Erinnerungen an den Deutschen Buchpreis

Während wir uns an den letzten schönen Sommertagen schon fleißig an die Lektüre der nominierten Bücher gemacht haben und die nächsten Rezensionen bereits in Vorbereitung sind, wagen drei von uns auch noch einmal einen Blick zurück: Constanze, Sarah und Claudia denken darüber nach, was sie eigentlich mit dem Deutschen Buchpreis verbinden und welche nominierten Bücher ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind.


13879449_10210213672248851_5898182272446217021_nSarah Reul: Eines hat der Deutsche Buchpreis in den letzten zehn Jahren ganz sicher geschafft – er hat mir einige schöne, literarische Entdeckungen verschafft und es hat mich immer wieder gefreut, Autoren, die ich schon länger lese und schätze, auf der Longlist wiederzufinden. 2012 war für mich einer der stärksten Jahrgänge, denn hier dürfte ich drei sehr unterschiedliche Bücher lesen, die mich, jedes für sich, lange beschäftigt haben. Eine meiner liebsten Entdeckungen war sicherlich das Einlassen auf das Werk von Clemens J. Setz als er für „Indigo“ nominiert wurde und auf der Shortlist landete. Die Kurzbeschreibung sowie das erste Presseecho, was ich las, hatten mich nicht gerade ermuntert. Die Leseprobe hingegen sehr. Ich ließ mich darauf ein und habe es nicht bereut: Setz bricht ein wenig die „Literatur, die wir kennen“ auf – er arbeitet mit unterschiedlichen Textarten/Schriften/Zetteln/Notizen – (was mich zuvor abschreckte, spann im Roman den roten Faden) und man lässt sich auf eine wilde Geschichte ein, die einen Sog entwickelte, dem ich mich nicht entziehen konnte. Spannendes Spiel um Wahrheit, Erleben und geheimnisvoll – ob zum Schluss alle Fäden zusammenlaufen, vermag ich nicht zu sagen, aber das Buch hat es in sich! Er hatte mich durch seine neue Art, Literatur zu interpretieren überzeugt. Das Buch wagte etwas und trotzdem las es sich nicht anstrengend, sondern sehr fesselnd. Noch dazu ist es wunderbar gestaltet, innen und aussen. Zudem beeindruckte mich Michael Roes mit „die laute“. Die Geschichte einer gehörlosen Komponisten klang für mich schon so abstrakt, dass ich allein deswegen das Buch lesen wollte – und es hatte sich gelohnt. Die Leseprobe führte mich in eine der beiden Erzählstränge, die Gegenwart des Protagonisten, der versucht, sein Leben zu führen, seiner Begabung nachzugehen, seiner Musik und der damit mehr als einmal aneckt. Diese Episoden haben mir recht gut gefallen – was das Buch für mich aber wirklich sehr lesenswert machte, waren die Kindheitserinnerungen des Komponisten, die mich stark (und damit lehne ich mich sicher aus dem Fenster, aber gut) an Khaled Hosseinis „Drachenläufer“ erinnerten. Was für eine Sprache, was für eine Geschichte, ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mitgeträumt und eine mir fremde Welt fast berühren können, während ich lesend in ihr versank. Wirklich außergewöhnlich und ganz unbedingt eine Leseempfehlung von mir! Und nicht zuletzt barg die Longlist 2012 einen außergewöhnlichen Roman und letztendlich auch eine meiner liebsten Gewinnerinnen des Deutschen Buchpreises – Ursula Krechel mit „Landgericht“. Damals schrieb ich: Momentan stecke ich in diesem Buch fest. Und das ist nicht negativ gemeint. Es ist nur so, dass man Zeit und Ruhe zum Lesen braucht. Nach manchen Abschnitten muss ich das Buch einfach weglegen und verschnaufen, wirken lassen, drüber nachdenken. So liest es sich recht langsam, aber es brennt sich ein. Das Buch spielt in der Nachkriegszeit und die Atmosphäre belastet einen fast körperlich. Es verschafft mir sehr viel Stoff zum Nachdenken und ein ständiges innerliches „Gut, dass jemand sich damit auseinandersetzt – ein wichtiges Buch“-Nicken. Auch nachdem ich das Buch beendet hatte, hallte es lange nach. Seine reduzierte, sachliche Sprache, die dem Buch öfter angekrittelt wurde, war für mich das Besondere, das Wichtige: die schrecklichen Geschehnisse wirken, so völlig unverkleidet, um vielfaches stärker, bleiben beim Leser, nehmen einen gefangen. Auch das Erlebnis, Ursula Krechel selbst über das Buch sprechen zu hören, hat es für mich zu einem preiswürdigen Buch gemacht – als der Deutsche Buchpreis dann wirklich an sie vergeben wurde, habe ich gejubelt – die Auszeichnung ist sehr verdient!

