Arnold Stadlers „Rauschzeit“: Heimat war ein Wort aus dem 19. Jahrhundert

Was tun, wenn die Sehnsucht aus dem Leben gewichen ist? Man kann sich damit abfinden und Kochkurse machen, teure Olivenöle sammeln oder Experte für Antikmöbel werden. Oder man bleibt ein Suchender, so wie in Arnold Stadlers neuem Roman „Rauschzeit“, der die Geschichte von Alain und die immer nur Mausi genannte Irene erzählt. Beide sind in der vegetarischen Zeit angekommen, so wird im Roman die Zeit nach der Rauschzeit genannt. In beider Leben klafft eine Lücke, man ist sich fremd geworden. Die Suche nach der verlorengegangenen Leidenschaft mündet in Stadlers Roman in einer Vergegenwärtigung des eigenen Lebens. „Rauschzeit“ ist eine Liebes-, Familien- und Freundschaftsgeschichte in einem und darüber hinaus eine Parabel auf ein kulturell geteiltes Deutschland.

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Plötzlich ist Elfi tot. Die Nachricht erreicht Mausi über ihre Todesanzeige in der FAZ. Suizid war es, ein schleichender Suizid, alkoholinduziert. Als die Nachricht in das Leben beider hereinbricht, befindet sich Alain gerade in Köln auf einer Tagung zu Jean Paul, während Mausi in Berlin weilt. Elfi war eine Freundin des ehemaligen Freundeskreises aus Freiburger Studientagen, der durch die Zäsur, die Elfis Tod darstellt, wieder vor Augen tritt. Vor allem da Alain eine weitere alte Bekannte wiedertrifft: Babette, seine Jugendliebe. Währenddessen verbringt Mausi ihre Tage in Berlin mit einem schmucken Dänen und Verdi-Opern. Das, was der eigenen Ehe verlustig gegangen ist, wird nun von beiden außerhalb gesucht, in der Erinnerung an alte Zeiten und dem Reiz, den das Fremde verspricht.

In den Liebesopern war es genauso. Immer nur Männer, oftmals alte, die diese dicken Romane und Opern geschrieben hatten, und über die Jahrhunderte und Jahrtausende waren es Frauen, die sich von den Männern erklären lassen sollten, was die Liebe war.

Alain ist Übersetzer und sieht sich selbst am Scheitelpunkt des Lebens angekommen: „Ich war nun ein Mann von vierzig Jahren, der so langsam sein Buch Ein Mann von vierzig Jahren hätte beginnen müssen und davon schreiben, und in der grauen Mitte meines Lebens hätte der Satz stehen müssen, dass ich nie zur rechten Zeit glücklich gewesen war, das sollte mein erster Satz sein.“ Das Gefühl des Unglücks ist in Alain eingeschrieben. Der sprechende Name Alain (allein) gibt Auskunft über seinen Zustand, Mausi (moi aussi) stimmt ein. Köln ist ein Mittelpunkt seines Lebens, doch mittlerweile ist ihm die Stadt unbekannt: „Am Ende musste ich ins ibis, da waren keine Freunde mehr.“ In manchen Kapiteln tritt Alain als Ich-Erzähler in Erscheinung, in anderen wechselt die Narration zu einer personalen Erzählerperspektive, die Alain und Mausi gleichzeitig thematisiert. Das verstärkt das Gefühl der Fremde und unterbindet eine klare Identifikation mit Alain. Auch für den Leser soll er ein Fremder bleiben.

Die Wurzeln beider Protagonisten sind tief in die deutsche Geschichte verwoben, wobei Alains Familie ins deutsch-französische Grenzland führt, während Mausis Familiengeschichte sich gen Berlin neigt. Doch Geschichte verläuft in „Rauschzeit“ nicht in feinsäuberlichen genealogischen Linien, sondern kontingent, fragmentiert und assoziativ. Die Erinnerungsarbeit, die hier geleistet wird, resultiert in Rück- und Vorblenden, Anekdoten und verschütteten Episoden. Stadlers Roman ist ein Text auf der Suche, auf der Suche nach den ersten Schmerzerfahrungen, auf der Suche nach einer Sprache über die Liebe. Und Stadler stellt diesen Suchprozess ganz offen aus: der Text schmeckt den eigenen Sätzen nach, kehrt immer wieder zu zentralen Motiven zurück, um sie noch mal abzuklopfen.

Ich war also von Anfang an in eine französische und in eine deutsche Linie geteilt. Die Grenze, zuzeiten eine Todesgrenze gewesen, verlief mitten durch mich. Die deutsche Linien ging wiederum in zwei Hohenzollernschen Linien auseinander, die Mutter von Elaine kam aus Deutschachberg, der Vater aus Sigmaringen.

