw. usw. Aber dem Autor eine was-auch-immer-für-eine-Krankheit anzudichten, das geht wohl doch zu weit. – Nun finde ich Deinen sehr viel differenzierteren Bericht über den Roman sehr wohltuend. Wenn Du schreibst, er sei „radikal“, „experimentell“ und „allegorisch“, wenn Du ausdrücklich darauf hinweist, er sei „surreal“ und sicher nichts für Menschen, die dem realistischen Roman anhängen, dann ist das doch eine sehr deutliche, eine sehr ehrliche Bewertung – und vor allen Dingen eine, die auch den nötigen Respekt vor der Autorin nicht vermissen lässt. So kann es also auch gehen!
    Viele Grüße, Claudia

  • Reply
    Cora
    27. September 2016 at 12:04

    Liebe Tabitha,
    vielen Dank für deine differenzierte und schön geschriebene Rezension. Ich hatte Heidenreichs Bewertung des Buches gehört und war entsetzt, obgleich ich das Buch gar nicht gelesen habe. Eine Bewertung sollte in meinen Augen immer konstruktiv und so objektiv wie möglich sein, der Respekt sollte gewahrt werden und die Achtung vor der Mühe des Autors bestehen bleiben. Elke Heidenreich hat leider nichts von dem beachtet. Deshalb freue ich mich umso mehr über deinen tollten Text. Ich halte mich aus dem Buchpreis dieses Jahr zwar vornehm heraus, habe aber das Buch von Michelle Steinbeck schon auf meine Leseliste gesetzt. Deine Rezension zeigt mir, dass es eine gute Entscheidung war 🙂
    Liebe Grüße,
    Cora

  • Reply
    jancak
    27. September 2016 at 12:58

    Grauenhaft ist das Buch nicht und eine psychische Störung ist Michelle Steinbeck, die inzwischen ja auch auf Schweizer Shortlist kam, wahrscheinlich auch nicht anzulasten, da hat die gute Frau Heidenreich wohl etwas übertrieben, aber ganz so leicht habe ich mir mit dem Buch auch nicht getan.
    Da war ich auch ein bißchen selber Schuld, denn ich habe es mir als E-Book auf einen Berg mitgenommen, habe es dann mit Nullinformationen über Inhalt und Autorin auf einer Berghütte gelesen und nicht viel verstanden.
    Jetzt bin ich auch eine realistisch Schreibende und Lesende, die mit den schönen Worten allein nicht so viel anfangen kann.
    Verstanden habe ich, da ist eine junge Frau, die in Biel studierte, sehr geheimnisvoll und experimentell schreibt und offenbar und das war für mich das Neue Ungewöhnliche Schwierigkeiten mit Kindern hat und das auch offen schreibt.
    Ohne jeden Zweifel,die junge Frau ist sehr begabt und wir werden wohl noch viel von ihr hören, das war wohl ihr Gesellenstück für die Abschlußprüfung würde ich schätzen und toll, daß es auf beide Listen kam.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/08/30/mein-vater-war-ein-mann-am-land-und-im-wasser-ein-walfisch/

  • Reply
    Thomas
    28. September 2016 at 19:14

    Vielen Dank für diese ausführliche Besprechung. So hätte ich mir das auch im Literaturclub gewünscht. Sicherlich keine Lektüre für jedermann, aber dank deines Artikels kann jetzt jeder potentielle Leser selber entscheiden, ob das Buch für ihn in Frage kommt. Und falls jemand mal wieder ein Beispiel braucht, was Blogger und Kritiker unterscheidet – hier wird man fündig.
    Liebe Grüße
    Thomas

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