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Claudia Pütz: Wenn ich noch einmal auf die Buchpreisträger der letzten Jahre blicke, dann erinnere ich einige sehr intensive und spannende Lektüren: Uwe Tellkamp hat mich in seinem Roman „Der Turm“ in die völlig bizarre Welt der DDR-Bürokratie eingeführt, Melinda Nadj Abonji hat in „Tauben fliegen auf“ erzählt, wie wichtig ein prestigeträchtiges Auto ist, wenn die Familie aus der Schweiz im Urlaub zurückkehrt in ihr Dorf in der Vojvodina, und wenn ich an Lutz Seilers „Kruso“ denke, dann habe ich unmittelbar den Blick aufs Meer vor Augen, den Leuchtturm, den Klausner – und steh gleich darauf in der Küche beim stundenlangen und auf höchste Effizienz getrimmten Abwasch, denn es gilt, das Fehlen von Geschirr durch Schnelligkeit beim Spülen auszugleichen.

Der Deutsche Buchpreisroman, der mich aber am meisten beeindruckt hat, ist Kathrin Schmidts Roman „Du stirbst nicht“. Dabei hängt Geschichten um bedrohliche Krankheiten und Tod, noch dazu, wenn sie deutliche Bezüge zum Leben der Autoren haben, der Verdacht an, es gehe auch um den Voyeurismus und das Mitleid des Lesers, der Autor trage quasi das eigene Leid zu Markte, versilbere es in besonders marktgängiger Form. Wenn aber diese Geschichte um Krankheit und Tod so gut erzählt ist, so literarisch eben, wenn im Lesen der Geschichte durch ihre Konstruktion und durch die Sprache weitere Ebenen identifizierbar werden, die weit über Diagnose und Behandlung und Bewältigung dieses Schocks hinausgehen, dann haben die Autoren doch einen Text erschaffen, der viel mehr kann als nur die traurige Story zu einer niederschmetternden Diagnose. Und so ist es in Kathrin Schmidts Roman. Da hat die Protagonistin Helene eine Gehirnblutung erlitten und wacht im Krankenhaus auf. Aber sie kann sich nicht erinnern, wo sie ist, was vor dem Schlafen war. Irgendwo klappert jemand mit Besteck und ihr fällt ein, wie die Mutter vor einer Hochzeit das Silberbesteck poliert hat. Ob hier gerade die Vorbereitungen zu einer Hochzeit stattfinden, fragt sie sich. Jemand spricht und nennt einen Namen. Helene weiß nicht, wie sie heißt, aber sie weiß, dass sie den genannten Namen nicht trägt, auch ein ganz anderes Geburtsdatum hat. In ihre Gedanken rutschen immer wieder englische Sprachfetzen, ihre Tochter wollte nach England reisen, erinnert sie sich. Offensichtlich versucht sie zu sprechen, denn ein Arzt meint, aus ihrem unverständlichen Gemurmel englische Wörter hören zu können. Helene ringt um ihre Erinnerungen, sie ringt um die Worte, sie ringt auch um das Sprechen. Und diesen Kampf erzählt Kathrin Schmidt anhand der Überlegungen, Reflexionen, Wahrnehmungen Helenes. Und zeigt beim Erinnern der eigenen Biographie, wie nebenbei fast, das Leben eines nicht ganz so angepassten Paares in der DDR, zeigt die Wendezeit, das Einrichten in den neuen Lebensumständen in dem neuen Land. Kathrin Schmidt zeigt in diesem Roman aber auch, wie sich da ihre Protagonistin ins Leben zurückkämpft, in die Sprache vor allem, die ihr als Schriftstellerin so wichtig ist, und ins Schreiben natürlich, das ihr so schwerfällt, und wie sie sich ohne jedes platte Selbstmitleid, sondern der üblen Behinderungen zum Trotz mit großer Würde, und manchmal auch gegen die durchaus unwürdige Behandlung im Krankenhaus, Schritt für Schritt ihr Leben zurückerobert. Und das erzählt sie so, dass die Sprache selbst diesen Prozess so anschaulich und lebendig begleitet. Kathrin Schmidts Roman ist zurecht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Es ist ein Roman, der nicht nur 2009 überzeugt, sondern auch heute noch, auch in zehn oder zwanzig Jahren. Für mich ist er einer der Buchpreiseromane, die mich am meisten überzeugt und beeindruckt haben.