Die Gegenüberstellung von Alain und Mausi ist auf einer zweiten Ebene die Opposition zwischen West und Ost, Katholizismus und Protestantismus. Im Text sind die Sympathien klar verteilt, Alain neigt zu Berlins Gegenstadt Köln, in der er noch etwas von einem spirituell-mystischen Geist lebendig sieht: „Ein fremderes Wort als Wallfahrt gab es nicht in Berlin.“ Köln ist Sehnsuchtsort und nostalgischer Bezugspunkt einer noch nicht lang vergangenen westdeutschen Vergangenheit, die deutsch-französisch geprägt war: „Köln war die Stadt, wo man im Himmel vom Heimweh nach Köln sang.“ In Berlin hingegen können sie Alains Namen nicht mal richtig aussprechen, das schroffe Preußentum ist ihm fremd.

Das Problem an Stadlers Roman ist das eines Weinkenners. Wer das Weinglas zu exzessiv schwenkt und zu offensiv gurgelt, wird schnell vom Gourmet zum Wichtigtuer. Mit Jean Paul teilt dieser Text die Lust am Fabulieren, mit Doderer – einem weiteren Bezugspunkt – die Bauart als narratives Geflecht von Umwegen. Stadlers Ton ist mal sehnsüchtig, mal polemisch. In Köln sitzt Alain auf einer Parkbank und regt sich über das grassierende Nichtrauchertum auf, an anderer Stelle wird sich über die Bademode mokiert. Doch der Text nimmt auch schon mal gerne eine müde Pointe mit, neigt zum Zotigen: „Denn der Dativ von Vögel hatte es mir auch schon angetan.“

Gab es etwas Undemokratischeres als die Liebe?

„Rauschzeit“ hätte eine klassische Midlife-Crisis-Selbstbespiegelung werden können. Das ist dieser Roman zum Glück nicht, vielmehr geht er von der sehr grundsätzlichen Überlegung aus, dass der Blick zurück klüger macht: „Meine Frage war nun: Was ist Glück? Und meine Antwort: Nachher weiß man es.“ Das bringt den Menschen in die unbequeme Lage immer dann glücklich zu sein, wenn er es am wenigstens erkennen kann. An seinen guten Stellen ist Stadlers „Rauschzeit“ eine sprachlich gereifte, unterhaltsame, mit großer Literatur gesättigte Reflexion über zentrale Themen des Lebens; an seinen schlechten ist es zu verquatscht, verkitscht und von einem unangenehmen Herrenwitz geprägt. Den Rausch, den Arnold Stadler zu bieten hat, ist daher ein kurzer und zurück bleiben leichte Kopfschmerzen.

Besprechung von: Gerrit ter Horst, Mitbetreiber des Blogs Zeilensprünge


Arnold Stadler: Rauschzeit. S. Fischer Verlag, 2016. 547 Seiten, 26€.

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3 Comments

  • Reply
    Deutscher Buchpreis 2016 - Die Longlist: Eine Rezensionsübersicht
    21. September 2016 at 17:57

    […] Buchpreisblog/Zeilensprünge […]

  • Reply
    jancak
    21. September 2016 at 23:21

    Das war fürchte ich eines der flachsten LL-Bücher xhttps://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/19/rauschzeit/, die ich bis jetzt gelesen habe, während ich von Sibylle Lewitscharoff an der ich gerade lese, begeistert bin.
    Beide „Büchner-Preisträger“, beide bekannten Namen und der eine schreibt fünfhundert Seiten darüber, daß der Ich-Erzähler auf einem Kongreß seine Jugendliebe trifft und seine Frau inzwischen in die Oper geht.
    Die Sprache ist schön, keine Frage, ansonsten, das Thema wirklich abgelutscht, der Bodo Kirchhoff https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/09/widerfahrnis/ läßt seine älteren Helden, stattdessen ihre letzte Liebe in Sizilien erleben, aber Mausi und Alain sind ja erst vierzig und eine Patientenverfügung ist eigentlich keine Sterbehilfe und und….
    Altherrenprosa würde ich böse urteilen und das alles schon hundertmal gelesen, berührt hat mich das nicht besonders, eher gelangweilt, während mich die Lewitscharoff, das werde ich noch beschreiben, sehr erstaunt hat, denn die macht sich mit ihrer „zerzwirbelten Sprache“ wohl auch über einen Kongreß lustig, macht das aber in einer erstaunlich neuen Weise und die Flüchtlingsproblematik kommt auch noch darin vor.

  • Reply
    Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“ – Zeilensprünge.
    17. Oktober 2016 at 9:42

    […] feiert. Frank Witzels Buchpreisgewinner, Guntram Vespers „Frohburg“ oder Arnold Stadlers „Rauschzeit“ – sie alle verbindet der Blick zurück auf deutsche Nachkriegszeit, die Verweigerung […]

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