Philipp Winklers „Hool“: Knochenbruch mit Tiger

„Gäbe es eine Tür zur Szene, sie wäre fensterlos, stabil, hätte an der Außenseite keine Klinke. Nur eine Metallplatte dort, wo das Schloss sein müsste. Ein Schild wäre fest ans Blatt genietet. Denn von innen bollert und rumst es ordentlich dagegen. Nein, das Ganze müsste schon was aushalten. Das Schild wäre vielleicht rot oder schwarz. In fetten Druckbuchstaben würde darauf stehen: »KEIN ZUTRITT! WEITERGEHEN!«“. So beschreibt der Autor Philipp Winkler in einem Gastbeitrag in der FAZ die Hooligan-Szene – als hermetisches Gebilde, ein exklusiver Klub, der sich gegen Außenstehende abschottet und Geheimnis bleibt. Auch wenn einige Gruppen unlängst während der EM die große Bühne der französischen Städte gewählt haben: normalerweise bleiben Hooligans gerne unter sich. Verlassene Industriegebiete, abgelegene Wälder, ihre Kämpfe sollen möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Wie also sich diesem brutalen Mysterium annähern? Winkler, der mit seinem Debüt „Hool“ nun für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert ist, weist berechtigt auf die Risiken hin: „Wir könnten es hinter der Tür herausfinden. Aber wollen wir das? Wer will schon einen auf die Schnauze kriegen?“ Um nicht auf die Schnauze zu kriegen, hat er den Blick hinter die Tür vom geschützten Raum der Literatur gewagt. Doch kann das gelingen?

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Heiko, Ich-Erzähler und Protagonist der Narration, ist Hannoveraner und damit Hannover 96-Fan. Mit ein paar Bekannten und Freunden ist er Mitglied einer Hooligan-Gruppierung, deren Aktivitäten sich zwischen dem Niedersachsenstadion, dem Studio „Wotan Boxing Gym“ und ihrer Stammkneipe „Timpen“ abspielen, das Milieu ist zwielichtig: „Das Klientel besteht hauptsächlich aus mindererfolgreichen Kampfsportlern, Atzen aus dem Security-Bereich und Bikern. Und leider auch so einigem an rechten Gesocks.“ In ihrem Gebaren ähneln die Hools einer Stammeskultur: nach außen gilt das Gesetz der Stärke, nach innen unbedingte Loyalität. Das Leben ist alltägliche Monotonie, Entgrenzung erfahren die harten Burschen nur während ihrer arrangierten Kämpfe mit anderen Gruppen, am liebsten – so gehört sich das als 96er – gegen Braunschweiger Hooligans: „Es war so ein affengeiles Gefühl, weiß ich noch ganz genau, wie der Pulk an Hools hinter mir herlief.“

Ein echter Fußballfan legt Wert auf Tradition, auf das Althergebrachte.

Die Kämpfe führen zu ekstatischen Zuständen, was sich auf die Form des Romans überträgt: „Ich kloppe ihm einen Schwinger direkt in seine Drecksfresse. Macht den Klappmann, krümmt sich und stöhnt. Spuckt den Schutz in den Sand. Zähne verklebt mit Blut. Bleib unten!“ Die Sprache zieht sich zusammen, wird elliptisch, ist Ergebnis eines unmittelbaren, unreflektierten Eindrucksreigens. Worte als fliegende Fäuste. Der Text, der bis auf ein paar Rückblicke konsequent im Präsens gehalten ist, ist während dieser Kämpfe in der höchsten Form von Gegenwart angekommen. Gegenüber dieser gewalttätigen Euphorie ist der Rest des Tages eine unbequeme Lästigkeit: „Ich komm mir beinah wie der Otto-Normal-Malocher vor, den der Wecker um halb fünf Uhr morgens aus den Laken klingelt, der einen schnellen Kaffee in sich reinschüttet und dann im Halbschlaf über die Autobahn auf Montage bügelt.“

Ich stemme die Hände in die Hüfte. Die Luft splittert wie Sägespäne durch meine pfeifende Lunge.

Doch graue Wolken ziehen in der heilen Hooligan-Welt auf. Einer der Jüngeren der Gruppe hat fußballerischen Erfolg und kann sich die heiklen Kämpfe nicht mehr leisten, ein anderer wird schlicht zu alt. Als schließlich ein Dritter, Kai, sich während eines Kampfes eine schwere Hornhautverletzung zuzieht und droht zu erblinden, vollzieht der Texte eine Wende, die sich Ich-Erzähler Heiko nicht eingestehen möchte: „Heiko, raff es halt mal! Ich hab genug. Das wars für mich. Und du solltest auch endlich im wahren Leben ankommen.“ Parallel dazu besorgt sich Freund Arnim, passionierter Tierbesitzer, einen Tiger, den Heiko mithilft zu beschaffen. Als der Tiger entwischt, ist Heiko gezwungen – symbolischer könnte ein Akt kaum sein – das wilde Tier zu erschießen.

