Dagmar Leupold: Die Witwen

Mit ihrem Roman »Die Witwen« hat es die Schriftstellerin und Übersetzerin Dagmar Leupold auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist der Roman einer Reise, welche vier Frauen die Mosel entlang, in die Vergangenheit und näher zu sich selbst führt. 

Leupold_Die Witwen

»Die Witwen« sind eigentlich gar keine Witwen. Beatrice, Dodo, Laura und Penelope, die sich Penny nennen lässt, sind seit ihren gemeinsamen Kindertagen in Westberlin beste Freundinnen. Als Penny den aus einer Winzerfamilie stammenden Otto heiratet, zieht sie von Berlin nach Steinbronn, einer Kleinstadt an der Mosel, die Ottos Heimat ist. Es dauert nur wenige Jahre, bis die anderen Frauen Penny folgen, denn »ohne einander konnten die vier nicht. Miteinander durchaus, aber nicht ohne kleinere oder größere Konflikte.«

Dreißig Jahre sind im erzählten Jetzt vergangen, seit die Frauen der Großstadt den Rücken gekehrt haben, die Berliner Freundinnen sind mittlerweile in ihren Fünfzigern. Alle sind in Steinbronn sesshaft geworden – Penny ist Teil des schwiegerelterlichen Familienbetriebs, Dodo betreibt eine Gärtnerei, Beatrice ist Yogalehrerin und Feldenkraistherapeutin und Laura führt eine Logopädiepraxis. Trotzdem sind alle rastlos, nicht zufrieden: »Das halbe Leben haben wir nun schon an diesem Ort der schönen Verheißungen verbracht, aber wir haben kaum etwas erlebt, einfach immer nur gelebt. Lasst uns etwas erleben!« Kurzerhand beschließen sie, über eine Annonce in einer Lokalzeitschrift nach einem Fahrer zu suchen und für ein paar Wochen zu verschwinden, denn das müsse schließlich jeder einmal im Leben tun.

»Wohin genau, war nicht wichtig, wichtig allein war die Fahrt.«

Zusammen mit Bendix, der eigentlich Benedikt heißt und ein aus Steinbronn stammender Nachbar ist, der in Köln Philosophie und Geschichte studierte, ein gebrochenes Herz und eine Schwäche für Zierfische hat, machen sie sich auf, um der Mosel, die ihr Dorf umschließt, bis zur Quelle zu folgen. Halt machen sie in Trier und in Schengen, bis sie in Bussang den Ursprung des Flusses erreichen. Doch die Reise ist noch nicht vorbei, sie fahren weiter zum Hartmannswillerkopf, der Freiluftgedenkstätte des Ersten Weltkriegs in den Vogesen.

Bendix ist es auch, der die Freundinnen heimlich als ‚Witwen‘ bezeichnet, weil ihnen allen »eine zarte Schleppe aus Trauer und Abgelebten« anhängt. Die Gründe dafür sind nur bei Penny von Anfang an bekannt, ihr Vorname ist Programm: Genau wie ihre mythologische Namenspatin, der Ehefrau von Homer, trauert sie um ihren Ehemann, der zwar nicht tot, aber vor acht Jahren von einer Dienstreise in Asien nicht wiedergekommen ist. Der Verlust ihres Mannes und das Nichtwahrhabenwollen seines Verschwindens zeigt sich auch in ihrem Erscheinungsbild: seit er verschwand, hat sie sich nicht mehr die Haare schneiden lassen. Auch darüber hinaus lässt sich eine stark körperliche Bildlichkeit in »Die Witwen« erkennen, immer wieder werden beispielsweise die Füße der Frauen Analysen unterzogen,

Nicht nur als Witwen, auch als Amazonen und Grazien werden die Freundinnen bezeichnet – in gewisser Weise sind die vier Frauenfiguren, die Leupold in ihrem Roman entwirft, ein Konglomerat aus weiblichen Ikonen und Symbolen verschiedener Epochen, wie das Cover des Romans, eine Arbeit von Alexey Kondanov, illustriert.