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Constanze Matthes über einen stillen Begleiter und ein Schildchen auf dem Buchrücken:

Zugegeben, der Deutsche Buchpreis ist für mich bisher ein eher stiller Begleiter.; obwohl er in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit verlangt und erhält: zum Erscheinen der Long- und der Shortlist und  der späteren Bekanntgabe des Sieger. Ein Großteil des Literaturbetriebs verfolgt das Geschehen konzentriert und mit Spannung. Ich selbst habe in den vergangenen Jahren die Bücher der Nominierten nie bewusst gelesen, eher instinktiv – und mit Hilfe der Stadtbibliothek meines Wohnortes.  Titel, die nominiert waren und auch zum Bestand zählen, tragen eine besondere Markierung – auf dem Buchrücken ist ein  schlichtes „dbp“ aufgeklebt. Dank dieses eher schlichten Zeichens habe ich in den vergangenen Jahren Autoren und Werke entdeckt und kennengelernt, die ich wohl nicht gelesen hätte, aber zu bereichernden Leseerfahrungen geworden sind. Dazu zählen Bücher, die ich besonders mag wegen ihrer besonderen Geschichten, ihrer Sprache – so „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji, die 2010 mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde, oder Thomas Hettche mit „Woraus wir gemacht sind“ (Shortlist 2006). Einige der Autoren, die auf den Listen der vergangenen Jahre auftauchen, habe ich sehr zu schätzen gelernt, allerdings ohne Bindung an den Buchpreis. Wenn ein neuer Titel erscheint, wird er meistens gelesen. Das sind unter anderem Antje Ravic Strubel, Stephan Thome, Michael Köhlmeier und Uwe Timm.  Die Namen der Autoren bleiben eingeprägt in meinem literarischen Gedächtnis. Wie ein Lieblingssong, den man jeden Tag hört, oder ein Gericht, das man sehr oft isst; um es mit alltäglichen Beispielen zu erklären. Blicke ich auf die Liste, sehe ich auch alte Bekannte, die ich gelesen, die mir aber nicht als Nominierte oder gar Preisträger bewusst waren. Zu Romanen, die ich damals empfohlen habe und weiterhin empfehle, zählen der Preisträger von 2011, Eugen Ruge mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ von Saša Stanišić (Shortlist 2006), „Pazifik Exil“ von Michael Lentz (Longlist 2007) und „Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert (Shortlist 2008) – neben einigen weiteren.  Zuletzt habe ich sehr gern gelesen und auch auf meinem Blog beschrieben: „Sieben Sprünge von Rand der Welt“ von Ulrike Draesner (Longlist 2014), „Berlin liegt im Osten“ von Nellja Veremej“ (Longlist 2013) und „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder (Longlist 2014).

Mit dem Buchpreisblog werde ich in diesem Jahr erstmals den Deutschen Buchpreis ganz bewusst begleiten. Nicht vergessen sind indes all jene Nominierten und Sieger der vergangenen Jahre. Sie weiterhin in Erinnerung zu behalten, auch Jahre nach dem Erscheinen, könnte bewusste Aufgabe der Blogger sein und ist sicherlich auch das eher stille Anliegen des Buchpreises über seine Wahrnehmung als Auszeichnung hinaus.