„Hool“ ist ein Familiendrama im Gewand einer Milieustudie. Nach und nach eröffnet der Text – über Begegnungen mit Schwester Manuela und Rückblicke auf Stadionbesuche in Kinderzeiten – dass der Kern dieser Figur eine dysfunktionale Familie ist. Die Mutter ist abgehauen, der Vater erkrankt, Heiko kriegt sein Leben nicht auf die Kette. Doch manchmal können einem selbstgeschaffene Bilder auf die Füße fallen. Die Hooligan-Szene als letztes Mysterium unserer Zeit zu bezeichnen und am Ende hinter der Tür zur Szene einen traurigen Menschen zu entdecken, ist ein ziemlich lahmer Zauber. Der Versuch, dem Klischee vom Hooligan als harter Bursche einen doppelten Boden einzuziehen, wendet sich bei Philipp Winkler wiederum ins Klischee: den Hooligan als Sinnbild für „harte Schale, weicher Kern“ zu entwerfen, ist so aufregend und radikal wie der sonntägliche „Tatort“. Natürlich sind Gewalttäter Menschen, sie sind vielleicht sogar ziemlich lahme Spießer. Dafür lohnt es sich aber nicht, die Tür zur Szene aufzumachen.

„Komm, trink aus. Ich bring dich zurück in die Klinik.“

Sprachlich hat „Hool“ hingegen ein paar spannende Ansätze. So wechselt der Text – durchgängig in Ich-Form geschrieben – häufiger mal den Ton. Als Erzähler ist nie jemand anderes als Heiko markiert, der normalerweise jede Derbheit mitnimmt („Die Hunde bellen sich die Scheiße aus dem Arsch und hören gar nicht mehr auf.“), aber gleichzeitig auch zu derlei poetischen Beobachtungen fähig ist: „Der tiefblaue Himmel über uns, durchschnitten von den Stromleitungen und vereinzelte Wolken, die wie kreidene Elfmeterpunkte und Seitenlinien schwebten.“ Dadurch verwirrt der Text die Rezeption und lässt die Frage offen, ob hier wirklich nur Heiko spricht. Plötzlich ist da etwas anderes, das nicht zugeordnet werden kann. In seinem Versuch, so etwas wie Saufnasen-Poesie – „Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte.“ – zu entwickeln, erinnert „Hool“ an Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“. Doch was sich bei Strunk zu einem ganz eigenen poetischen System verdichtet, wirkt hier wie aus einem Tom Gerhard-Film abgeschrieben.

Philipp Winklers Debüt ist am Ende ein klassischer Roman des zeitgenössischen Kulturbetriebs. „Hool“ postuliert, das Ohr auf der Straße zu haben und Männerschweiß zu atmen, weswegen das Buch jetzt schon mit dem stets für seine authentischen Lebenserfahrungen gerühmten Clemens Meyer verglichen wird. Dieser Roman ist aus dem gleichen Grund auf der Shortlist, aus dem Haftbefehl zum legitimen Goethe-Nachfolger erklärt wird: wer die Straße nur noch vom Blick aus dem SUV kennt, dem kommt das alles furchtbar aufregend vor, ein kleiner Thrill, bevor man auf der Couch einschläft. Die Straßen von „Hool“ sind jedoch aus Papier und sie führen ins Nirgendwo.

Besprechung von: Gerrit ter Horst, Mitbetreiber des Blogs Zeilensprünge


Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag, 2016. 310 Seiten, 19,95€.

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2 Comments

  • Reply
    Deutscher Buchpreis 2016 - Die Shortlist: Ein Überblick
    7. Oktober 2016 at 15:10

    […] Buchpreisblog/Zeilensprünge […]

  • Reply
    Philipp Winkler im Gesepräch: über eine Geschlechterquote und den fehlenden Plan B - Buchpreisblog
    17. Oktober 2016 at 12:26

    […] Roman über die Hooligan-Szene vorgelegt hat. Gerrit ter Horst hat den Roman für den Buchpreisblog besprochen und wir freuen uns, dass der Autor uns außerdem ein paar Fragen beantwortet […]

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