Dagmar Leupold über Erwartungen, Gelassenheit und Altersweisheit

Dagmar Leupold wurde 1955 in Niederlahnstein geboren und veröffentlicht seit 1988 in regelmäßigen Abständen literarische Texte. Zuletzt erschien von ihr „Die Witwen“, ein Roman, der für die Longlist de Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt: zum Deutschen Buchpreis aber auch zu ihrem neuen Buch.

Leupold

Copyright: Volker Derlath

Erst einmal Glückwunsch dazu, dass Sie mit Ihrem Roman „Die Witwen“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stehen – wie haben Sie von der Nominierung erfahren?

Danke! Telefonisch – ich war gerade am Strand in Apulien, als Anna Jung anrief.

Die Freude über die Nominierung war dann wahrscheinlich groß, oder?

Ja, ich habe mich sehr gefreut. Aber ein wenig Erfahrung und Altersweisheit haben mich gelehrt,  solchen Entscheidungen mit  verhaltener Freude zu begegnen.

Der Buchpreis ist jedes Jahr wieder von vielen Diskussionen geprägt: zu wenig Frauen, zu viel alte Autoren – verfolgen Sie diese Diskussionen? Und wie gehen Sie damit um?

Wirklich verfolgen – im Sinne von sehr ernst nehmen –  eher nicht; ich weiß, dass sich irgendwelche Dynamiken und Diskurse jährlich ergeben müssen, gewissermaßen als Gleitmittel und Treibstoff des Betriebs. Daran ist nichts verwerflich, aber man muss es eben mit der notwendigen Ironie betrachten.  Grundsätzlich ist aber schon festzustellen, dass es eine gewisse männliche Dominanz sowohl auf der Seite der Beurteiler wie auf der der Beurteilten gibt.

Sie standen mit Ihrem Roman „Unter der Hand“ vor drei Jahren schon einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreis – können Sie sagen, ob es damals etwas in Ihrem Leben gab, das sich nach der Nominierung verändert hat?

Eigentlich nicht. Ich hatte damals zu hohe Erwartungen – im Sinne von: Jetzt verändert sich alles -, daher bin ich sehr dankbar für die 2. Nominierung, die mir Gelegenheit gibt, meine neue Gelassenheit zu genießen!

Was bedeuten Ihnen Preise und Auszeichnungen überhaupt beim Schreiben?

Ich freue mich über die Anerkennung. Da ich selbst in einigen Jurys war, weiß ich aber auch, dass viele Entscheidungen Kompromisse zwischen unvereinbaren Positionen sind.

„Die Witwen“ ist ein Roman über vier Frauen, die strenggenommen eigentlich gar keine Witwen sind – was ist Ihr Hintergedanke bei dem Titel des Buches gewesen?

Ich hatte so viele Hintergedanken, dass es unmöglich ist sie hier aufzuzählen! Aber ein leitender Gedanke war der nach den Gedenkarten bzw. -formaten für Frauen (Helden sind männlich, Heldenfriedhöfe, Monumente etc.). Daher einmal Dodos Ausruf: Wo liegen die Witwen? Witwenschaft wäre dann so etwas wie ein Zustand der Beraubung. Und nicht zuletzt sind die vier „Witwen“ der Literaturgeschichte: Penelope, die auf Odysseus Wartende, Beatrice, die „santa figura“ bei Dante, Laura, die Untote bei Petrarca und Dodo (Aldonza), die Vorlage für die Dulcinea – doppelt fiktionalisiert – bei Cervantes.

Spannend finde ich auch den Untertitel des Buches – „Ein Abenteuerroman“: die vier Frauen in Ihrem Roman gelangen alle an einen Punkt, an dem sie unglücklich in ihren Leben sind. Einen Punkt, an dem sie auf- und ausbrechen wollen. Was glauben Sie, braucht man zum Glück und woran kann man merken, dass man mit dem was man hat, nicht mehr glücklich ist und sich neu erfinden muss?

Abenteuer – in der weiblichen Version  – hat mehr mit Ankunft (Advent/adventure) zu tun als mit Aufbruch, Heldentaten, Grals- und Glücksuche. Die Frauen kommend erzählend bei  sich an, obwohl sie ja eigentlich gestrandet sind und die Reise nicht der Rede wert ist. (Im Sinne von miles&more). Sie  sind nicht unglücklich, aber beklommen, weniger, weil sie sich neu erfinden müssen: Für mich müssen sie sich ich ihre eigene Geschichte und sich selbst übers Erzählen aneignen und diese selbst – genauso wie die ZuhörerInnen – bezeugen.

Seit 1988 veröffentlichen Sie in schöner Regelmäßigkeit neue Bücher – denken Sie bereits jetzt an Ihr nächstes Projekt oder verweilen Sie gerade noch ein wenig bei den „Witwen“?

Wie nach einer echten Entbindung erst mal Leere, Regeneration und Widmung ans Neugeborene!

Zur Rezension von „Die Witwen“:

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