1473086742904Jetzt würde uns natürlich sehr interessieren, wer euer liebster Buchpreistitel ist? Welchen nominierten Titel habt ihr besonders gerne gelesen? An welchen habt ihr besonders gute Erinnerungen? Unter allen, die hier bis zum 23.09.2016 einen Kommentar hinterlassen, verlosen wir ein Longlist-Leseheft – damit könnt ihr  dann schon mal einen Blick auf die gegenwärtig nominierten Autoren werfen!

 

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3 Comments

  • Reply
    Peter Peters
    11. September 2016 at 12:02

    Infolge eures schönen Beitrags habe ich mich noch einmal durch die Übersicht der Preisträger und Shortlists für den DBP geklickt. Zunächst die übliche Reaktion: Erstaunen, punktuell auch ein wenig Erschrecken darüber, wie lange manches schon wieder her ist. Dann aber ein merkwürdig zwiespältiger Eindruck: Einerseits das Gefühl, dass recht wenige Bücher in meinem persönlichen Leseleben dauerhafter wirksam werden konnten, zum anderen und zugleich die Feststellung, dass es doch eine Reihe von Autoren gibt, deren Arbeiten ich mittlerweile regelmäßig verfolge. Ob das mit dem DBP zusammenhängt, weiß ich nicht einmal. Und es gibt einen Roman, der alle anderen überstrahlt, den ich in den letzten Jahren schon drei- oder viermal gelesen habe und den ich bald erneut lesen werde: Stephans Thomes „Grenzgang“.
    Viele Grüße und Dank für Eure schöne Arbeit, die Ihr hier leistet,
    Peter

  • Reply
    jancak
    11. September 2016 at 19:58

    Für mich hat der deutsche Buchpreis auch einige intensive Leseerinnerungen, ab 2009 habe ich ja angefangen mit intensiver damit zu beschäftigen, bin dem Leseprobenheftchen https://literaturgefluester.wordpress.com/2009/08/25/lesebuch-zur-longlist-deutschen-buchpreis-09/ nachgejagt, das in Österreich, glaube ich, nicht zu bekommen ist und seit vorigen Jahr habe ich auch angefangen „Buchpreis zu bloggen“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/08/21/das-literaturpreis-archiv/, das heißt die Bücher zu lesen.
    Im Vorjahr habe ich alle gelesen, heuer kommt ja noch der österreichische Buchpreis https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/06/die-oesterreichische-debut-und-buchpreislonglist/ dazu und von den deutschen habe ich auch schon fast alle Bücher, bei den öserreichischen weniger.
    Jetzt lese ich gerade mein achtes LL Buch, den Thomas Melle und beeindruckend, war wahrscheinlich der „Turm“, den habe ich, glaube ich, in Etappen gelesen, zweimal zum Geburtstag bekommen, immer wieder unterbrochen, einiges verstanden, einiges auch nicht und noch nicht richtig besprochen, was sich später änderte, an den Clemens J Setz „Die Stunde zwischen Frau und Gitrarre“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2015/10/10/die-stunde-zwischen-frau-und-gitarre/ würde ich mich auch besonders erinnern, das war im vorigen Jahr auch mein Lieblingsbuch, aber ich habe ja mehr gelesenhttps://literaturgefluester.wordpress.com/2015/07/09/deutscher-buchpreis/ und auch noch einige der früher Nominierten ungelesen in meine Regalen.
    Arno Geigers „Es geht uns gut“ habe ich auch vor, noch heuer zu lesen, wenn ich mit dem doppelten Longlistenlesen fertig bin.

  • Reply
    write2gether (@write2gether)
    11. September 2016 at 20:12

    Was für ein schöner Beitrag! Gegen die Zeit. Dass, wenn die Knallerei verklungen ist, noch etwas bleibt! Erinnerung, sieht man da, trägt mehr Wert in sich als das brennend Aktuelle. Vielleicht entstehen so doch noch längere Linien? Und doch sind auch diese Bücher mit verstärkter Aufmerksamkeit gestartet. Üblich ist das Verblassen nach 18 Monaten. Dabei haben Bücher ursprünglich den Sinn etwas zu sein, das für Überdauern sorgen kann.

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