Im zweiten Teil des Romans erzählen auch die anderen Frauen, was ihnen fehlt, was sie zu ‚Witwen‘ macht. Als ihr Auto auf dem Parkplatz am Hartmannswillerkopf nicht anspringen will, beginnen sie sich zu öffnen und über Erlebnisse zu berichten, die sie geprägt haben und von denen die anderen Frauen auch in den langen Jahren der Freundschaft nichts ahnten. Sie alle betrauern gescheiterte Beziehungen, ein nie geborenes Kind oder den zu früh verstorbenen Vater. »Wir alle sind hier ganz richtig. Hängen geblieben an diesem verrückten Ort, ein Massengrab von Lebensgeschichten.«

Als Friedhof von Lebensgeschichten ist nicht nur die Freiluftgedenkstätte des ersten Weltkriegs, sondern auch das beschauliche Städtchen Steinbronn zu sehen. ‚Erlebt‘ haben die Frauen in ihren Jahren dort wenig bis gar nichts, sie alle erzählen in ihren Geständnissen am Hartmannswillerkopf von der Zeit vor ihrem Umzug in die Provinz, von der Zeit in Berlin. Das Dorf wird zum Ort des Stillstandes, den die Frauen mit ihrem Umzug vor drei Jahrzehnten vielleicht bewusst suchten, um einen Neuanfang zu wagen, der in ihnen in der Mitte ihres Lebens eine Leerstelle lässt und den sie mit Moselwein zu füllen versuchen. Ihre frühen Versuche, die Gemeinschaft und das Leben in Steinbronn aktiv zu gestalten – sie versuchen eine Umbenennung für die zentrale, nach Hitler genannte Adolfstraße durchzusetzen – scheitern.
»Die Witwen« folgt hinsichtlich seiner Abwendung von der Metropole zugunsten des idyllischen Landlebens einem Trend, der sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beobachten lässt (man denke beispielsweise an Juli Zehs »Unterleuten«), bricht aber gleichzeitig mit ihm, da die Großstadtjahre der eigentliche Kern der Grundproblematik des Romans bleiben.

»Ihre Formulierungen wickeln noch das sperrigste ein wie in Geschenkpapier.«

Aus narratologischer Sicht  ist »Die Witwen« recht konventionell erzählt. Ein klassischer, überwiegend allwissender Erzähler berichtet von der Geschichte der Frauen. Die Sprache des Romans ist alles andere als konventionell, sie ist hoch poetisch, jeder Satz, ja, jedes Wort sitzt. Dies führt an einigen Stellen dazu, dass die Rede der Figuren oder ihre Gedanken aus der Zeit gefallen wirken könnten – trotzdem wirkt der Text nicht gestelzt. Der hohe Ton reflektiert in gewisser Weise vielmehr die Tradition der mythologischen und motivischen Verweise, die der Roman aufgreift.

Das Abenteuer, das der selbsternannte Abenteuerroman »Die Witwen« erzählt, ist keine Aneinanderreihung von außergewöhnlichen Ereignissen, auch die eigentliche Autoreise steht nicht im Fokus. Das eigentliche Abenteuer, so Dagmar Leupold im Interview in der SWR2-Sendung Lesezeichen, besteht darin, »dass die Figuren sich selbst erzählen und zu sich selbst finden, eine eigene Stimme entwickeln, anwesend sind.« Am Ende sind die Geschichten der Frauen, die programmatisch mit »Abschaffung«, »Verkennung«, »Dressur« und »Warten« überschrieben sind, leider nicht außergewöhnlich.
»Die Witwen« ist ein poetisch erzählter Roman, der seinen Platz auf der diesjährigen Longlist verdient hat. Ob es zum Sprung auf die Shortlist reicht, bleibt abzuwarten.

Besprechung von: Tabitha van Hauten, Betreiberin des Blogs Zeilensprünge


Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteuerroman. Jung und Jung, September 2016, 236 Seiten, 22 €.

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4 Comments

  • Reply
    jancak
    7. September 2016 at 12:37

    Ein interessantes Buch, ich habe es auch gerade gelesen, ein bißchen hat mich die hochstilisierte etwas altmodisch wirkende Sprache genervt und gibt es Privatgelehrte a la Bendix wirklich noch, aber die Frauen scheinen zum Teil aktuell im Leben zu stehen und es auch zu genießen, bin gespannt ob es auf die Shortlist kommt.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/05/die-witwen/
    Ansonsten finde ich es fein, daß hier die Besprechungen kommen, ich habe schon sehr darauf gewartet!

  • Reply
    Deutscher Buchpreis 2016 - Die Longlist: Eine Rezensionsübersicht
    12. September 2016 at 18:26

    […] Buchpreisblog/Zeilensprünge […]

  • Reply
    Dagmar Leupold über Erwartungen, Gelassenheit und Altersweisheit - Buchpreisblog
    17. September 2016 at 17:33

    […] veröffentlicht seit 1988 in regelmäßigen Abständen literarische Texte. Zuletzt erschien von ihr „Die Witwen“, ein Roman, der für die Longlist de Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Wir haben ihr ein paar […]

  • Reply
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    10. Oktober 2016 at 9:11

    […] „Die Witwen“, jetzt „Widerfahrnis“: Ein Trend, der sich auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen […]

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